Filmreihe Provokation der Wirklichkeit

50 Jahre Oberhausener Manifest


"Der Zusammenbruch des konventionellen deutschen Films entzieht einer von uns abgelehnten Geisteshaltung endlich den wirtschaftlichen Boden. Dadurch hat der neue Film die Chance, lebendig zu werden. Deutsche Kurzfilme von jungen Autoren, Regisseuren und Produzenten erhielten in den letzten Jahren eine große Zahl von Preisen auf internationalen Festivals und fanden Anerkennung der internationalen Kritik. Diese Arbeiten und ihre Erfolge zeigen, daß die Zukunft des deutschen Films bei denen liegt, die bewiesen haben, daß sie eine neue Sprache des Films sprechen. Wie in anderen Ländern, so ist auch in Deutschland der Kurzfilm Schule und Experimentierfeld des Spielfilms geworden. Wir erklären unseren Anspruch, den neuen deutschen Spielfilm zu schaffen. Dieser neue Film braucht neue Freiheiten. Freiheit von den branchenüblichen Konventionen. Freiheit von der Beeinflussung durch kommerzielle Partner. Freiheit von der Bevormundung durch Interessengruppen. Wir haben von der Produktion des neuen deutschen Films konkrete geistige, formale und wirtschaftliche Vorstellungen. Wir sind gemeinsam bereit, wirtschaftliche Risiken zu tragen. Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen". Oberhausen, 28.2.1962

Unterzeichnet von:

Bodo Blüthner, Boris von Borresholm , Christian Doermer , Bernhard Dörries , Heinz Furchner, Rob Houwer , Ferdinand Khittl , Alexander Kluge, Pitt Koch , Walter Krüttner, Dieter Lemmel, Hans Loeper , Ronald Martini , Hansjürgen Pohland , Raimund Ruehl , Edgar Reitz , Peter Schamoni , Detten Schleiermacher, Fritz Schwennicke , Haro Senft , Franz-Josef Spieker, Hans Rolf Strobel, Heinz Tichawsky , Wolfgang Urchs , Herbert Vesely, Wolf Wirth

DAS PROGRAMM


Teil 1
21.12.2012 18:30


Menschen im Espresso
Deutschland, 16', schwarz/weiß, 1958
Regie: Herbert Vesely
Kamera: Wolf Wirth
Schnitt: Inge Walte
Ein Essay über die Modernisierung des Lebens in München, seine Italienisierung: Espressobar und Tische im Freien statt Hofbräuhaus. (Hans Scheugl, 2006)

Das magische Band
Deutschland, 16', farbe, 21 ', 1959
Regie: Ferdinand Khittl
Drehbuch: Bodo Blüthner, Ferdinand Khittl, Ernst von Khuon
Kamera: Ronald Martini
Schnitt: Irmgard Henrici
Musik: Oskar Sala
Die Entstehungsgeschichte des Magnetbandes, in mitreißender Perfektion von Rhythmus, Bild, Text und vor allem mit den Mitteln des Mediums selbst erzählt.

Glühendes Eiland Kreta
Deutschland, 16', schwarz/weiß, 12', 1959
Regie: Pitt Koch
Drehbuch: Pitt Koch, Thomas Münster
Schnitt: Ursel Werthner
Film an der Schnittstelle zwischen traditionellem Kulturfilm und dem Versuch einer Neuausrichtung dessen, was Dokumentarfilm sein könnte. Der neidvolle Blick auf die zeitgleichen Arbeiten der Kollegen vom britischen Free Cinema stachelte den Ehrgeiz des Regisseurs Pitt Koch deutlich an.

Schicksal einer Oper
Deutschland, schwarz/weiß, 10', 1958
Regie: Bernhard Dörries, Edgar Reitz, Stefan Meuschel Kamera: Bernhard Dörries, Edgar Reitz
Schnitt: Bernhard Dörries
Poetischer Dokumentarfilm über das im Krieg zerstörte Münchner Opernhaus: Wir hatten auch so eine Vorstellungswelt, dass erst die Zerstörung die Dinge sichtbar macht. Solange alles intakt ist, ist sozusagen ein bürgerliches Deckmäntelchen über alles gezogen. Aber wenn alles zerstört ist, schaut man in den innersten Kern der Dinge hinein. (Edgar Reitz, 1995)

Moskau ruft
Deutschland, schwarz/weiß, 12', 1959
Regie: Peter Schamoni
Kamera: Jost Vacano
Musik: Occamstreet Footwarmers
Heimlich in Moskau während der Weltjugendfestspiele im Sommer 1957 gedrehter Film von Peter Schamoni. Als sein Kameramann fungierte Jost Vacano. Auf ihrer Reise machten sie authentische Film- und Tonaufnahmen, die so vorher noch nie in westlichen Ländern zu sehen waren.

Stunde X
Deutschland, schwarz/weiß, 04', 1959
Regie: Bernhard Dörries
Kamera: Wolf Wirth
Musik: Josef Anton Riedl
Eine Blindgänger-Bombe ist gefunden worden und wird auf einem Lastwagen durch die Stadt transportiert. Ungleichzeitigkeit im Wiederaufbau: noch Kriegsruinen; aber auch Neubauten ragen schon auf; an einer Straßenbahnhaltestelle wird gerade gebaut.

Trab Trab
Deutschland, schwarz/weiß, 11', 1959
Regie: Detten Schleiermacher
Drehbuch: Marc Vallier
Kamera: Wolf Wirth, Rob Houwer
Schnitt: Ursel Werthner
Musik: Hans Loeper
Zum Filmemachen kam Detten Schleiermacher erst spät in seinem Leben. Eigentlich war er Typograf. Mit Trab Trab versuchte er sich verschmitzt an einer Synthese von Dadaismus und Neuer Sachlichkeit.

Salinas – Salinas
Deutschland, schwarz/weiß, 11', 1960
Regie: Raimond Ruehl
Kamera: Pitt Koch
Schnitt: Ursel Werthner
Musik: Hans Loeper
Salzernte in einer großen Saline am Mittelmeer. Von der Atmosphäre her erweckt der Film den Eindruck einer existenzialistischen Allegorie, in der die Arbeiter sysiphosgleich in einer Salzwüste zu nie endender Tätigkeit verdammt sind.

Schatten
Deutschland, schwarz/weiß, 10', 1960
Regie: Hansjürgen Pohland
Drehbuch: Leon G. Friedrich
Kamera: Friedhelm Heyde
Schnitt: Christa Pohland
Musik: Manfred Burzlaff Septett
Ein Schwarz-Weiß-Experiment aus Licht und Schatten – den Grundmaterialien der Kinematografie und anderer Projektionskünste.


Teil 2
22.12.2012 14:00


Brutalität in Stein
Deutschland, schwarz/weiß, 11', 1961
Regie: Peter Schamoni, Alexander Kluge
Kamera: Wolf Wirth
Schnitt: Heidi Rente
Musik: Hans Posegga
Origineller wie zeitgeschichtlich bedeutsamer Versuch (...) die Barbarei einer fluchbeladenen Epoche aus ihren Bauten abzulesen – Hitlers Nürnberge r Parteibauten, die auf kontrapunktische Weise mit dem Glanz und Schrecken von einst konfrontiert werden (...) ein Ton- und Bildgemälde von unerbittlicher innerer Folgerichtigkeit. (Hans Sahl, 1961)

Kommunikation – Technik der Verständigung
Deutschland, farbe, 11', 1961
Regie, Drehbuch, Kamera: Edgar Reitz
Schnitt: Anni Giese
Musik: Josef Anton Riedl
Ein Industriefilm für die Post: Vernetzung der Welt mittels der neuesten Kommunikationstechniken. Ein technophiles Ballett in der geheimnisvollen Welt der Relais, Ultrakurzwellenkanäle und Dezimeterbrücken.

Notizen aus dem Altmühltal
Deutschland, schwarz/weiß, 17', 1961
Regie, Drehbuch: Hans Rolf Strobel, Heinrich Tichawsky
Kamera: Heinrich Tichawsky
Der BRD-Süden als Mezzogiorno der Wirtschaftswunderrepublik: Die einfachen Leut‘, wie man so sagt, vegetieren ein wenig stumpf durch die Tage, die Behörden tun nichts zur wirtschaftlichen, damit sozialen Entwicklung der Region, während die Lokalhonoratioren besserer Zeiten gedenken.

(Plakate der Weimarer Republik) Parolen und Signale
Deutschland, farbe, 10', 1962
Regie: Haro Senft
Drehbuch: Haro Senft, Hans Loeper
Kamera: Heinz Furchner
Schnitt: Ursel Werthner
Musik: Hans Loeper
Foto- oder eben Plakatefilm. Plakate der Weimarer Republik – so auch ein anderer Titel dieses Films – dienen als Auslöser, die Geschichte der ersten deutschen Republik und was sie hat scheitern lassen, an die Nachgeborenen weiterzugeben.

Süden im Schatten
Deutschland, schwarz/weiß, 9', 1962
Regie, Kamera: Franz Josef Spieker
Drehbuch: Franz Josef Spieker, Gualtiero Guidi
Musik: Hans Loeper
Winter in einem Fischerstädtchen an der italienischen Küste: Die Hotels sind leer, viele Fenster verrammelt, die Plakate des letzten Sommers hängen in Fetzen von den Häuserwänden. Weiter geht das Leben erst in einem halben Jahr.

Das Unkraut
Deutschland, schwarz/weiß, 11', 1962
Regie: Wolfgang Urchs
Drehbuch: Detten Schleiermacher, Boris von Borresholm
Kamera: Peter Rosenwanger
Musik: Wilhelm Killmayer
Dieser amüsante Animationsfilm von Wolfgang Urchs fällt schon aufgrund seiner Gattung aus dem Rahmen dieser Kurzfilmzusammenstellung. Der Zeichentrickfilm ist eine politische Metapher über ein Unkraut, welches eine ganze Stadt überwuchert und schließlich die Menschen tötet, die zuvor nichts dagegen unternommen haben, weil es sie entweder nichts angeht oder sie einer ineffizienten und unflexiblen Bürokratie folgen.

Es muß ein Stück vom Hitler sein
Deutschland, schwarz/weiß, 11', 1963
Regie, Drehbuch: Walter Krüttner
Kamera: Fritz Schwennicke
Musik: Erich Ferstl
Szenen vom Führerkult am Obersalzberg, präsentiert in einer Mischung aus direct cinema und Mad. Touristen aus aller Welt werden in Busladungsstärke angekarrt, durch die Ruinen von Hitlers Berghof geleitet und zum Schluss mit Souvenirs versorgt. Am Ende bezeichnet einer der Führer die Busgesellschaften als „Transporte“ ...

Anmeldung
Deutschland, 10', 1964
Regie, Drehbuch, Schnitt: Rob Houwer
Kamera: Fred Tammes
Musik: Erich Ferstl
Anmeldung – Ein weiteres Highlight dieser Doppel-DVD. Rob Houwers intensives Porträt einer älteren Frau und gleichzeitig des Umgangs der Gesellschaft mit den Alten. Rob Houwer gewann mit diesem Film 1964 den silbernen Bären für den besten Kurzfilm . Großes Kino in kleiner Form.

Marionetten
Deutschland, schwarz/weiß, 11', 1964
Regie, Drehbuch: Boris von Borresholm
Kamera: Hans Schmid
Musik: Jochen Faber
Eine Nebenfigur in einem Marionettenfundus führt den Zuschauer durch ein kleines Welttheater, wo man nun verschiedene Typen trifft, darunter den Verführer, den Demagogen und die folgsame Masse. Ambitionierte, aufklärerische Puppenanimation.

Granstein
Deutschland, schwarz/weiß, 13', 1965
Regie: Christian Doermer
Drehbuch: Christian Doermer, Detten Schleiermacher, Michael Schumann
Kamera: Ingo Grill, Lothar Spree, Konrad Kotowski
Schnitt: Christian Doermer, Heidi Rente
Ein Porträt des Weilers Granstein bei Sölden, Österreich. Eine marxistisch grundierte Studie über Herrschafts- und Besitzverhältnisse, das Selbstverständnis,-bewusstsein der Bauern und die Zukunft einer ganzen, damals von vielen als fast obsolet empfundenen Lebensweise.

Zurück