Sprechstunde – die Sprachkolumne
Englisch ist auf Spanisch Deutsch

Lilafarbene Gedankenblase mit bunten Punkten
Kindersprache ist von einer eigenen Schönheit | © Goethe-Institut e. V./Illustration: Tobias Schrank

Die Sprache der Kinder ist oft gleichermaßen poetisch wie philosophisch. Was können wir als Erwachsene davon lernen?

Als unsere Tochter drei Jahre alt war, bekam sie eine fiebrige Erkältung. Ein paar Tage lang tat sie kaum etwas anderes als zu wimmern und zu schlafen. Dann, eines Morgens, das Schlimmste war überstanden, schaute sie mich aus glasigen Augen an und fragte: „Wo bin ich nicht?“ Und kurz darauf: „Papa, Englisch ist auf Spanisch Deutsch.“ Das war der Anlass für mich, ein Heft anzulegen, in dem ich alles mitschrieb, was sie und später ihre Schwester Festhaltenswertes sagten. Dinge wie: „Es gibt vier Jahreszeiten: Sommer, Herbst, Winter, Schnee.“, „Machst Du mir den Ball auf?“ (Eine Orange sollte geschält werden.), „Wenn der Tiger Geburtstag hat, bekommt er bestimmt Fleisch als Geschenk.“ oder „Wasser macht keine Krümel.“ Mit der Zeit wurden richtige kleine Geschichten draus: „Menschen haben ja mehrere Leben. Im Leben als Toter liegen sie im Grab und können viele Sachen nicht mehr: Essen, trinken, reden, pupsen, Fahrradfahren, lesen. Sie können sich auch nicht mit anderen Toten unterhalten. Dafür kann man aber sein Skelett sehen, was man bei Lebenden nicht kann.“ 

Die unerklärbare Wunderbarkeit der Welt

So füllte sich über die Jahre ein ganzes Buch, das wir immer wieder gern zusammen anschauen, weil wir uns über die Worte an Situationen von damals erinnern. Woran wir uns aber nicht erinnern können: Wie sie die Sprache eigentlich gelernt haben. Ja, wir haben viel gesprochen, gesungen, vorgelesen. Sie sind im Kindergarten gewesen. Aber das erklärt doch nicht einen Satz wie: „Wer hat das Wort ‚offensichtlich‘ eigentlich erfunden?“ im Alter von vier Jahren.
 
Alle Theorien, die ich zum Spracherwerb gefunden habe, überzeugen mich nicht – allein schon, weil es mehrere gibt und alle auf ihre Weise Recht zu haben scheinen. Mal wird das Sprachvermögen als angeboren betrachtet, mal als Ergebnis der Interaktion mit der Umwelt, mal als Teil der allgemeinen Entwicklung des Kindes. Was mir an diesen wissenschaftlichen Erklärungen fehlt, ist das Wort „Poesie“. Und zwar „Poesie“ in ihrer für mich stärksten Bedeutung: Als Annäherung an die unerklärbare Wunderbarkeit der Welt. 

Die Utopie der Kindersprache

Die Kindersprache ist von einer eigenen Schönheit, sie ist im wahrsten Sinne „unschuldig“ und sie ist geradezu philosophisch klug, regt ungemein zum Nachdenken an, auch über das Wesen der Sprachen. Ist nicht jedem Ding, jedem Sachverhalt auf der Welt ein Wort zugeordnet? Ein Wort, das sich eben in allen Sprachen unterscheidet (aber in verwandten Sprachen natürlich gleich oder ähnlich sein kann)? Wenn ich alle Wörter einer Sprache kenne – was nie der Fall ist, alle Wörter kennt nur das Wörterbuch und auch das kennt noch nicht die Wörter, die grade geboren werden –  kann ich diese Sprache noch längst nicht sprechen. Denn ich kenne die Kultur der Sprache noch nicht; kenne nicht die Kontexte, Betonungen, die soziale Grammatik, ganz zu schweigen von der Grammatik im eigentlichen Sinne.
 
Wie schwierig das alles scheint – und wie leicht und spielerisch sich dagegen die Kindersprache ausnimmt, in der für mich vor allem auch eines steckt: eine Utopie. Sprache kann immer neu gelernt werden. Warum nicht auch einmal in die andere Richtung? Nicht vom Kind zum Erwachsenen, sondern vom Erwachsenendenken zurück zu dem des Kindes. Ich meine damit natürlich nicht die Regression, das unreife, dümmliche Verhalten mancher Erwachsener. Sondern die Offenheit, die Empathie, zu der Kinder in besonderem Maße fähig sind. 

Vertrauenslust 

Als wir einmal beim Spazierengehen einen Storch sahen, der ein paar Meter von uns entfernt in der Wiese nach Nahrung suchte, sagte unsere Kleine: „Die Tiere haben Vertrauenslust auf uns, weil sie wissen, dass wir sie nicht töten wollen. Deshalb tun sie uns auch nichts.“ – Wie sähe wohl eine Welt aus, die von der „Vertrauenslust“, nicht nur zwischen Mensch und Tier, geprägt wäre? Eine Welt, in der (Sprach)Grenzen so einfach weggedacht werden wie in dem Satz „Englisch ist auf Spanisch Deutsch.“ In der wir uns, statt auf unseren engen Alltag zu konzentrieren, ab und zu mal fragen: „Wo bin ich nicht?“
 
In diesem Sinne – mit einem letzten Zitat meiner Töchter – an alle Sprachkinder, die sich die Poesie der Kindersprache bewahren: „Schöne Grüße aus Berlin und aus mir.“
 

Sprechstunde – die Sprachkolumne

In unserer Kolumne „Sprechstunde“ widmen wir uns alle zwei Wochen der Sprache – als kulturelles und gesellschaftliches Phänomen. Wie entwickelt sich Sprache, welche Haltung haben Autor*innen zu „ihrer“ Sprache, wie prägt Sprache eine Gesellschaft? – Wechselnde Kolumnist*innen, Menschen mit beruflichem oder anderweitigem Bezug zur Sprache, verfolgen jeweils für sechs aufeinanderfolgende Ausgaben ihr persönliches Thema.