Social Design Ukrainische Stadtbewohner als Designer und Nutzer

ART-Mobilmachung
ART-Mobilmachung | Foto: Borovets

Aktuelle Trends im Stadtdesign und neue Technologien – wie Soziale Medien – machen es für Stadtbewohner möglich, an der Gestaltung öffentlicher Räume zu partizipieren. So verschwimmt die Grenze zwischen Designern und Nutzern.

Das Design wird zu einer Zugkraft für Veränderungen der Gesellschaft. Ukrainische Stadtgestalter beziehen die Nutzer in Entwicklungsprozesse ein. Das Ergebnis entspricht den Erwartungen von allen.

Es geht nicht um gemalte Bildchen, sondern um eine Problemlösung

Der dekorative Bestandteil ihres Projektes interessiert sie am wenigsten, denn er betrifft die zwischenmenschliche Kommunikation nicht. Eben diesen kommunikativen Bestandteil bezeichnen Agenten der Veränderungen als Grundlage für ihre Designarbeit.

Im Rahmen der Initiative, die der ukrainische Designer Ihor Skljarewskyj ins Leben gerufen hat, werden kostenlose Designprojekte im Bereich der Navigation in der ukrainischen Hauptstadt Kiew entwickelt. Im Agenten-Team werden sie liebevoll „Traumprojekte“ genannt.

Design für die S-Bahn, Navigation und Plan für die Kiewer U-Bahn, Ticketsdesign und Straßennavigation in der ukrainischen Hauptstadt – schwer vorstellbar, aber alle diese Entwicklungen haben nicht mit der Stadtverwaltung zu tun, sondern sind das Werk von einem Dutzend Designer und von Tausenden Nutzern sozialer Netzwerke.

„Seit über vier Jahren hatte ich mehrfach den Wunsch gehabt alles hinzuschmeißen. Die einzigen, die mich davon abhalten konnten, waren die dreitausend Follower unserer Gemeinschaft bei Facebook, die für unsere Projekte mitgefiebert und bei deren Entwicklung mitgeholfen haben“, erzählt Ihor Skljarewskyj.

Er ist überzeugt, dass er die richtigen Fachleute um sich versammeln konnte. Sie sind bereit die Projekte zu unterstützen ohne sich dabei sicher sein zu können, dass sie je umgesetzt werden. Das Wichtigste an ihrer Arbeit ist aber das Feedback der Nutzer, die ihre Initiative unterstützen, finden die Agenten.

„Insgesamt sind etwa 150.000 Menschen mit unserem Projekt in Berührung gekommen. Das heißt, sie haben unsere Berichte gelesen und mit uns auf die eine oder andere Weise darüber kommuniziert“, sagt Sklarewskyj „Wir haben über tausend Kommentare zu unseren Postings bekommen und sogar 120 Briefe. Beispielsweise haben alleine an der Diskussion zum U-Bahn-Plan über 6.000 unserer Facebook-Freunde teilgenommen. Nicht mal ein einziger orthografischer Fehler hatte eine Chance, unser Navigationsschema zu stören, da wir die kleinste Kritik unmittelbar mitbekommen konnten“.

Die Stadtnavigation und der neue U-Bahn-Plan, die von „Agenten“ entwickelt worden sind, bezwecken in erster Linie bequeme Orientierung in der Stadt für Einwohner und Touristen. Es geht ihnen schließlich nicht um schön gemalte Bildchen, sondern um eine Problemlösung.

Ein Blogbeitrag lässt Bäume auf der Hauptstraße wachsen

Dass die Schlüsselmagistrale der ukrainischen Westmetropole Lwiw nach der Sanierung ganz ohne Grünanlagen geblieben ist, sahen zwei Stadtaktivisten als Problem. Ohne darauf zu warten, bis die Bäume in der Horodozka-Straße alleine wachsen, haben sie angefangen, Fotocollagen der Straßen mit Grünanlagen zu entwerfen.
 
Das Feedback ließ nicht lange auf sich warten, da Olexandr Schutjuk, einer der Mitautoren des Begrünungsprojektes, entsprechende Ergebnisse in seinem populären Blog postete. Diese Postings wurden sehr aktiv kommentiert und bewertet. Eine detaillierte Beschreibung des Projektes veröffentlichte Olexandr auch in seinem Blog und teilte sie über mehrere Social Media-Kanäle. Die User konnten den Fortschritt bewerten und ihre Empfehlungen mitteilen.
 
Manche Postings haben Hunderte von Kommentaren gesammelt. Die Bemerkungen der Nutzer gingen unterschiedlichste Details des Projektes an – von der Wahl der Bäume bis hin zum richtigen Abschluss des begrünten Streifens. In Endeffekt wurde diese Initiative von der Presse entdeckt und schon Ende Sommer aus der digitalen Existenz in die Realität „übertragen“, auf der zentralen Straße von Lwiw umgesetzt.
 
Heute haben sich viele Bewohner von Lwiw schon daran gewöhnt, dass eine lange Reihe von jungen japanischen Zierkirschen die zentrale Straße schmückt. Dabei  existierte das Projekt vor kurzem nur in der Vorstellung von zwei Aktivisten und im Internet.

Partizipativer Wiederaufbau nach dem Krieg

Manchmal lohnt sich aber auch eine einfache Befragung von Fußgängern in der Stadtmitte. So haben Künstler und Architekten der Initiative ART-Mobilmachung eine Bestandsaufnahme im ostukrainischen Slowjansk organisiert. Anfang Winter 2015 ist eine Gruppe von Künstlern und Architekten der Initiative in die Nachkriegsstadt gekommen, um den Menschen dort beim Wiederaufbau zu helfen.
 
Das Team bestand aus zwei Gruppen – bildenden Künstlern und urbanen Architekten. Das Ergebnis ihrer Arbeit war ein Kartenkatalog, den die Bewohner von Nachkrieg-Slowjansk benutzen konnten. Auf den Karten sind unter anderem sichere und unsichere Stadtteile gekennzeichnet sowie zerstörte und verlassene Häuser. Es gibt außerdem noch eine Karte über die Verkehrs- und Fußgängerzugänglichkeit der Stadt und eine Karte über die Entwicklungsperspektiven von Slowjansk.
 
Die Urbanisten haben sich um das Co-Design mit den Menschen vor Ort bemüht und betonen, dass es ohne den Einsatz der Bewohner von Slowjansk kaum möglich gewesen wäre, ein genaues und präzises Kartendesign zu entwerfen. Im Rahmen von ART-Mobilmachung wurden auch diejenigen Projekte der Stadtentwicklung diskutiert, die die Menschen vor Ort mit eigenen Kräften in der nächsten Zeit umsetzen könnten.

Co-Design als Schwerpunkt

User Generated Kyiv heißt ein Ideenwettbewerb während des internationalen Architekturfestivals CANactions. Co-Design wird seit dem letzten Jahr thematisch ins Festivalprogramm aufgenommen. Beim Wettbewerb konnte dieses Thema besonders gut aufgegriffen, schließlich präsentierte jeder Teilnehmer seine eigene Lösung des einen oder anderen aktuellen Problems der ukrainischen Städte.

„Menschen liefern wirklich kreative Ideen, wenn es um die Stadtentwicklung geht“, sagt Anastassija Ponomarjowa, Koordinatorin von CANactions

Außerdem geht es dabei auch um die Nachhaltigkeit, da die Menschen, die an der Entwicklung und Umsetzung einer Initiative beteiligt sind, werden für den umgestalteten Ort sorgen. Wenn das Projektteam seine Mission beendet, sind sie diejenigen, die buchstäblich die Verantwortung übernehmen.

Beim Festivals finden Workshops statt, während derer Architekten, Designer und einfache Stadtbewohner über eine Strategie für die Entwicklung einer postindustriellen Zone in Kiew beraten. Das Hauptziel dieser Workshops – die verlassene und heruntergekommene Gegend der ehemaliger Industriezone so zu verwandeln, dass sie zu einer Problemlösung, ja einem Kulturzentrum des Stadtteils wird.

Mehrere Meisterklassen sind der gemeinsamen Kartierung von positiven urbanen Erfahrungen in der ukrainischen Hauptstadt gewidmet. So werden beispielsweise alle Teilnehmer die Möglichkeit bekommen, mit speziellen Stickern ihre Lieblingsplätze auf der Kiewer Stadtkarte zu markieren, die noch offen sind. Auf diese Weise wird das Team von CANactions später das Design einer digitalen Karte von Kiew entwickeln, die die Stadtbewohner nutzen und erweitern können.

Durch diese Erforschungen und das Co-Design-Prinzip verfolgen die Urbanisten das Ziel, das Verantwortungsgefühl gegenüber dem Gemein­schafts­eigentum und den gesellschaftlichen Verpflichtungen vor Ort zu stärken. Schließlich ist es allen klar, dass die Stadtbewohner für Projektierung und Design im städtischen Raum einfach unentbehrlich sind, sagen die Architekten von CANactions.

In der letzten Zeit entwickelt sich das Co-Design zu einem richtigen Trend. „Das Zeitalter der Egomanen unter den Stadtentwicklern ist vorbei“, meint Ponomarjowa „Uns allen entgeht nicht, dass die Menschen zurzeit sehr aktiv sind, deshalb brauchen wir keine schlauen Tricks anzuwenden, um die Motivation zu erhöhen“. Manchmal ist es ausreichend, einen Aufruf über Facebook zu starten  – und schon ist genug Aufmerksamkeit geweckt.

Im Rahmen des Projektes „Zeitgeist“ mit dem Magazin „Platfor.ma“