Ukrainisches Theater Durch Glasmauer getrennt

"Protection" von Anja Hilling im Neuen Theater in Petschersk, Kiew
"Protection" von Anja Hilling im Neuen Theater in Petschersk, Kiew | Foto: Goethe-Institut Ukraine

Ist die Integration des ukrainischen Theaters in die europäische Theaterlandschaft möglich?

Beispiel Zholdak - eher präzendenzlos

Letztes Jahr (2014) hat der ukrainische Regisseur Andriy Zholdak zwei Theaterstücke in Deutschland inszeniert  –  die Oper „Mirandolina“ von Bohuslav Martinus  im Stadttheater Gießen und „Die Verwandlung“ nach der gleichnamigen Erzählung von Franz Kafka im Theater Oberhausen. In Oberhausen war es schon sein drittes Engagement. 2009 hat Zholdak dort „Sexus“ von Henry Miller  inszeniert, zwei Jahre später – „Idiot“ von Fjodor Dostojewski.
 
Deutschland, wo der Ukrainer unter anderem auch mit der Berliner „Volksbühne“ gearbeitet hat, ist nicht das einzige europäische Land, in dem der ukrainische Regisseur gefragt ist. Er hat Engagements in Schweden, Mazedonien, in der Schweiz. In Rumänien und Finnland wurden Theateraufführungen unter seiner Regie als saisonbeste ausgezeichnet.
 
Eigentlich kann das Beispiel Andriy Zholdak als eine verwirklichte europäische  Integration des ukrainischen Theaters gelten. Schade nur, dass sein Fall eher präzedenzlos ist. Sein Erfolg hat aber nicht nur mit der Ausnahmebegabung, überdurchschnittlichen Managereigenschaften und der enormen Künstlerenergie  zu tun ,  sondern auch mit der Tatsache, dass er mit den westlichen Zuschauern eine für sie verständliche moderne Kunstsprache spricht.
 
In seiner Heimat hat Zholdak zuletzt 2008 ein Theaterstück neu inszeniert.  Symbolisch ist, dass es Georg Büchners „Woyzeck“ war, dessen Aufführung am Taras-Schewtschenko-Theater in Tscherkassy durch das Auswärtige Amt finanziell unterstützt wurde. Der Regisseur Zholdak und seine Arbeit sind in der Ukraine durchaus umstritten, für manche gilt er sogar als enfant terrible der ukrainischen Bühne. Journalisten fokussieren sehr stark auf dem  exotischen Auftreten des Künstlers in der gesamtukrainischen Theatersituation. Interessant ist übrigens, dass gerade sein „Woyzeck“ regelmäßig im Rahmen von internationalen Festivals – von Brasilien bis Japan – gezeigt wird, aber kaum in Tscherkassy selbst. Der Grund ist womöglich auch das fehlende Interesse des dortigen Publikums an dieser Aufführung.

Theater formt den Geschmack

Es gibt einen berühmten Satz des Dichters Alexander Puschkin, der einmal gesagt haben soll,  das Publikum schaffe dramaturgische Talente selbst. Der Gedanke ist nicht verkehrt, aber genauso richtig wäre zu behaupten, dass auch das Theater selbst den Geschmack des Publikums formt.
 
Zuschauer, die an durchschnittliche Aufführungen gewohnt sind, stehen schließlich skeptisch bis feindlich den ernsthaften  Werken gegenüber, die zum Nachdenken bewegen. So hat sich eigentlich die Lage im ukrainischen Theater entwickelt. In den letzten Jahrzehnten wurde hauptsächlich an der Publikumsunterhaltung gearbeitet, das Theater hat sich quasi selbst die Ketten primitiver Formen aufgezwungen und auf das Experimentieren verzichtet.  Paradox an der jetzigen Situation ist, dass die Künstler meistens keinen Verdruss wegen dieser Zurückgebliebenheit verspüren. Es betrifft natürlich die allgemeinen Tendenzen, die Ausnahme bildet lediglich eine ziemlich kleine Gruppe von Theaterregisseuren, -schauspielern und Bühnengestaltern, die irgendwie versuchen, ihre künstlerischen Bemühungen mit der Entwicklung der modernen Bühnenkunst zu synchronisieren. 
 
Darüber, was im Theater in der Welt so passiert, haben die meisten Theaterkünstler in der Ukraine eine sehr oberflächliche Ahnung. Mit dem Publikum ist die Situation noch schwieriger.  Es würde ausreichen zu sagen, dass es wohl nie gesehen hat und wahrscheinlich auch in der nahen Zukunft kaum die Möglichkeit bekommt, die Inszenierungen von Robert Lepage und Bob Wilson, Luk Perceval und Krzysztof Warlikowski, Katie Mitchell und Heiner Goebbels, Christoph Marthaler und Ivo van Hove,  Alvis Hermanis und Sascha Waltz sowie anderer das Gesicht des modernen europäischen Theaters prägenden Künstler zu sehen.
 
Man muss auch sagen, dass  das ukrainische Publikum mit der Vielfalt der Bühnendialekte nicht vertraut ist und daher im besten Fall misstrauisch, wenn nicht gerade aggressiv den Versuchen mancher Regisseure gegenübersteht, mit Formen zu experimentieren.  Manche sind der Meinung, dass das Hinterherhinken des ukrainischen Theaters mit fehlenden modernen Bühnentechnologien zu tun hat.  Doch sehr wahrscheinlich ist diese Kluft tiefer und prinzipieller. Zurzeit kann man auch bei den Theateraufführungen in der ukrainischen Peripherie Videoprojektionen und Computereffekte bewundern.  Das Gefühl der Reservation, des fatalen Abgekoppeltseins  von der zivilisierten Welt verschwindet dabei aber nicht. Ukrainische Regisseure, mit seltenen Ausnahmen, interessieren sich nicht für neue Kunstmethodologie und was noch bitterer ist – sie bewegen keine großen Themen.  

Festhalten an Gewöhntem

Mit seinen dürftigen Ideen und dem atrophierten öffentlichen Gewissen fristet das ukrainische Theater das scheinbar sorgenlose Dasein in der Abgeschiedenheit – zufrieden mit seiner mickrigen Stabilität. Das Festhalten an Gewöhntem hinterlässt seinen Spuren auch an Theaterprogrammen: es überwiegen entweder klassische Werke oder westliche Boulevard-Kassenschlager aus den 60-er und 70-er Jahren. Die neue europäische Dramaturgie ist praktisch unbekannt.
 
Dazu kommen Probleme der ukrainischen Theaterschule, die sehr inert und unflexibel bleibt, sich eher auf die Konservierung alter Tradition orientiert als auf die Erforschung neuer  Kunstsysteme durch angehende Künstler.
 
So wundert es kaum, dass selbst die Integration eines solchen selbstzufriedenen, narzisstischen und erneuerungsresistenten  Theaters in die europäische Theaterumgebung mit ihrer Vielfalt an künstlerischen Ausrichtungen, Stilen und Methoden schließlich einem eher ein nervöses Lachen entlocken kann.

Mit dem status quo nicht zufrieden - neue Künstlergeneration

Doch bei alldem ist die Situation erstaunlicherweise nicht katastrophal. Zurzeit gibt es wirklich Wege für eine europäische Integration des ukrainischen Theaters. Seit drei bis vier Jahren entsteht in der Ukraine eine neue Künstlergeneration, die mit dem vorhandenen  konservativen Status quo des ukrainischen Theaters nicht zufrieden zu sein scheint. Es handelt sich um junge Menschen – Regisseure, Dramaturgen, Schauspieler, bildende Künstler, Kritiker, die sich noch künstlerisch verwirklichen wollen. Wichtig ist, dass sie über Ressourcen dafür verfügen. In erster Linie sind ihnen die Entwicklungstendenzen im globalen Theaterprozess nicht fremd.
 
Interessant, dass die Entstehung dieser Generation fast identisch mit den Prozessen ist, die im ukrainischen Theater vor 25 Jahren gelaufen sind, als sich ähnlich laut und rebellisch eine neue Generation behauptete, zu der auch Andriy Zholdak angehörte. Sie brachte in das damalige Theater, das auch in seinen ideologischen und künstlerischen Klischees verknöchert war, frische Intonation,  neue Texte und neue Art zu spielen, Ansichten und Intentionen, die der europäischen Bühne entsprachen. Wir müssen auf jeden Fall betonen, dass das Beste, was im ukrainischen Theater in den nächsten Jahren geschehen war, mit ihren Namen zu tun hatte. Heute ist die Welt viel offener und wohlwollender der Ukraine gegenüber als dies vor einem Vierteljahrhundert der Fall war. Es gibt viel mehr Möglichkeiten, Informationen zu bekommen, Kontakte zu knüpfen und Erfahrungen auszutauschen. Die Ideeninvasionen sind im Vergleich zu früher intensiver geworden.  
 
Aber auch der Drang, nach zivilisierten Regeln zu leben, ist heute viel spürbarer als zu sowjetischen Zeiten. Das beflügelt junge Menschen. Es gibt also eine Hoffnung, dass die Mauer, die die Ukraine von Europa trennt, letztendlich zum Einsturz gebracht wird. Genauer gesagt, sie wird zersplittern. Weil diese Mauer heute aus Glas ist.