Nachbarschaftsinitiative ConnecTABLE Ein Fest für Nachbarn in Kiew

Die Initiative ConnecTABLE vernetzt Nachbarn durch traditionelle Gesprächskultur am Tisch
Die Initiative ConnecTABLE vernetzt Nachbarn durch traditionelle Gesprächskultur am Tisch | Foto: facebook.com/connectable.fest

Die Kiewer Nachbarschaftsinitiative ConnecTABLE verwandelt für einen Tag den Innenhof eines Wohnhauses vom ungenutzten gemeinsamen Raum in ein schwungvolles Fest. Das Instrument dafür ist eine lange Tafel, die die traditionelle Gesprächskultur in einer familiären Atmosphäre während des Essens symbolisiert.

Wir leben nur in unseren Mini-Wohnungen – aus der Ferne betrachtet, hat ein Haus aber viel, viel mehr Potential. Es wohnen Leute mit den unterschiedlichsten Profilen und Berufen darin und wenn man diese Stärken vereint, kann man dadurch viele Probleme vor Ort lösen. Darum haben sich die Gründer der Initiative dazu entschieden, Verbindungen auf lokaler Ebene nachzugehen, sie zu analysieren und die Leute dazu aufzurufen, sich am Beispiel eines Hofes lokal zu vernetzen.

Hoffest

ConnecTABLE ist eine Aktion, die aktive Leute im Rahmen eines Hoffestes miteinander verbindet. Die Aktivitäten sind in drei Zonen eingeteiltKreativ-Zone, wo verschiedene Workshops zu verschieden Themen wie Hundehaltung angeboten werden;
  • Spielzone mit einer Kinderecke, die als verbindender Faktor wirken soll, wo man Outdoor-Spiele ausprobieren kann;
  • Kommunikationszone, in der es einen Markt geben wird, gemeinsames Essen, gemeinsames Kochen und Diskussion.
  • Präsentationen werden organisieren, wo jeder, der will, über sich und seine Fähigkeiten erzählen kann. Professionelle Moderatoren und Mediatoren leiten eine Diskussion in unterschiedliche Bahnen.
Das Fest ist dann die finale Etappe und ein Resultat von Untersuchungen und Aktivitäten im Hof im Laufe eines Monats. Die Aktivisten lernen die Bewohner kennen, laden sie auf einen Tee ein und führen Interviews und Workshops durch, um ihre Bedürfnisse aufzudecken und den Grundstein für die Veranstaltung zu legen. Nach dem Fest bleiben eine Dokumentation und eine Liste von Kontakten, die die Hausbewohner für die eine oder andere Frage in Anspruch nehmen können. Die Hauptaufgabe ist aber, eine Initiativgruppe zu bilden und ihre Position zu festigen.
 

„Die Selbstorganisation der Leute am Majdan war uns ein Beispiel“

„Die Idee zum Projekt entstand letztes Jahr während der stürmischen Ereignisse in Kiew“, erzählt Anna Dobrowa, Mitbegründerin von ConneTABLE: „Die Selbstorganisation der Leute am Majdan war uns ein Beispiel. Wir fanden, dass eine solche Selbstorganisation auf lokaler Ebene unterstützt werden sollte“.

Die Aktivisten führen den Menschen vor, wie sie sich selbst darin verhalten können. Solche Veranstaltungen helfen bei der Entscheidung, ob man den Raum um sich und seine Lebensweise verändern will oder nicht. „Wir zeigen Hausbewohnern die eine oder andere Handlungsweise auf und lassen ihnen anschließend die Wahl“, erklärt Dobrowa.

Das ist einerseits eine Intervention, gleichzeitig beteiligen sich aber die Bewohner am Prozess, wenn sie in die Rolle der Mitorganisatoren schlüpfen. Die ConneTABLE-Mitglieder teilen gerne ihre Methodik mit anderen, damit diese Leute dann selbstständig die neue Nutzung der Höfe in Angriff nehmen.

Nachbarn als Partner

Wie Hofgemeinschaften funktionieren werden, weiß man noch nicht. In den Höfen stoßen die Aktivisten manchmal auf Passivität und Gleichgültigkeit dem Projekt gegenüber, ganz nach dem Motto „Zuhause bin ich König und da stört mich besser keiner“.

Schrittweise ist man im ConnecTABLE von der Idee der guten Nachbarschaft weggegangen, weil man während der Arbeit zu dem Schluss gekommen ist, dass man sich seine Nachbarn nicht aussuchen kann und man im Prinzip einfach mehr mit ihnen gemeinsam machen sollte, anstelle sich miteinander anzufreunden. „Nachbarn brauchen vielleicht eher eine partnerschaftliche Beziehung, wenn es um den gemeinsamen Hof geht, der als öffentlicher Raum zwar allen Bewohnern gehört, aber nicht genutzt wird“, meint Dobrowa.

Die Aktivisten wagen sich nur in jene Höfe, wo es schon interessierte Bewohner gibt, denen klar ist, was das Ganze soll, und die Gleichgesinnte finden wollen. Sie versprechen nicht, das Projekt in jedem Innenhof durchzuführen. Vielleicht ist das die Erklärung dafür, dass die Crowdfunding-Kampagne recht schleppend läuft.

Aber die Unterstützung kam von der Heinrich Böll Stiftung. Das Geld wird für die Anfertigung des Tisches verwendet. Dem Projekt schließen sich auch Aktivisten an, die etwas Ähnliches in anderen Städten gemacht haben. In Moskau ist man zum Beispiel durch Höfe und Bezirke gegangen und hat ein Forschungsprojekt gemacht – die Bewohner fotografiert und ihre persönliche Geschichte aufgeschrieben. Danach wurde eine Reihe von Fotoausstellungen im Freien veranstaltet.

Wichtig ist auch der Kontakt zur Lokalverwaltung. ConnecTABLE möchte einen Dialog führen und die Mitarbeiter des Bezirksrates oder der Kommunalverwaltung hinzuziehen, wenn sie beschließen, etwas zu bauen oder die Bewohner etwas ändern wollen. Das nächste Ziel ist ein Innenhof weiter weg vom Zentrum.

Den Bewohnern soll vor allem klar werden, dass der Raum um ihr Haus ihnen selbst gehört und nicht der Stadt- oder Kommunalverwaltung, und es soll ein Verantwortungsgefühl dafür entstehen. ConnecTABLE will den Menschen zeigen, dass sie sich nicht nur um ein Problem herum verbünden können, sondern auch, um etwas entstehen zu lassen.

In Zusammenarbeit mit dem Kiewer Stadtmagazin Hmarochos.