Kiewer Aktivist über Hilfezentrum „Der Neuanfang im Leben kann gelingen, wenn der Wille da ist“

Arsenij Finberg
Arsenij Finberg | Foto: Interesniy Kiev

Arsenij Finberg ist ein erfolgreicher Kiewer Geschäftsmann, Stadtaktivist  und freiwilliger Helfer. Dank den Bemühungen von ihm und seinen Mitstreitern ist in Kiew ein wichtiges Hilfezentrum für Geflüchtete aus dem Osten der Ukraine entstanden. Seit der Gründung von Froliwska 9/11 konnte im Zentrum mehr als 50.000 Menschen geholfen werden. In unserem Gespräch erzählt Arsenij Finberg darüber, wie die Initiative entstanden ist und wie sie sich in ein großes Projekt entwickelt hat. 

Herr Finberg, Sie sind eigentlich ein erfolgreicher Geschäftsmann. Warum haben Sie sich entschieden, als freiwilliger Helfer zu arbeiten? Wie hat alles angefangen?

Während der Revolution hat jeder auf die eine oder andere Weise die Menschen auf dem Majdan unterstützt. Für mich hat alles angefangen, als ich heimlich eine zerschlagene Erste-Hilfe-Stelle vom Majdan mit Medikamenten versorgt habe. Meine Frau sollte nichts mitbekommen, denn die Situation war äußerst angespannt, viele fürchteten, die Wohnung zu verlassen. Ich erinnere mich, wie ich den Medikamentennachschub besorgt habe und die Apothekerin mich fragte, ob ich keine Angst hätte, mit meinem gelb-blauen Bändchen am Rucksack rumzulaufen. So war die Stimmung damals.

Aber richtig aktiv sind wir erst am 17.- 18. Februar 2014 geworden, als die Schüsse in der Innenstadt fielen und die Menschen getötet wurden. Damals habe ich begriffen, dass es für mich nicht viel Sinn macht, einfach auf dem Majdan auszuharren. Erfahrung im Umgang mit Waffen habe ich nie gehabt, in der Armee war ich auch nicht. Dafür habe ich verstanden, dass ich gut helfen kann, vor allem den vielen Verwundeten, die in Krankenhäuser gebracht wurden.

Auf meinen Aufruf hin haben einige Freunde Geld gespendet, ich fand ein paar Freiwillige, die mir halfen, wichtige Sachen für Verwundete in Krankenhäuser zu bringen. Am nächsten Tag koordinierte ich schon zehn Autos, die zur Versorgung dienten. Später gründeten wir eine Zentrale für Spenden. Zehn ständige Besatzungen verteilten dort die Medikamente. So entstanden unsere „Schwadronen des Guten“, wie die Journalisten sie später genannt haben.
 
Dann begann der Krieg, viele Menschen flohen vor Kampfhandlungen, und das Problem der sogenannten Binnenflüchtlinge wurde immer akuter. Zunächst habe ich einzelnen Menschen geholfen, später haben wir am Rande der Stadt ein Lager mit Notwendigstem für die Geflüchteten organisiert.

Schnell ist es aber klar geworden, dass es uns an Platz mangelt - die Nachfrage nach unserer Hilfe stieg immer weiter. Daher habe ich eine Kampagne im Facebook gestartet, und daraufhin hat man uns diesen Raum in der Froliwska-Straße in der Kiewer Innenstadt angeboten. So hat alles begonnen.
 
Sie haben angefangen, über das Team des Hilfezentrums zu berichten…
 
Ja, in der Froliwska arbeiten täglich 20 bis 50 Freiwillige. Es gibt aber vier ständige Koordinatoren, die dafür sorgen, dass alles funktioniert. Außer mir sind das noch drei Kolleginnen: Lesya Litwinowa, Mutter von vier Kindern, die früher als Regisseurin gearbeitet hat; Oksana Suchorukowa, die selbst aus der Region Donezk nach Kiew übersiedelte und sich bei uns um Kontakte zu Behörden kümmert, unsere Buchhaltung und Berichterstattung organisiert; Olena Lebid, Methodikerin in einer Kiewer Schule und Hebräischlehrerin, bei uns für das Bildungsprogramm zuständig.
 
Wie sah es eigentlich in der Froliwska aus? Wie haben sie die Abläufe im Zentrum organisiert?
 
Alles begann mit einem Altbau und einer Baustelle. Dort gab es nur zwei Räume, in denen wir die Sachen aufbewahren und verteilen konnten. Zurzeit ist es ein Riesenzentrum geworden, das täglich bis zu hundert Familien bedienen kann. Wir hatten schon Tage, an denen sogar 200 Familien zu uns kamen. Insgesamt haben wir schon etwa 50.000 Menschen geholfen.
 
Führen Sie Statistik darüber?
 
Klar, wir haben alles statistisch erfasst. Jeder, der in Froliwska Hilfe erwartet, muss sich zunächst in der elektronischen Warteschlange anmelden, danach sich in unserer Datenbank registrieren und schließlich all seine Papiere vorlegen. Danach bestimmen wir aufgrund spezieller, von uns entwickelter Kriterien, welche Hilfe im Einzelfall infrage kommt. Die Menschen bekommen eine Bescheinigung und gehen damit zu den Ausgaben, wo sie ihre Hilfe bekommen.

Mit Lebensmitteln versorgen wir beispielsweise nur Rentner, Kinder, behinderte Menschen und Schwangere, und zwar nur innerhalb erster 45 Tage nach ihrer Ankunft in Kiew. Denn wir sind nicht dafür da, um ewig Hilfe zu leisten. Die Geflüchteten können bei uns auch Sachen aus zweiter Hand bekommen, wir bieten ihnen Hilfe eines Psychologen und Arztes an oder leiten an einen Jobvermittler weiter. Im Angebot gibt es auch einige Kurse und Trainings.

Woher kommen die Spenden fürs Froliwska-Zentrum? Werden sie von einfachen Menschen gebracht oder sind es ehe Business-Initiativen?
 
Jeden Tag kommen zu uns zwischen 50 und 60 Menschen, die ihre Spenden für das Zentrum bringen. Insgesamt stammen 95 % der gespendeten  Sachen, die wir an Bedürftige verteilen,  von einfachen Menschen. Es gibt aber auch einige Firmen, die uns helfen.

Im Sommer haben wir zum Beispiel eine Kinderbetreuung für Flüchtlinge aus dem Osten organisiert. Jeden Tag konnten je 30 Kinder ein spannendes Programm erleben: Ausflüge, Museenbesuche, Bildungsprogramm, Englisch mit Muttersprachler. Sie waren viel unterwegs, auch in Musikgeschäften und TV-Sendern. Ich glaube, da wäre jedes Kiewer Kind neidisch gewesen.
 
Suchen Sie gezielt nach Sponsoren?

 
Wir haben noch nie jemanden um etwas gebeten. Unser Prinzip besteht darin, dass jeder zu uns kommen kann, um zu sehen, wie unser Zentrum funktioniert und wie wir mit den Spenden umgehen. Ist die Hilfsbereitschaft vorhanden, dann können wir verschiedene Wege zeigen, wo die Hilfe eingesetzt werden kann. Der eine spendet Geld, der andere macht Fahrdienst, noch jemand entscheidet sich für Sachspenden – Möbel, Kleidung, Kindernahrung oder Windeln. Es gibt viele Möglichkeiten zu helfen.
 
Als die Kampfhandlungen im Osten gerade angefangen haben und die ersten Menschen geflohen sind, war viele bereit, zu helfen. Haben Sie nicht das Gefühl, dass diese Bereitschaft heute abflacht und es weniger geholfen wird?
 
Ja, es wird weniger geholfen. Erstens haben wir alle nur eine begrenzte Anzahl von Sachen, von denen wir uns trennen können. Geld wurde anfangs mehr gespendet, doch auch jetzt schaffen wir es, unsere Hilfe zu finanzieren. Vor kurzem haben wir ein Fundraising–Marathon durchgeführt und konnten zusätzlich 250.000 UAH (ca. 10.000 EUR) sammeln. Das ist nicht wenig.
 
Wie schnell gelingt es den Geflüchteten, in Kiew Fuß zu fassen?
 
Es kommt auf jeden einzelnen Menschen an: manche gewöhnen sich schnell an das neue Leben und finden sogar nach einer Woche Arbeit in Kiew. Es gibt auch andere, die wahrscheinlich auch nächstes Jahr erzählen werden, wie schlecht es ihnen geht. Aber es gibt auch solche, die nur für einen Monat bleiben und dann wieder zurückkehren. Wenn der Wille da ist, kann jedem alles gelingen, auch der Neuanfang an einem fremden Ort.
 
Haben Sie Momente erlebt, wenn Sie alles schmeißen wollten?
 
Eigentlich träume ich von Anfang an, mit dieser Arbeit aufzuhören. Ich will glauben, dass unser Zentrum bald nicht mehr nötig ist. Aber solange der Krieg andauert, werden wir gebraucht. Und das verstehe ich. Daher setzen wir unsere Arbeit fort. Dabei versuchen wir gerade einen Übergang von der reinen Hilfeleistung und Sachspendenverteilung zu einem Servicecenter mit Bildungsfunktion. 
  
Wie hat sich Ihr Leben in den letzten Jahren geändert?
 
Wir haben begriffen, dass keiner unsere Arbeit für uns machen wird. Und darin besteht die wichtigste Konsequenz aus der Revolution der Würde für uns alle. Wenn wir Veränderungen in unserem Land anstreben, müssen wir selbst anpacken. Das ist die größte Veränderung in der Weltanschauung, die ich beobachte. Die letzten zwei Jahre muss ich ständig zwischen meiner Arbeit und Freiwilligentätigkeit lavieren. Das ist nicht einfach, aber ich verstehe, dass ich das tun muss, wenn ich ein erfolgreiches Land für meine Kinder aufbauen will.

Im Rahmen des Projektes "Zeitgeist UA" mit dem ukrainischen Magazin Platforma und dem deutsch-tschechischen Online-Magazin jádu.