Social Business in der Ukraine Aus eigener Kraft

Öffentliches Restaurant Urban Space 100
Öffentliches Restaurant Urban Space 100 | Foto: facebook.com/urbanspace100

Initiativen ukrainischer Kleinunternehmer packen soziale Probleme an und bieten praktische Lösungen von unten. Der Staat kann helfen, indem er eine solide gesetzliche Basis für das soziale Unternehmertum schafft.

Obdachlosenhilfe, Unterstützung bedürftiger Frauen, Engagement für die eigene Stadt - in der Ukraine versuchen bewusste Unternehmer die Verantwortung  für die gesellschaftliche Entwicklung zu übernehmen. Dafür lernen sie etablierte Modelle aus anderen europäischen Ländern kennen und passen sie der ukrainischen Realität an.

Kunst hilft den Obdachlosen

BOMŽ - so werden Obdachlose in der Ukraine abwertend genannt. Diesen Titel trägt auch eine Fotoreihe, in der populäre ukrainische Schriftsteller als Obdachlose dargestellt werden. Die Abkürzung steht hier für  „Ohne Anzeichen vom Künstlerleben“ und es ist das angesehenste  Projekt der Zeitschrift Unter freiem Himmel.

Die Zeitschrift wird seit 2008 von einer kleinen Künstlergruppe in der ukrainischen Westmetropole Lwiw herausgegeben. Texte stammen von bekannten Journalisten, Aktivisten und Schriftstellern. 25 Ausgaben der Zeitschrift sind schon erschienen, die Auflage beträgt insgesamt 25.000 Stück.

Unter freiem Himmel ist wohl das älteste Sozialunternehmen in der Ukraine und hilft den Obdachlosen auf zweifache Wiese: es lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit auf ihre Probleme und gibt ihnen die Möglichkeit durch den Verkauf der Zeitschrift etwas zu verdienen. Jeder Obdachlose, der die Zeitschrift in Lwiw verkauft, bekommt die Hälfte des Erlöses. Das ist sein eigener Verdienst und entspricht den Regeln des Internationalen Netzwerks der Straßenzeitungen INSP.

Ein Frauenzentrum - mehrere Förderungsmodelle 

„Eine Kerze ist mehr als Licht“ ist das Motto einer Kerzenmanufaktur in Lwiw, für die eine Kerze unter anderem eine Möglichkeit darstellt, Frauen in schwierigen Lebenslagen zu helfen. Die Manufaktur ist vor zwei Jahren gegründet worden. Ihre Eigentümer haben sich entschieden, einen Teil des Gewinns an ein vor fünf Jahren gegründetes Zentrum für Frauen in Krisensituationen zu überweisen.

Die eigentliche Idee Kerzen herzustellen entstand, während die Begründer der Manufaktur durch Europa reisten und praktisch in jedem Städtchen Geschäfte fanden, die sich auf Kerzen spezialisierten.

„Unser Projekt ist noch sehr jung, aber es feiert schon erste Erfolge. Nach Möglichkeit bemühen wir uns, jeden Monat Geld an das Frauenzentrum zu überweisen“, sagt einer der Mitbegründer Andrij Sydor.

Jetzt kann man in einem Geschäft bei der Manufaktur klassische, festliche und Designer­kerzen erwerben, aber auch eigenhändig herstellen. Zu Ostern wurde im Obergeschoß des Geschäftes eine Kerzenwerkstatt aufgemacht, wo die Meisterklassen in der Kerzenherstellung veranstaltet werden.

„Eine Zeit lang haben in unserem Geschäft auch Frauen aus dem Zentrum gearbeitet, die früher wegen ihrer Lebenslage zum Arbeiten in den Westen gegangen sind. Jetzt sind sie zurückgekehrt und stellen bei uns Kerzen her“, erzählt Andrij Sydor.

Als Ort für berufliche Integration dieser Frauen dient auch die Bäckerei Nusshaus. Hier können sie Berufserfahrungen sammeln, was sehr hilfreich für ihre spätere Arbeitssuche auf dem freien Markt ist. Für viele Frauen ist die Bäckerei ihr erster Arbeitsplatz.

Da es von Anfang an klar war, dass das Zentrum für Frauen in Krisensituationen mit Spenden- und Staatsgeldern allein kaum finanziert werden kann, entstand die Idee eine Bäckerei zu gründen.

Die Backwaren aus dem Nusshaus kann man jetzt nicht nur bestellen, sondern auch an einigen Verkaufsstellen in Lwiw oder Kiew kaufen. Nach der Verkostung von ihren Leckereien bekommt man kein schlechtes Gewissen, ganz im Gegenteil: man fühlt sich wie jemand, der gerade eine gute Tat vollbracht hat. 

„Heute erfüllt die Bäckerei erfolgreich ihre Mission“, sagt der Bäckereigründer Jurij Lopatynskyj, „Es kommen immer mehr Besucher zu uns. Wir stellen Arbeitsplätze für die Frauen zur Verfügung  und nutzen unser Netz im Bereich der Hotellerie und Gastronomie, um sie weiter zu vermitteln“.

Restaurant für städtische Projekte

Seit Dezember 2014 ernährt das Restaurant Space 100 in der Stadt Iwano-Frankiwsk nicht nur ihre Bewohner, sondern auch die Stadt selbst, da die Gewinne des Restaurants ausschließlich in die Umsetzung städtischer Projekten fließen.

Obwohl das Restaurant zu einer Zeit eröffnete, als Preise für Lebensmittel rapide angestiegen sind, ist es ihm gelungen, schon nach den ersten Monaten schwarze Zahlen zu schreiben, selbst wenn sie noch nicht sehr hoch sind.

Gleichzeitig funktioniert das Restaurant auch als eine Bühne für den progressiven Stadtkern, auf der Aufführungen stattfinden, Vorlesungen und Diskussionen abgehalten werden. Eben dieser Faktor sei sogar wichtiger als der wirtschaftliche Teil des Projektes, betonen seine Manager.  

„Interessanterweise war es am einfachsten gewesen, Interessenten für das Projekt zu gewinnen, da die Idee sehr viele angespornt hat“, sagt Jurij Fyljuk, einer der Mitbegründer von Urban Space 100.

Das Restaurant gründeten 100 Menschen, unter denen sowohl Unternehmer als auch Öffentlichkeitsaktivisten und Kulturschaffende sind. Jeder hat 1.000 Dollar in eine Stiftung beigetragen. Jetzt sind diese Menschen gleichzeitig Mäzenen, Eigentümer und der leitende Kern des Restaurants.

Herausforderungen für soziale Unternehmer

Die Mitbegründer von Urban Place 100 haben fast ein Jahr gebraucht, um die entsprechenden juristischen Grundlagen des Projektes auszuarbeiten. Und das, obwohl sie gerade mal einen Monat dafür veranschlagt haben. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass nicht alles so einfach ist, da es keine vergleichbaren Projekte gegeben hat. 

Noch ein schwieriges und wichtiges Moment – eine richtige Kommunikation zwischen den Teilnehmern des Projektes zu organisieren. „Positiv ist, dass wir die ganze Zeit ohne Konflikte vorankamen“, sagt Jurij Fyljuk: „Ich habe sogar jetzt das Gefühl, dass wir das Potential dieser Menschen noch mehr ausreizen können, was im Endeffekt sie selbst befriedigen, aber auch unserer gemeinsamen Sache noch mehr Nutzen bringen würde.“

Bei der Gründung sozialer Unternehmen müssen Berater herangezogen werden, die im Business wertgeschätzt werden, so der Gründer von Nusshaus Jurij Lopatynskyj. Von Beratern, die heute Nichtregierungsorganisationen oder staatliche Strukturen wie Arbeitsbörsen beraten, würde er absehen.

Lopatynskyj glaubt an das soziale Unternehmertum in der Ukraine, genauso wie Jurij Fyljuk. "Natürlich nur wenn die Ideen stark und ihre Umsetzung richtig sind“, fügt er hinzu.

Im Rahmen des Projektes „Zeitgeist“ mit dem Magazin „Platfor.ma“.