Literaturübersetzung „Treffen auf der Brücke“ – Kateryna Mishchenko über ihre Situation als Übersetzerin in der Ukraine

Treffen an der Brücke
Treffen an der Brücke | Foto: Kateryna Mishchenko

Die Dominanz der Wände über die Brücken ist heutzutage eine Antwort auf Militärkonflikte in der Nachbarschaft, Flüchtlingsströme, Armut und kulturelle Unterschiede. Wir können uns halbwegs vorstellen, wer die Wände errichtet, doch wer würde die Brücken bauen? In ihrem Essay beschäftigt sich Kateryna Mishchenko mit der Rolle der Übersetzer und Dolmetscher als Brückenbauer. Am 30. September 2015, dem Internationalen Übersetzertag, rezitierte sie ihre Selbstbefragung auf der stillgelegten Fischerbrücke in Kiew. 



Zum Übersetzen und Dolmetschen brauche ich Leere, oder vielmehr muss ich leer sein. Aber nicht verlassen – keine Passivkonstruktionen! Meine Leere muss aktiv sein. Und gastfreundlich. Ein selbstorganisierter Leerraum für den Dialog. Beide Seiten sprechen ihre Repliken, meine Aufgabe ist es, sie alle in einer anderen Sprache zu sprechen. Eine Art umgekehrter Protestkundgebung: Nicht alle sprechen einem nach, sondern eine allen.

Manchmal beobachte ich mich von der Seite: Was mache ich, um mir das alles zu merken?

Zunächst muss ich innehalten, mich nicht einmal so sehr darauf konzentrieren, was die Gesprächsteilnehmer sagen, sondern darauf, nichts Eigenes zu denken. Die fremden Gedanken sind meine Gäste, bei denen ich nie weiß, was ich von ihnen zu erwarten habe und unter denen ich, unabhängig von ihrer Art, meist leide. Wenn sie dann endlich gegangen sind, reicht meine Kraft nur noch zum Aufräumen. Aber manchmal nimmt einen dieses Aufräumen so gefangen, dass man danach viele der eigenen Erinnerungen nicht wiederfinden kann.

Wenn ich ein paar Tage hintereinander gedolmetscht habe und dann endlich alles vorbei ist, ziehe ich mich zurück und weine. Die Befreiung ist unerträglich. Ich leide unter der Kommunikation und sehne mich zugleich nach den fremden Gedanken und weiß nicht mehr, wo und wer ich bin. Aber nach einer Weile ist auch die Anspannung vergessen. Dolmetscher und Übersetzer können loslassen. Aber keine Passivformen – nur selbstorganisierte Aufgabe!

Das Märchen von meinem übersetzerischen Ressentiment könnte so anfangen: In der Straße der Schatten lebten im Haus Nummer 2 die Übersetzer. Die Nachbarn hatten sie verzaubert. Der Fluch bestand darin, dass sie ihr Haus nicht verlassen konnten. Wobei gerade an dieser märchenhaften Adresse die schönsten Feiern des Viertels stattfanden, war es doch der einzige Ort, an dem, ganz ohne Gesichtskontrolle, ausnahmslos alle Nachbarn willkommen waren.

Ich weiß, das sind natürlich alles längst bekannte Metaphern, aber andere habe ich nicht, denn Übersetzer oder – wie sie auch gern genannt werden – Brückenbauer zwischen den Kulturen, machen immer wieder das Gleiche, wofür sie meine Hochachtung haben. Besonders an diesem Tag.

Am Ende eines langen Arbeitstages applaudieren mir alle, reichen mir ein Glas Wasser, wenn meine Stimme heiser wird (und damit ich nicht die Konzentration verliere) und sagen, dass es ohne mich gar nicht ginge. Ich habe keine eigene Stimme, aber von mir hängt alles ab. Eine andere, hypothetische, Dimension meiner Macht: Ich kann einfach alles sagen, was mir in den Sinn kommt, ohne dass jemand etwas ahnen würde. Zumindest für eine gewisse Zeit.

Was mache ich, wenn eine Seite die andere hasst?

Was mache ich, wenn eine Seite die andere hasst? Ich wechsele in den Diplomatie-Modus und verwandele den Hass in Konstruktivität. Von außen betrachtet mag das komisch wirken: Da knurrt jemand mit finsterer Miene, und ich artikuliere mit einem gezwungenen Lächeln nur eine gewisse Irritiertheit. Aber das scheint allen entgegenzukommen. Weil ich ja als Einzige die Sprache verstehe, sind praktisch alle Unzufriedenheiten, Grobheiten und gereizten Tonlagen direkt an mich gerichtet. Gegen diese Nebenwirkung lässt sich nichts machen.

Trotzdem bin ich am traurigsten, wenn sich nach einem mehrtägigen Workshop oder Seminar alle Teilnehmenden der Reihe nach äußern und der Moderator, dem demokratischen Procedere gemäß, zum Schluss auch mich fragt: „Möchtest du auch etwas sagen?“. In der Vielzahl der Stimmen, die mich durchdringen, fehlt meine eigene vorübergehend, und einfaches Schweigen wird für mich zu einem Privileg. „Na dann, herzlichen Dank für deine Arbeit“, höre ich als Antwort auf meinen Verzicht, etwas zu sagen.

Aber heute möchte ich mich für diese Arbeit bedanken. Und zwar aus folgendem Grund: Ich habe einmal mit einer Gruppe deutscher Studierender der Sozialarbeit auf einem Ethik- und Menschenrechtsseminar in einer westukrainischen Stadt gearbeitet (deren Namen ich aus Gründen der Diskretion nicht nennen werde). Wir saßen also in dem einzigen Raum eines Freiwilligenzentrums der Armeehilfe, und eine Freiwillige erklärte uns die Artefakte an den Wänden, die sie von den Soldaten geschenkt bekommen hatten.

„Diese Fahne haben uns die Cyborgs vom Donezker Flughafen geschenkt. Hier haben sie ihre Namen draufgeschrieben, und bei den Toten seht ihr Kreuze.“

Das Wort Cyborg dolmetsche ich nicht (jetzt den Kontext zu erklären, scheint mir zu viel Zeit in Anspruch zu nehmen), ich will diese zwei Sätze möglichst schnell hinter mich bringen. Hier stehen auch die Namen der Verstorbenen. Ich bin gefangen in den trüben und feuchten Blicken der internationalen Gäste. Aber ich darf nicht weinen, ich schlucke meine Tränen herunter in der Hoffnung, dass wir jetzt das Thema wechseln. Ich spüre, dass ich das nicht lange aushalten werde. Da sind sie, meine eigenen Grenzen. In den letzten Jahren habe ich zu Themen wie schweren Krankheiten gedolmetscht, detailgenau die Verfallsprozesse des Körpers oder einzelner Organe wiedergegeben, brutale Sexualpraktiken, Gewalt gegen Kinder und Frauen, ich habe in Drogenhöhlen gedolmetscht und an den Betten ausgemergelter Hepatitispatienten, aber erst dort, in diesem Zentrum, hatte ich das Gefühl, das nicht dolmetschen zu können. Als wäre mein Körper auf eine kleine Zone des Verschweigens gestoßen, um die sich Ukrainer und Deutsche bewegen, und wo nicht ich zwischen ihnen sein werde, sondern eine andere, eine schwarze und unfreundliche Leere.

Die deutschen Studierenden wissen nicht, was sie zu dem Krieg fragen sollen. Sie gehen sofort zum Thema Versöhnung über, dazu, wie man aufhören könnte sich zu bekriegen. Die Freiwilligen verstehen nicht, was sie meinen: „Aber wir wissen doch gar nicht, mit wem wir uns versöhnen sollen, uns ist ja nicht einmal so ganz klar, mit wem wir kämpfen …“

Im Programm unseres Seminars war es die einzige Begegnung mit Bezug zur aktuellen Kriegssituation, und sie war relativ schnell vorbei. Das Schweigen danach war schwer und schien endlos.

Zunächst war diese Episode für mich einfach ein Beispiel dafür, wie eine Seite die andere nicht verstehen kann oder nicht verstehen will, aber dann habe ich mich selbst in diese Geschichte hineingelassen. Denn irgendjemand muss letztendlich die düstere Zone betreten, um die alle anderen einen großen Bogen machen. Mein Zugang war damals die Frage: Warum mag ich das Übersetzen trotz dieser nachgeordneten, dieser Zwischenstellung so gern? Wegen des existentiellen Drangs zu verstehen, der quasi zwangsweisen Empathie? Wegen der Einsicht, dass Unabhängigkeit nur performativ sein und von niemandem erwartet werden kann? Wegen der Bestätigung von Offenheit und der Bedeutung dessen, was zwischen den Menschen passiert?

Ich habe einmal gehört, dass es die Mission der Ukraine sei, eine Brücke zwischen der EU und Russland zu bilden. Da scheint die Ukraine also doch nicht der Rand Europas zu sein, keine Pufferzone zwischen dem Schengen-Raum und den entfesselten russischen Gewalten, ja nicht einmal eine auf sich selbst bezogene Insel (obwohl es ohne dieses treffende Konzept natürlich auch nicht geht), sondern eine Brücke. Genauer gesagt, muss sie zu einer Brücke werden, das hat sie verordnet bekommen, das ist sozusagen ihre Existenzgarantie. In Fortsetzung dieser These drängt sich eine weitere auf: Offensichtlich kann man den bewaffneten Konflikt in der Ostukraine als Resultat einer schlechten Übersetzung auslegen, als Unfähigkeit – professionelle oder existenzielle – seiner Funktion gerecht zu werden. Da hätten wir den Schuldigen für den missglückten Dialog und wissen endlich, was ihn unmöglich macht.

Aber wie kann man den Irrweg einer solchen Interpretation wieder verlassen? Wie kann man als Opfer des triumphierenden russischen Ressentiments verhindern, dass man zu seiner Geisel wird? Es lohnt sich, eine Antwort in genau diesem Trugschluss zu suchen, sich der Übersetzerrolle nicht zu verweigern, nicht auf den Bau von Brücken zugunsten von Mauern zu verzichten, sondern im Gegenteil die aufoktroyierte Mission durch ihre Steigerung loszuwerden, durch den Bau neuer Brücken dort, wo es bislang keine gibt.

Die Übersetzerin oder Nicht-Übersetzerin Ukraine, eine schlechte oder nicht besonders gute, muss ihr Dilemma als Subjekt selbst auflösen, für sich bestimmen, ob sie sich in ihrem Narrativ an dem Aggressor orientiert, sich ihm oder seiner Version von ihr entgegenstellt, ob sie einseitig die Verbindung mit ihrem fatalen Referenten lösen und sich aus einer eigenen Utopie heraus beschreiben kann.

Worin könnte diese Utopie bestehen?

Worin könnte diese Utopie bestehen? Mit dieser Frage begeben wir uns auf ein unbekanntes Territorium mit unerwarteten Abgründen, wo eine beunruhigende Helle und die Erkundung der eigenen Leere wartet. Aber dann wird es sicher auch Pläne für eine Infrastruktur des Friedens geben, derer nicht nur die verdrängte Zone des militärischen Konflikts im Donbass bedarf, sondern auch andere Regionen der Ukraine. Denn an manchen Orten wurden die Brücken gesprengt, an anderen abgebrochen.

In der Metapher von Übersetzung als Brückenbau verdeckt die materielle, körperliche Dimension zuweilen den Begriff der Verständigung. Die Übersetzung an sich, oder vielmehr der Übersetzer oder die Übersetzerin, beweist durch ihre Anwesenheit, dass Verständigung harte körperliche und mentale Arbeit bedeutet. Und genauso ist auch eine Beendigung des Krieges ein physischer Akt, fern eines einfachen Darüber-Redens.

Übersetzung ist ein Weg, ihre Prozesshaftigkeit verneint das bedingungslose Vorhandensein selbst grundlegender Güter wie Licht und Infrastruktur und in der gegenwärtigen Situation des nackten Lebens, schafft aber Strukturen, die diese Güter zu einem bestimmten Zeitpunkt festigen könnten. Zu bestimmen sind noch die Bauweise, das Material und die Bauarbeiter.

Zunächst interessieren mich Letztere. In der gleichzeitigen Erfahrung von Nachgeordnetheit und Mehrsprachigkeit hat das Übersetzen seinem Wesen nach Potential als Subjekt, das durch Empathie, Gastfreundschaft, die Fähigkeit zum Perspektivwechsel und zum Blick über den Tellerrand sowie die Bereitschaft zur Annahme gekennzeichnet ist – und all das als Gegengewicht zu Isolation, Ausschluss und Engstirnigkeit.

Eine derartige Subjekthaftigkeit kann Kollektiven oder Institutionen eigen sein, die in der Lage sind, das Material, aus dem reale und soziale Brücken gebaut werden können, verantwortungsvoll zu deuten. Sie können erklären, warum jede Mauer früher oder später einstürzen wird und warum auf Angst und Ausschluss jede Konstruktion wie auf Sand gebaut ist.

Heute stehen wir auf der Fischer-Brücke, hier trifft man sich, hier werden oft Geburtstage oder Partys gefeiert. Und, so wie im Haus Nummer zwei in der Straße der Schatten, bestimmt ohne Gesichtskontrolle. Trotz ihrer Nicht-Funktionalität ist die Brücke zu einem Ort der Begegnung geworden: Brücken ziehen die Menschen einfach magnetisch an. Die Fischer-Brücke wird nicht mehr gebraucht und soll abgerissen werden, weil sich direkt neben ihr die immer noch unfertige Podilsko-Woskresenskij-Brücke erstreckt.Wir befinden uns an einem Ort zwischen dem Unnützen und dem Unfertigen und sind wahrscheinlich deshalb eher mit Fragen und Herausforderungen als mit Antworten und Lösungen konfrontiert. Aber gerade in diesem Schwebezustand zwischen den beiden surreal wirkenden Bauwerken entsteht eine Möglichkeit, ein Verweis auf ein gewisses Übermaß, etwas Größeres als unsere persönlichen Pläne und Hoffnungen.