Deutsche Gegenwartsliteratur „Von der Durchdringung verschiedener Kunstformen“ - Svenja Leiber im Gespräch

Svenja Leiber
Svenja Leiber | Foto: Stefan Klüter

Die deutsche Autorin Svenja Leiber erzählt im Interview fürLitakcent über "Farbklag" und "Klangfarbe", die für eine gegenseitige Durchdringung der Kunstformen stehen, über ihre literarischen Eltern und über die gleiche Kraft, die der Natur und der Kultur innewohnt. 

In Ihren Werken schreiben Sie oft über kleine Ortschaften oder Dörfer – über die russische Siedlung Schipino im gleichnamigen Buch, über ein norddeutsches Dorf in „Das letzte Land“ und über dörfliche Landschaften im Band „Büchsenlicht“. Sie sind in Saudi-Arabien aufgewachsen, leben jedoch schon viele Jahre in Berlin. Was ist Ihnen näher – die Stadt, das Dorf oder die wilde Natur?

Ich habe keine generellen Pläne oder Strategien, wenn ich über die Orte meiner Texte nachdenke. Für den Schreibbrozess brauche ich jedoch immer Abstand. Möglicherweise müsste ich mich in ein Dorf zurückziehen, um über das Leben in der Stadt zu schreiben… Aber für mein eigenes Leben bevorzuge ich die Großstadt. Ich bin gern von Menschen umgeben, auch wenn mein Arbeiten Stille und Einsamkeit erfordert.

Im Roman „Das letzte Land“ geht es um Musik und die Hintergründe des Kriegs. Die Hauptfigur ist ein Synästhetiker, der Töne „sieht“. Das 21. Jahrhundert ist überhaupt die Zeit, in der sich verschiedene Kunstrichtungen einander annähern: Videopoesie, zeitgenössische Performances, Modern-Ballett. Interessiert Sie die Vereinigung oder Vermischung unterschiedlicher Kunstrichtungen, oder ist Musik einfach eine Thematik, die für die Entfaltung der Handlung gut geeignet war?

Die Idee war, Musik und Malerei, Ton und Farbklang in ihrer Verbundenheit zu thematisieren. Im Deutschen beschreiben die Worte “Farbklang”, “Farbton” oder “Klangfarbe” gerade diese Durchdringung zweier Kunstformen. Meine Auffassung ist, dass das Interesse an den Phänomenen uns hilft, die eigentliche Verbindung der verschiedenen Bereiche verstehen zu lernen. Innerhalb der zeitgenössischen Kunst finden sich viele Beispiele der Überlappung, die uns helfen, dies zu verstehen.

Wenn ein zeitgenössischer Schriftsteller über den Krieg schreibt, ist es schwer, Einflüsse von Hemingway, Remarque oder Vonnegut zu vermeiden, und wenn ein Werk der Musik gewidmet ist, hat man sofort „Doktor Faustus“ von Thomas Mann im Kopf. Wer hat Sie „belastet“, als Sie „Das letzte Land“ geschrieben haben? Welche „literarischen Eltern“ konnten Sie im Text überwinden?

Ich habe viele literarische Eltern. Es ist eine große Patchwork-Familie! Ich lese viel, aber wenn ich schreibe, lese ich gar nichts. Zu meinen Eltern gehören Franz Kafka, Thomas Mann, Wolfgang Hilbig, Peter Kurzeka, Johann Wolfgang Goethe, Gilles Deleuze, Johannes Bobrowski, Anna Achmatowa, William Faulkner, Terezia Mora, Marguerite Duras, Fjodor Dostojewski und Friedrich Nietzsche.

In Ihren Romanen schreiben Sie oft über Künstler, die zur falschen Zeit am falschen Ort geboren wurden. Kann man sagen, dass Ihnen diese Thematik nahegeht? Fühlen Sie sich so, als wären Sie in einer Ihnen fremden Epoche geboren? Oder ist jeder Künstler oder Philosoph zwangsläufig in Konflikt mit seiner Zeit?

Ich liebe die Zeit in der ich lebe und fürchte sie gleichzeitig. Im Konflikt mit seiner Zeit zu stehen, ist immer ein Problem des Wachseins.

Um die falsche Zeit und den falschen Ort geht es auch in einem anderen Werk von Ihnen. Jan Riba, die Hauptfigur im Roman „Schipino“, flieht buchstäblich vor seinem deutschen Leben nach Russland – nachts im Zug, mit nichts außer dem Tagebuch seines Großvaters, einem Buch mit Goethe-Zitaten und einem Brief von seiner Mutter bei sich. Wie entfliehen Sie Ihrer Umgebung, wenn Sie genug davon haben? Wechseln Sie den Ort oder reicht Ihnen eine Flucht in die Texte?

Beides, Natur und Kultur, kann mich beleben. Manchmal scheint es mir, als würde ihnen die gleiche Kraft, der gleiche Puls innewohnen.

Haben Sie ein Buch, das sie regelmäßig wiederlesen? Zu dem Sie gerne zurückkehren?

Nein. Jedes Buch, das ich liebe, hat seine Zeit. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei.

Tove Jansson war der Ansicht, dass jeder Autor immer über sich selbst schreibt. Sie haben auch angemerkt, dass Sie über sich und Ihre Zeit schreiben. Findet sich vieles von Jan Riba und Ruven Preuk in Svenja Leiber?

Schon als kleines Mädchen hatte ich viele Namen. Jan Riba, Ruven Preuk, Lilja und Marie – sie führen alte Spiele und Fragen fort.