Bibliotheken heute „Für mich stehen die Menschen im Vordergrund“ - Hannelore Vogt im Gespräch


Hannelore Vogt. Foto: privat Hannelore Vogt | Foto: privat Im Dezember 2015 reiste Viktoria Poliova, Projektleiterin beim Ukrainischen Bibliotheksverein, zu einer Hospitation an die Kölner Stadtbibliothek. Dabei hatte sie Gelegenheit zu einem Gespräch mit der Direktorin Dr. Hannelore Vogt.
Frau Dr. Vogt, die Stadtbibliothek Köln ist zur „Bibliothek des Jahres 2015“ ernannt worden, eine begehrte Auszeichnung, die vom Deutschen Bibliotheksverband nach anspruchsvollen Kriterien vergeben wird. Bitte erklären Sie uns Ihre Motivation, die Vorbereitungen für den Wettbewerb, die Teilnahme und die Stufen der Auswahl.

Die Stadtbibliothek Köln wurde von zwei verschiedenen Institutionen des deutschen Bibliothekswesens als Bibliothek des Jahres vorgeschlagen. Anschließend füllten wir ein Bewerbungsformular aus und erstellten eine Broschüre, die der Bewerbung beigelegt wurde.

Leider gibt es kein Preisgeld. Allerdings gab es Presseberichterstattung dazu in ganz Deutschland und in Köln ist das ein wichtiger Imagefaktor für uns und unsere Arbeit. Das hilft uns auch in der Politik und beim Anwerben von Sponsoren.

Was ist Ihr Rezept für die erfolgreiche Arbeit?

Mein Erfolgsgeheimnis ist: Für mich stehen die Menschen im Vordergrund – Mitarbeiter und Benutzer gleichermaßen.  Ich pflege einen vertrauensvollen Führungsstil und respektiere  alle Kolleginnen und Kollegen.  In Bezug auf die Nutzer versuche ich immer, die Sachverhalte aus der Sicht des Kunden zu sehen – also möglichst, den Blickwinkel von außen einzunehmen. Mitarbeiter- und Kundenorientierung spielen bei mir eine wichtige Rolle. Ich habe mich mit den Grundlagen des Veränderungsmanagements beschäftigt und versuche bei Neuerungen, die Menschen auch „mitzunehmen“ und ihnen Ängste zu nehmen.

Gleich zu Beginn meiner Tätigkeit habe ich gemeinsam mit den Kollegen ein Strategiekonzept entwickelt, das regelmäßig fortgeschrieben und vom Rat der Stadt Köln verabschiedet wird. So haben die Mitarbeiter Planungssicherheit und unsere Arbeit ist in Verwaltung und Politik klar positioniert und verankert.

Während meines Aufenthalts an der Stadtbibliothek Köln habe ich bemerkt, dass es eine große Zahl von jungen Menschen unter den Mitarbeitern gibt. Wie motivieren Sie junge Leute, in der Bibliothek zu arbeiten?

Durch unsere innovativen Angebote sind wir ein attraktiver Arbeitgeber für junge Menschen. Sie sehen, dass man bei uns Neues Lernen und Ausprobieren kann und das finden sie spannend. Wir haben auch einen guten Ruf, weil sich in der Branche herumspricht, dass bei uns eine gute Arbeitsatmosphäre / ein gutes Betriebsklima herrscht. Das ist in einem so großen Team, das auf viele Standorte verteilt ist, keine leichte Aufgabe – mir ist das aber ein großes Anliegen.

Hierbei ist mir der persönliche Kontakt sehr wichtig, beispielsweise bei regelmäßigen Treffen mit allen Mitarbeitern oder bei den monatlichen Einladungen zum Kaffee bei mir im Büro. Hier lade ich alle ein, die im jeweiligen Monat Geburtstag haben. Ich bin regelmäßig im Haus unterwegs und besuche unsere Zweigstellen, so können mich die Kollegen auch zwischendurch einmal ansprechen. Nur mit zufriedenen Mitarbeitern kann es zufriedene Nutzer geben. Es ist wie bei einer Frucht: Wenn sie innen faul ist, kann sie nach außen nicht gut duften. Jede Mitarbeiter muss wissen, dass er oder sie zu unserem Erfolg beiträgt. Rechtzeitige Information über neue Entwicklungen und die Einbindung der Mitarbeiter - soweit sinnvoll und möglich – sind mir sehr wichtig. Hierzu nutzen wir intern auch dialogbasierte Informationskanäle wie Wikis oder Blogs.

Auf welche lokalen und internationalen Projekte Ihrer Bibliothek sind Sie besonders stolz?

Stolz sind wir darauf, dass wir sehr frühzeitig den Trend erkannt haben, Bürger mit in unsere Arbeit aktiv einzubinden und ihnen zu ermöglichen, selbst aktiv zu werden. Also Bürgerbeteiligung und Partizipation. Dafür ist der Makerspace ein gutes Beispiel.

Wir schauen uns regelmäßig Trendreports, auch außerhalb des Bibliothekswesens, an. Hier wurden wir auch frühzeitig auf die „Makerbewegung“ aufmerksam. Deren Grundidee entspricht dem, was Bibliotheken schon immer tun – Wissen vermitteln und zu eigenständigem Handeln anregen. Der Lernbegriff wird hier weiter definiert. Nicht nur das formale Lernen, beispielsweise aus Büchern, sondern auch das informelle und das ungeplante Lernen sind von Bedeutung. Wir wollen den Bürgern Teilhabe an allen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens ermöglichen. Das eigene Tun beschränkt sich deshalb nicht auf einen Raum, einen Makerspace, sondern ist vielmehr eine Leitlinie unserer gesamten Angebote. Bibliotheken sind und waren keine bloßen Büchersammlungen, sondern sie sind lebendige Erlebnisräume. Die Bibliothek ist ein städtischer Begegnungsraum, der einerseits zur Kommunikation einlädt, aber auch eine Oase, die die Möglichkeit bietet, sich auszuklinken und das Gefühl der Überraschung, des Staunens und der Selbstvergessenheit zu erleben – ein Ort der Kontemplation.

Im Zeitalter der Digitalisierung und der ständigen Erreichbarkeit wird das Analoge zunehmend zur Nische. Physische Orte - mit Dingen, die man anfassen kann, wo man Menschen begegnet, mit ihnen ins Gespräch kommt - gewinnen deshalb an Attraktivität. Ein solcher Ort ist auch die Bibliothek.

Wie sehen Sie die Mission der modernen Bibliothek? Wie muss sich die traditionelle Bibliothek verändern, um für die Nutzer attraktiv zu bleiben und doch ihre Hauptaufgabe nicht zu verlieren? Bitte verraten Sie uns auch Ihre Pläne für die Zukunft.

Die Gesellschaft befindet sich im Umbruch und dies gilt auch für die Rolle der öffentlichen Bibliotheken. Der gleichberechtigte Zugang zu Wissen hat sich weit über das geschriebene Wort hinaus entwickelt. Der Umgang mit neuen Technologien und den sozialen Netzwerken ist einer der Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe. Literacy ist heute weit mehr als die Fähigkeit zu lesen, sie umfasst auch den digitalen Bereich, den Spracherwerb und die Sprachförderung – und das hat Auswirkungen auf die Angebote und die Räumlichkeiten. Arbeitsplätze für Einzelne und Gruppen, aber auch Loungebereiche, Makerspaces (also Räume, die zum eigenen, kreativen Tun einladen), Gamingzonen oder Digital Labs werden gebraucht – genauso wie ein Musikzimmer, das sich, mit einem Flügel ausgestattet, schon heute großer Beliebtheit erfreut.

In Zeiten umfassender digitaler Kommunikation und Vernetzung braucht  es aber auch zunehmend Orte des aktiven Tuns und der unmittelbaren Kommunikation von Mensch zu Mensch.  Bibliotheken wandeln sich künftig verstärkt zum so genannten "dritten Ort", neben der Wohnung und der Arbeitsstelle, und ihre Bedeutung als attraktiver Treffpunkt mit Wohlfühlambiente steigt. Denn nach wie vor sind sie die am meisten besuchten Kultur- und Bildungseinrichtungen.  Bibliotheken decken ein breites Spektrum für unterschiedlichste Alters- und Interessengruppen ab und sind nicht-kommerzielle und für jedermann zugängliche Treffpunkte. Dabei macht die Bibliothek einerseits eigene Angebote, sie stellt aber vor allem auch die Infrastruktur zur Verfügung und vernetzt die Menschen. Hier entstehen Programme und Angebote, die von Menschen leben, die ihre eigenen Ideen und Projekte einbringen.