Innovative ukrainische Schulen Lernen 2.0

Lernen 2.0 | Foto: Nowopetscherska Schule
Foto: Schule Nowo-Petschersk

Einigen ukrainischen Privatschulen gelingt es, zeitgemäße Technologien, die Vorgaben des Bildungsministeriums und internationale Praxis zu vereinen und eine vielseitige Entwicklung der Schüler sicherzustellen.

Eines der Schlüsselprobleme der Schulbildung ist die Kluft zwischen den Lehrplänen und den Anforderungen, die an Schulabgänger im 21. Jahrhundert gestellt werden. Veraltete Daten, unnötige Themen, die fehlende Aufmerksamkeit für die Psyche eines Kindes und weitere Faktoren, die in allgemeinbildenden Schulen mitspielen, zwingen die Eltern zur Suche nach Alternativen.

Fertigkeiten im 21. Jahrhundert

In jeder Klasse sind nicht mehr als 20 Schüler, die während des Unterrichts zu Vierergruppen zusammengefasst werden. Die Klassen werden einmal jährlich und die Gruppen innerhalb einer Klasse monatlich gemischt, um alle Kinder auf dem gleichen Niveau zu unterstützen. So wird in der Schule Nowo-Petschersk in Kiew an den kommunikativen und sozialen Fähigkeiten gearbeitet.

„Wir wollen unseren Schülerinnen und Schülern etwas mitgeben, was ihnen dabei hilft, erfolgreiche und glückliche Erwachsene zu werden: nicht nur hard skills (Wissen), sondern auch soft skills (kritisches Denken, Kreativität, Zusammenarbeit) und Fertigkeiten, die das 21. Jahrhundert fordert. Deshalb verbinden wir den offiziellen Lehrplan des Ministeriums mit bewährten, modernen, internationalen Methoden“, erklärt die Vertreterin der Schule Olena Kuschyna.

In Athen, einer der ältesten Privatschulen der Ukraine, wird in Klassen mit 12 bis 14 Kindern unterrichtet, aber der Begriff „Klasse“ wird kaum mehr verwendet. Der Unterricht verläuft in gemischten Gruppen, die auch altersmäßig nicht einheitlich sind. Alle Schulbänke stehen im Kreis, um eine Einteilung in erste oder letzte Bankreihe zu vermeiden. Falls nötig, können die Tische verschoben werden – wenn die Kinder zum Beispiel im Team oder an gemeinsamen Projekten arbeiten. Die soft skills werden hier in Form von Debatten, Logik- und Hindernisspielen vermittelt.

Töpfern und Malen, Musik und Choreographie, aber auch Programmieren und Robotechnik, 3D-Modellierung und Webdesign – in den innovativen Schulen der Ukraine wird gelernt, was in der heutigen Weltanwendbar ist.

„Der Lernprozess muss aufregend sein“


„Heutzutage wird oft ein wichtiger Aspekt der Bildung diskutiert: die fehlende Lernmotivation der Kinder. Wir haben in dieser Frage eine klare Position. Der Lernprozess muss für die Schüler wirklich aufregend und interessant sein. Jedes Kind ist von Natur aus neugierig, es taucht in diesen Erkenntnisprozess ein,“ erzählt die Leiterin der Britannica School Larysa Andrijtschenko. So trifft sich der pädagogische Rat mit Psychologen und der Leitung, wenn ein Kind morgens nicht in die Schule gehen will.

Im Europäischen Kollegium spricht man von einem Motivationssystem, das auf individuelle Talente der Kinder ausgerichtet ist. Schüler, die Gewinner von regionalen oder gesamtukrainischen Wettbewerben sind, erhalten ein Stipendium für einen kostenlosen oder vergünstigten Schulbesuch. Jede Klasse besteht aus maximal 18 Schülern, insgesamt lernen hier 320 Kinder. Jede Klasse erarbeitet sich selbstständig ein eigenes Organisationssystem, entscheidet über organisatorische Fragen und arbeitet mit dem Klassenmentor zusammen.

In Athen ist jedes Stockwerk als eigener Kontinent gestaltet. Die Klassenzimmer tragen keine Nummern, sondern die Namen berühmter Städte oder Objekte. Die Kinder können eine der drei Fakultäten Naturwissenschaften, soziales Engagement oderMedientechnologie wählen und außerschulische Laboratorien und Kinoclubs besuchen oder eine Ausstellung zu einem gewählten Thema erstellen.

Oleksij Hrekow, Direktor für die strategische Entwicklung der Schule Athen, sagt: „Der Grundsatz in unserer Schule ist, dass alle, die in den Lernprozess eingebunden sind, Erwachsene wie auch Kinder, Mitarbeiter der Schule sind. Und wenn wir arbeiten, arbeiten wir wie Kollegen auf Augenhöhe, und lösen Aufgaben gemeinsam.“

„Freiheit ist alles, was wir im Moment brauchen“


Die Schulbildung in der Ukraine hat nicht nur die Gemüter von Nörglern erhitzt: auf allen Ebenen – von den Eltern der Schulanfänger bis zu den Beamten im Bildungsministerium – erkennt man das Problem.  Einige wollen aber nicht auf Änderungen von „oben“ warten, sondern versuchen, Innovationen mit eigenen Kräften umzusetzen.

Iryna Jeremenko, Mitgründerin des Europäischen Kollegiums: „Wir sind davon überzeugt, dass wir in der Ukraine ganz sicher neue Bildungsstandards, effektive Reformen und eine neue ukrainische Schule sehen werden, über die die ganze Welt sprechen wird. Alles, was wir im Moment brauchen, ist Freiheit. Freiheit bei der Gestaltung der Lehrpläne, Auswahlmöglichkeiten beim Unterrichtsmaterial und fremdsprachlichen Fachunterricht und die Möglichkeit, neue Fachkurse zu entwickeln. All das befähigt uns dazu, uns nicht einfach schnell zu verändern, sondern Zeit wettzumachen".

Im Rahmen des gemeinsamen Projektes "Zeitgeist" mit der Online-Zeitschrift "Platforma"