Ukrainische Online-Kursplattform Bürgerprojekt für neue Bildungsqualität

Online lernen | Foto: Panthermedia/Fabrice Michaudeau
Foto: Panthermedia/Fabrice Michaudeau

2015 gingen Iwan Prymatschenko und zwei Kollegen mit ihrer Kursplattform Prometheus online und bieten seitdem sogenannte Massive Open Online Courses (MOOCs) von den besten Dozenten aus der Ukraine und der Welt an.

„Ein Kurs kann dann als Massenkurs bezeichnet werden, wenn alle den Kurs kennen und viele Leute daran teilnehmen. Wir hatten uns als Ziel 50.000 neue Benutzer pro Jahr gesetzt, aber die Registrierung zum Kurs „Grundlagen des Programmierens“ der Harvard-Universität hat ergeben, dass wir diese Zahl bereits im Mai 215 noch vor Kursstart erreichen konnten. Deshalb werden wir versuchen, 100.000 Benutzer zu gewinnen“, freut sich Iwan Prymatschenko über den Erfolg seines Projektes.

Momentan hat Prometheus 150.000 registrierte Nutzer. Es bleibt ein Non-Profit-Projekt, in Werbung wird nicht investiert, die Einnahmen setzen sich aus Spenden der Nutzer, dem Verkauf authentifizierter Zertifikate sowie aus dem kommerziellen und nicht-kommerziellen Sponsoring zusammen.

Viele helfen unentgeltlich: Die Journalismus-Schule der Kiewer Universität „Mohyla Akademie“ stellt ihr Studio für Aufnahmen zur Verfügung, Microsoft Ukraine erlaubt, ihre Server zu verwenden; ohne den Journalistenverband wäre das Projekt überhaupt nicht möglich gewesen. Es helfen auch die Vortragenden, weil sie kein Honorar verlangen und die Kurse mit ihrer Zeit und ihrem Wissen „sponsern“.

Bürgerengagement


Prometheus ist ein Bürgerprojekt. Es zeigt, dass die Gesellschaft auch außerhalb eines Militär- oder Revolutionskontextes hinter einem konstruktiven Ziel steht, dass also die Gesellschaft bereit ist, sich für friedliche Bürgerbelange zusammenzuschließen. Meiner Meinung nach ist das ein Zeichen für das Erwachsenwerden einer Gesellschaft“, erklärt Iwan Prymatschenko.

So wurde der Programmierkurs der Harvard Universität rein durch die Arbeit von Freiwilligen übersetzt, redigiert und koordiniert. Allein an der Übersetzung haben mehr als 100 Freiwillige aus vielen Städten und Orten der Ukraine gearbeitet. Man hat insgesamt knapp 1000 Seiten Text übersetzt. Zusätzlich gab es Freiwillige, die ein Offline-Experiment initiiert haben und sich zur gemeinsamen Heimarbeit in mehr als 10 Städten der Ukraine zusammengeschlossen haben.

Iwan Prymatschernko erzählt: „Den Kurs haben wir nicht einfach mit Untertiteln versehen, sondern zur Gänze auf Ukrainisch synchronisiert. Das ist ein ziemlich einmaliger Fall. Ich habe nicht gehört, dass er in irgendeiner anderen Sprache komplett synchronisiert wurde, immerhin sind das 50 Stunden Videomaterial“.

Kursteilnehmer


Die Projektgründer haben interessante Geschichten über ihre Kursteilnehmer. Fallschirmjäger nutzen ihre Angebote, aber auch Menschen mit Behinderungen. Ein fast blinder Mann, der selbst in einer Schule für Kinder mit Sehbehinderungen unterrichtet, macht bei ihnen einen Kurs nach dem anderen. Ein Tool zur Wahrnehmung des Bildschirminhaltes hilft ihm dabei und er kontaktiert die Projektleitung, wenn er irgendeine Erklärung braucht.

Die Entwickler von Prometheus möchten ihre Angebote aktiv unter Soldaten, die in der Ostukraine eingesetzt waren, oder Binnenflüchtlingen verbreiten, damit diejenigen unter ihnen, die einen neuen Beruf erlernen oder ihr eigenes Geschäft starten wollen, einen breiten Zugang z.B. zu Programmier- und Unternehmensführungskursen haben können.

Universitäten: Konkurrenten oder Partner?


„Ein Lehrer, den man mit einem Computer ersetzen kann, muss unbedingt mit einem Computer ersetzt werden“, zitiert Iwan Prymatschenko gerne Arthur Clarke. Dabei müssen sich gute Lehrende seiner Meinung nach vor Onlinekursen absolut nicht fürchten, denn diese sind einfach ein bequemes Arbeitsinstrument – mechanisches Aufsagen fällt weg und es entsteht Raum für Experimente.

Ziel von Prometheus ist es, das Beste aus der Online- und Offlinewelt miteinander zu vereinen. Es gelingt ihnen, Universitäten als Partner und Kursproduzenten zu gewinnen. Die ukrainischen Hochschulen öffnen sich allmählich für Online-Kurse. So hat die Ukrainische Katholische Universität in Lwiw für das Jahr 2020 die Strategie des "Blended Learning" (integriertes Lernen) schon vorgesehen. Sie möchte 30 % der Kurse in dieser kombinierten Form anbieten.

Hier soll die Einführung der Online-Kursreihe für Data Science als integriertes Lernformat an den Universitäten ein Pilotprojekt für Prometheus sein. Datenanalyse ist eine riesige Industrie, die explosionsartig wächst, aber in der Ukraine gibt es fast keine zeitgemäßen Studienprogramme dazu. Und an diesem Beispiel will man zeigen, dass Blended Learning nicht nur die Qualität in der Bildung verbessern, sondern auch sehr schnell beim Aufstellen neuer, für das Land wichtiger Studienrichtungen helfen und neue Geschäftszweige ausbilden kann.

Hohe Ansprüche und große Pläne


Durch die Integration der MOOC in den Lernprozess an den Universitäten will Prometheus die Bildungsqualität in der Ukraine verändern. Aber allein mit zivilgesellschaftlicher Hilfe halten die Initiatoren das nicht für möglich: es braucht Druck von Seiten der gesamten Gesellschaft, damit die Universitäten integriertes Lernen ins Studium aufnehmen. Das beste Argument sind hier die Zahlen. Wenn einmal eine halbe Million Menschen Online-Kurse nutzt, wir es den Hochschulen schwerfallen, das alles als Mode abzutun.

Prometheus plant 150 Kurse für die nächsten fünf Jahre. Iwan Prymatschenko meint: „Wir haben zwar ein gutes Arbeitstempo, aber wir möchten es weiter erhöhen. Es setzen sich mehr Vortragende mit uns in Verbindung, als wir auf Video aufnehmen können – unser Terminkalender ist ein halbes Jahr im Voraus voll“.

Im Rahmen des gemeinsamen Projektes "Zeitgeist" mit der ukrainischen Online-Zeitschrift "Platforma"