Hochschulbildung in der Ukraine „Um Wissen bemüht man sich“

Dozent und Studenten | Foto: Getty Images/Manchan
Foto: Getty Images/Manchan

Gespräch mit dem Philosophen und Dozenten der „Kiewer Mohyla-Akademie“ Taras Ljutyj über die Hochschulbildung in der Ukraine

Hochschuldiplom als Kapital

 
Wir beobachten in der Ukraine eine Art Phänomen: die meisten Erwachsenen besitzen eine Hochschulbildung. Dabei erwirbt in den entwickelten westlichen Ländern gerade mal die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung eine Hochschulbildung. Warum ist es in der Ukraine anders?  Sind die Ukrainer etwa überzeugt, dass ohne Hochschuldiplom kaum etwas zu erreichen ist?
 
In erster Linie ist es, denke ich, mit der wirtschaftlichen Lage des Landes verbunden. Warum haben wir fast keine Berufsschulen mehr? Weil die Absolventen solcher Berufsschulen sehen, dass sie auf dem Arbeitsmarkt nur eine sehr schlecht bezahlte Arbeit finden können.
 
Wenn man aber eine Hochschulbildung besitzt, so kann man von einem höheren sozialen Niveau ausgehen und auf eine gut bezahlte Arbeit hoffen. Jeder will Manager werden und nicht zur Arbeiterklasse gehören. Ein Hochschuldiplom ist in jeder Gesellschaft ein symbolisches Kapital, das helfen kann, wenn man kein finanzielles Kapital besitzt.
 

Beruf und Berufung

 
Ein weiteres Problem, mit dem es die Hochschulbildung zu tun hat, besteht darin, dass die Schulabsolventen ihren Berufsweg sehr häufig nicht selbständig wählen, was dazu führt, dass die Anzahl der Menschen, die den erlernten Beruf tatsächlich ausüben, nicht sehr groß ist.  Warum ist es so?
 
Leider wählen sehr oft die Eltern den Beruf für ihre Kinder. Im letzten Jahrzehnt hatten wir eine richtige Studentenplage in den Fächern Wirtschaft und Jura gehabt – alles wegen des stereotypischen Denkens der Eltern, die überzeugt sind, dass ihre Kinder durch Diplome in diesen Fächern aus der postsowjetischen  Misere herauskommen und womöglich sogar aufsteigen können.
 
Ich teile gerne meine persönlichen Erfahrungen mit. Mein erstes Hochschuldiplom habe ich an der Kiewer Polytechnischen Hochschule erhalten. Dies war nicht meine Wahl gewesen, sondern so haben meine Eltern damals für mich entschieden. Mein Vater ist Ingenieur, ich besuchte zunächst eine mathematische Schule, das Studium an der Polytechnischen Hochschule war daher eine logische Fortsetzung und entsprach vollkommen der Familientradition.
 
Ich begeisterte mich aber immer mehr für Geisteswissenschaften. Also habe ich dann im vierten Studienjahr angefangen, parallel auch noch an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Kiewer Mohyla-Akademie zu studieren. Und so kam ich schließlich zu dem Beruf, der mir am nächsten lag.
 
Nicht umsonst haben die deutschen Wörter „Beruf“ und „Berufung“ den gleichen Stamm. Max Weber nannte Politik und Wissenschaft seine innere Berufung. Der ukrainische Philosoph Skoworoda widmete sich in seinen Werken verwandten Arbeiten. Darin besteht doch schlussendlich der Sinn unserer eigenen Wahl. Am besten ist es also, sich nicht immer nur nach der Meinung der Eltern zu richten, sondern vor allem in sich selbst hineinzuhorchen.

Das Wissen wird nicht gekauft

 
Zurzeit können Sie sich die ukrainischen Hochschulen vor allem als Dozent anschauen. Was sehen Sie? Wo liegen die meisten Probleme?
 
Was mich persönlich betrifft, so merke ich, dass unsere Studenten die Hochschuldozenten als eine Art Dienstleister verstehen. Klar, wenn wir uns beispielsweise an Behörden wenden und von Ihnen eine Dienstleistung erwarten, dann ist es normal, weil sie für diese Leistungen aus unseren Steuern bezahlt werden.
 
Aber eine Universität ist etwas anderes, es geht um eine Institution, an der alle Beteiligten am Lernprozess interessiert sind. Zur Zeit wird versucht, die Universität als einen großen Markt darzustellen, auf dem es verschiedene Bildungstechnologien zu kaufen gibt. Ich bin aber der Meinung, dass eine Universität in ihrem Wesen bestehen bleibt, solange bei allen Teilnehmern des Lernprozesses ein Interesse an ihr besteht.
 
Studenten können sich ihr Wissen nicht so kaufen, wie sie das mit Lebensmitteln im Geschäft tun. Wissen erfordert persönliches Interesse und Bemühungen. Es mag banal klingen, aber eigentlich ist Wissen das, was man nicht einfach erwirbt, sondern das, worum man sich bemüht. Wissen ist Macht – hat uns noch Francis Bacon gelehrt. Diese Macht muss gekonnt angewandt werden. Es geht um ein Instrument, das nicht instrumentell behandelt werden muss. Wissen ist eben kein Hammer, mit dem wir einen Nagel in die Wand schlagen.
 
Eine besondere Rolle spielen bei all dem die Geisteswissenschaften. Der Geist ist die besondere Wirklichkeit, die oft missachtet wird, zum Teil auch so erheblich, dass man die Geisteswissenschaften auf das Niveau eines Hobbys herabsetzt und darüber diskutiert, ob es überhaupt sinnvoll ist, Philosophie an der Universität zu unterrichten.
 
Wenn wir schon über das Zusammenwirken zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften sprechen, so entsteht hier die Frage, warum sich gerade zur Zeit Naturwissenschaften besser entwickeln als Geisteswissenschaften?
 
Zu sowjetischen Zeiten, als das Land mit der Industrialisierung begonnen hat, war dieses verrückte Entwicklungstempo an der Tagesordnung. Man brauchte vor allem Fachleute aus den naturwissenschaftlichen Bereichen. Die Sowjetunion sah sich im Wettbewerb mit dem kapitalistischen Westen und wollte unbedingt die Vorrangstellung der sozialistischen Welt zur Schau stellen.
 
Die Geisteswissenschaften wurden zu einem ideologischen Bereich. Stellen wir uns einmal vor, die Philosophie wäre damals vom pluralistischen Standpunkt aus unterrichten worden! Unter diesen Umständen wäre die Doktrin von Marx und Lenin schnell am Boden zerstört worden. Gerade zur Zeit der Sowjetunion haben die Geisteswissenschaften angefangen, eine zweitrangige Rolle zu spielen.
 

Entwicklungen und Reformen


Historisch gesehen waren Universitäten schon immer Monopolisten in der Bildungsbranche. Zur Zeit beobachten wir, wie immer mehr informelle Bildungsinstitutionen und –initiativen entstehen. Was ist Ihre Meinung – sind sie in der Lage, die akademischen Bildungsinstitutionen mit der Zeit abzulösen?
 
Ich würde nicht sagen, dass Universitäten ihre Führungsrolle verlieren und Bildungsinitiativen in der Lage wären, die universitäre Bildung zu ersetzen. Solche Initiativen erfüllen eher eine sehr wichtige Hilfsfunktion. Sie geben uns die Möglichkeit, all das nachzuholen, was wir an der Universität nicht bekommen haben. Schließlich hören wir nach der Universität nicht auf zu lernen – es ist unmöglich einmal und für immer das Wissen zu erwerben, es wird stetig erneuert.
 
Wir brauchen informelle Bildungsinitiativen. Ihre aktive Entwicklung in der Ukraine zeugt nun davon, dass Menschen nicht nur Zeit für sich finden, sondern auch eine Weiterbildung und -entwicklung anstreben. Für die Bildung opfern sie ihre Zeit und geben Geld aus, und das ist sehr gut. Ukrainer haben verstanden, dass es sich lohnt, in die eigene Entwicklung zu investieren, sie haben begriffen, dass es notwendig ist, die lückenhaften Kenntnisse, die sie erworben haben, zu systematisieren und zu vervollständigen.
 
Nach der Revolution der Würde sind die Ukrainer voller Hoffnung – auf Veränderungen und Reformen, unter anderem auch im Bildungsbereich. Welche Schritte wären aus Ihrer Sicht jetzt logisch und an der Reihe, um das, was auf dem Euromajdan erreicht wurde, nicht zunichte zu machen?
 
Der Mensch kann nicht permanent in einem revolutionären Zustand leben. Jetzt, nach all den Ereignissen, müssen wir tüchtig analysieren und einfach körperlich arbeiten. Zum Beispiel kompensiert die große Freiwilligenbewegung, die in der Ukraine vor kurzem entstanden ist, einiges an den Stellen, an denen der Staat untätig war und ist. In einem bestimmten Moment haben wir begriffen, dass wir uns selbst bemühen müssen, das Land so zu gestalten, wie wir es uns vorstellen. Ich denke, das muss auch zu unserer Hauptaufgabe werden: die Vergangenheit analysieren, eine Strategie für die Zukunft entwickeln und tüchtig arbeiten.

Im Rahmen des Projektes Zeitgeist gemeinsam mit der ukrainischen Online-Zeitschrift "Platforma"
 

Taras Ljutyj | Foto: Taras Lyuty, Суспільне надбання, https://uk.wikipedia.org/w/index.php?curid=1077707 Foto: Taras Lyuty, Суспільне надбання, https://uk.wikipedia.org/w/index.php?curid=1077707 Taras Ljutyj ist ukrainischer Philosoph und Künstler. Hauptberuflich leitet er den Lehrstuhl für Philosophie und Religionskunde der Kiewer Mohyla-Akademie. Zudem beschäftigt er sich intensiv mit Musik und Poesie.