Frankfurter Buchmesse 2016 Mit Malewitsch zur Anerkennung

Serhij Zhadan am ukrainischen Stand auf der Frankfurter Buchmesse 2016
Serhij Zhadan am ukrainischen Stand auf der Frankfurter Buchmesse 2016 | Foto: Iryna Baturewytsch

Bei der 68. Buchmesse in Frankfurt war für die Ukraine alles anders als früher: mit einem modernen Management, einem angemessenen Stand und einem vielfältigen Buchangebot präsentierte sich das Land als ein Akteur auf dem internationalen Buchmarkt, integriert in den globalen Kulturkontext.

Die bewegende Kraft des Fortschritts war die Zusammenarbeit des Staates und der freien Szene: das Außenministerium, das Kulturministerium, das Ukrainische Generalkonsulat Frankfurt am Main, das neu gegründete Buchinstitut und Literaturfestivals wie Bucharsenal, Meridian Czernowitz, Verlegerforum, der ukrainische Buchverband, die Plattform für Künstler „Isolation“, das Kunstzentrum Ya Galerie, die Stiftung der Familie Zahorij sowie die Frankfurter Buchmesse selbst. Auch das Goethe-Institut war beteiligt und förderte die Präsentation der schönsten Bücher. Diese Liste wird nicht nur aus Dankbarkeit angeführt, sondern auch als ein Zeugnis der Fähigkeit, zu kooperieren, um auf sich aufmerksam zu machen.

Aus Erfahrungen lernt man

Früher fanden große ukrainische Verlage die Idee eines nationalen Messestandes wegen des Mangels an staatlicher Unterstützung aussichtslos und investierten lieber in eigene Messestände.
 
Die geringe Aktivität vieler ukrainischer Verleger erklärte sich auch dadurch, dass es kein direkt messbares Ergebnis von der Teilnahme an Messen wie in Frankfurt gab. Viele bevorzugten das Format B2C, das auch einen direkten Verkauf der Produktion an Leser anstatt ihrer bloßen Ausstellung vorsieht.
 
Viele fühlten sich auch nicht konkurrenzfähig und orientierten sich eher an Messen in Litauen oder in Warschau mit weniger Ausstellern, wo man leichter auffallen kann. Von der Frankfurter Buchmesse mit ihren über 7000 Exponenten war damals für die meisten keine Rede.
 
Einige Verlage haben sich allerdings ihren Weg in die Welt selbst gebahnt: zuallererst waren das А-BА-BА-HА-LА-МА-HА, Wydawnytstwo Staroho Lewa, Kalwaria, Nora-Druk und Vivat. Wiederum sind einige, wie der Verlag Rodowid, in den letzten Jahren zu ständigen Teilnehmern an spezialisierten internationalen Ausstellungen avanciert. Im Jahre 2016 waren also bedeutende Akteure auf dem ukrainischen Buchmarkt aktiv, was Publikationsumfang sowie auch internationale Geschäftstätigkeit betrifft.

Eine neue Kulturmanager-Generation baut einen neuen Messestand

„Wir haben eine neue Generation von Kulturmanagern, die bereit sind, für den Buchmarkt zu arbeiten“, sagte der ukrainische Kulturminister Ewhen Nyschtschuk bei der Eröffnung des nationalen Standes auf der Frankfurter Buchmesse 2016.
 
Der Stand selbst war kommunikativ ausgerichtet und vom konzeptuellen bzw. funktionalen Design geprägt. Für die Aktualität und Interkulturalität stand die Person des Künstlers Kasimir Malewitsch und die Ausstellung baute sich mutig und sachverständig rund um seine Idee von "Architektonen" als Bauprinzipien des Suprematismus. Die Ideen der Avantgarde haben die Autoren des Konzeptes im Auftrag des ukrainischen Außenministeriums – die Kunstmanagerin und die Herausgeberin des Bandes „Kasimir Malewitsch. Kiewer Periode 1928-1930“ Tetiana Filewska und der Architekt Sascha Manukjantz – mit der zeitgenössischen Funktionalität kombiniert. Das eingesetzte Modulsystem macht immer neue Varianten der Konstruktion möglich und ist also auch für künftige Präsentationen wiederverwendbar. Die visuelle Gestaltung der Kunstleiterin von Mystetskyj Arsenal Aljona Solomadina nach Motiven von Florian Jurjew hat die „Architektur“ des Standes bereichert.

Das ukrainische Programm in  Frankfurt 2016

Die moderne Ästhetik des Standes wirkte offenbar ermutigend auf die ukrainischen Teilnehmer der Buchmesse: 14 haben sich am Stand präsentiert, weitere 5 außerhalb des Standes. 12 Verlage kamen mit ihren eigenen Ständen nach Frankfurt. Erfreulich ist, dass nicht nur große und etablierte, sondern auch junge und kleine Verlage dabei waren.
 
 
Eine Diskussionsreihe über Kasimir Malewitsch mit Myroslawa Mudrak, Lidija Lychatsch, Jean-Claude Marcadé und Tetjana Filewska bildete das Leitmotiv des ukrainischen Programms, geleitet von der Literarischen Korporation Meridian Czernowitz. Die Entdeckung des Kiewer Erbes dieses weltbekannten Künstlers, seines pädagogischen Werkes erzielte ihre Wirkung auf die Neupositionierung der Ukraine im internationalen künstlerischen Kontext.
 
Literatur und Kunst in Zeiten des Krieges, Konflikte, Kampf und Gleichgültigkeit waren die Schwerpunkte bei den Podiumsdiskussionen mit Jurij Andruchowytsch, Serhij Zhadan, Katja Babkina, Iryna Tsilyk, Igor Pomerantsew, Boris Reitschuster und weiteren Intellektuellen.
 
Der Globetrotter und Begründer des Projektes „Ukrainer“ Bohdan Lohwynenko setzte mit den Präsentationen der Bücher „Saint Porno“ und „Die Vorübergehenden“ andere Akzente, indem er wichtige Veränderungen in der Ukraine zur Sprache brachte: das Verschwinden der (post)sowjetischen Ängste vor Tabuthemen, Offenheit für die Welt, Bereitschaft zum Dialog, zum Zuhören und Mitteilen.
 
Das Programm beinhaltete auch fachspezifische Events für ukrainische Verleger: Führungen des Bucharsenals gemeinsam mit der Frankfurter Buchmesse durch nationale Stände, Speed-Dating für die Vernetzung ukrainischer Verleger mit ausländischen Kollegen.
 
Insgesamt zählte das Programm über 20 Diskussionen, Treffen und Präsentationen. Es wuchs über das Messegelände hinaus, mit poetischen Lesungen im ukrainischen Generalkonsulat Frankfurt am Main, wo Jurij Andruchowytsch, Kateryna Babkina, Serhij Zhadan und Iryna Tsilyk für volle Säle sorgten.