Berlinale 2017 „School Number 3“: den Krieg besiegen

Shkola Nomer 3
© Tabor Production | Theatre of Displaced People

Der ukrainisch-deutsche Film Shkola nomer 3 (Schule Nr. 3) von Georg Genoux und Yelizaveta Smith erhielt den Großen Preis der Sektion Generation 14plus auf der 67. Berlinale.

„Was für ein Morgen, nicht wahr? Was für ein Morgen! Das ist einfach toll!“ sagt Alina, während sie Maulbeeren pflückt. Im Hintergrund sind ein Fluss und ein Kraftwerk zu sehen. Ringsherum grünt alles, wie es nur im Juni oder Juli sein kann, wenn das Grün in der Sonne nicht ausbleicht. Im Bild sind Alina und Wanja – zwei Teenager aus der Stadt Mykolajiwka, die in der Region Donezk liegt.

Unter dem Baum sprechen sie über das Leben und ihre Träume. Die Chinesische Mauer durchlaufen, ins Weltall fliegen. Aber nicht jetzt, irgendwann später. „Ich möchte hier noch eine Zeit lang bleiben, dieses Leben sehen“, sagt Alina. „Wir haben bis jetzt außer Nikolajewka nichts gesehen. Es kommt mir so vor, als ob wir auf dem Mars leben und nichts über diese Welt wissen“, fügt Wanja hinzu.

Das ist eine von den Szenen im Film Shkola nomer 3, bei denen man tief Luft holen und ins Alter von 15-16 Jahren zurückkehren will. In die Zeit, in der es noch mehr Träume als Erinnerungen gibt und man angezogen von der Brücke in den Fluss springen kann. Im Film gibt es aber auch andere Episoden. Zum Beispiel, wenn Alina über den ersten Beschuss der Stadt erzählt. Sie stürzte mit ihrer Mutter auf den Fußboden und hörte zum ersten Mal von ihr „meine Tochter“. Vorher nannte die Mutter sie immer beim Namen.

Wechselbad von Schmerz und Glück

Dieses Wechselbad von Schmerz und Glück begleitet das Publikum während der gesamten 116-minütigen Filmvorführung. Auf der Leinwand sehen wir 13 Schülerinnen und Schüler aus dem Donbass – warmherzig und rührend, verliebt und irgendwie zu erwachsen für ihr Alter. Sie zeigen die Gegenstände, die für sie eine Bedeutung haben: einen Motorradhelm, eine Gardine aus der Kindheit, eine Statuette des Eiffel-Turmes. Hinter jedem dieser Gegenstände steht ein persönliches Erlebnis, häufig – der Krieg.

Einige statische Monologe der Schüler wurden in Klassenräumen, in einer Sporthalle und in einem Veranstaltungssaal aufgenommen. Die Vergangenheit bleibt in diesen Räumlichkeiten am Leben. Die meisten persönlichen Bekenntnisse entstanden, als Georg Genoux und Natalia Vorozbyt ihr Stück„Mykolajiwka“ entwickelten, das in der Ukraine durch das Theatre of Displaced People bereits bekannt ist.

Vorozhbyt und Genoux – seit langem miteinander befreundet – fuhren 2014 als Freiwillige in die Donbass-Region, um eine durch Kampfhandlungen im Sommer beschädigte Schule wieder instand zu setzen. Dort lernten sie Yelizaveta Smith und Khrystyna Lizogub, die später im Film hinter der Kamera stand, kennen. Bei der Arbeit mit den Kindern galt die Regel: „Niemand darf wegen seiner politischen Ansichten diskreditiert werden. Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung“.

Während der Berlin-Premiere erzählt Genoux: „Mit Hilfe von Gegenständen wollten wir unseren Protagonisten ein Instrument in die Hand geben, das ihnen helfen konnte, einen Zugang zur eigenen Geschichte zu finden. Und das ist gleichzeitig ihre Stütze, als ob sie an diesen Dingen festhalten, während sie sprechen“. Sie bezeichnen diesen Ansatz als therapeutisch: den Opfern der Situation helfen, Helden ihrer eigenen Biographie zu werden – das war der Sinn.

Emotionale Monologe werden im Film durch authentische „Straßenaufnahmen“ ergänzt. Die ärmliche postsowjetische Gegenwart steht im Kontrast zu den jungen Menschen, die so lebendig und echt sind und Antworten auf ihre Fragen – oft vom Krieg bestimmt – suchen.  „Könnte ich einen Menschen töten?“ diese Frage stellt sich Wlad. In dieser kompromisslosen Aufrichtigkeit der Protagonisten liegt zweifellos das Erfolgsgeheimnis des Films von Georg Genoux und Yelizaveta Smith. Die Kamera behandelt ihre Figuren mit Liebe, und diese tun, wovon jedes Filmteam träumt – sie beachten die Kamera nicht mehr.

Den Jury-Mitgliedern gelang es, die Magie des Films Shkola nomer 3 genau zu beschreiben: „Wir bewundern die Zusammenarbeit zwischen Regisseur, Kamerafrau und Protagonisten, und wie sie es schaffen, einen Raum des Vertrauens aufzubauen. Dieser Film lässt dem Narrativ des Krieges keine Überhand gegenüber der emotionalen Welt seiner jungen Helden, die uns einen Einblick in die innigsten und intimsten Details ihrer Leben gewähren.

Narben des Krieges

Im Grunde genommen ist der Sieg von Genoux und Smith ein „ukrainisches Märchen“, ein Beweis dafür, dass man auf Wunsch und mit dem richtigen Team alles erreichen kann - ohne Geld und institutionelle Förderung. „Wir wollten, dass diese Teenager mehr vom Leben nach dem Krieg in Erinnerung behalten als vom Leben im Krieg“, erzählt Genoux. Und scheinbar wurde dieser Wunsch nun vor aller Augen wahr: nach der Premiere kamen 11 Protagonistinnen und Protagonisten auf die Berliner Bühne, begleitet vom tosenden Applaus.

Kurz danach stellte die Moderatorin eine scheinbar einfache Frage: „Welche Sprache sprecht ihr – Russisch oder Ukrainisch, und hat das eine Bedeutung?“ Die Helden aus dem Donbass gerieten in Verlegenheit. Nicht weil die Frage schwer war. Aber sie erinnerte daran, wie schnell man von der persönlichen Erfahrung in die Dimension der politischen Diskurse geraten und am Ende wieder das Feld des Krieges betreten kann. Davor waren sie während jener 116 Minuten des Filmes geflüchtet. Die Frage wurde nochmal aus dem Publikum wiederholt:

„Wir können auf Ukrainisch sprechen, und wir können auf Russisch sprechen“, sagte einer von der Mykolajiwka-Gruppe nach kurzer Pause in beiden Sprachen.

Bei aller Intimität kann der Film natürlich nicht unpolitisch bleiben. Georg Genoux appellierte in Berlin an die europäische Gemeinschaft, die Ukraine nicht zu vergessen. Dieser Appell wurde durch den Film auf der Berlinale auf eine sehr subtile Art und Weise vermittelt: ohne die Menschen in politische Lager aufzuteilen, ohne Propaganda, mit sehr wahrhaftig, ohne Widersprüche zu scheuen.

Dem Regieteam ist es gelungen, die Narben, die vom Krieg hinterlassen werden, in Berlin zu zeigen, und jenen, die hinter den trockenen Schlagzeilen in den Medien nicht zu sehen sind, eine Stimme und ein Gesicht zu verleihen.

Dabei ist dieser Film für die Ukraine nicht nur ein internationaler Erfolg. In erster Linie wird er zu einer Botschaft für Ukrainer selbst. Er zeigt eine neue, junge und aufrichtige Donbass-Region. Mit seinen Protagonisten will man unter schweren Wolken spazieren gehen, ihren nicht immer vollständigen Phrasen, ihrer Slang-Intonation mit der Fülle an ukrainischen stimmlosen „H“ im besten Donbass-Russisch zuhören.

Shkola nomer 3 zeigt, wie es in einer Kriegssituation überhaupt möglich ist, Menschlichkeit zu bewahren, die Wahrheit hinter den Stereotypen des Krieges aufzuspüren. Das bedeutet auch: für die Menschen an der Front zu sprechen, und für alle anderen: zuzuhören. Für beide Gruppen – einander zu helfen. Die wichtigsten Lehren des Films Shkola nomer 3 sind Vertrauen, Toleranz und gegenseitige Unterstützung. In dieser Hinsicht kann man von den Filmautoren wahrlich viel lernen.