Docudays UA 2018 „Wir bemühen uns, die Gleichgültigkeit mit Filmen zu bekämpfen“

Docudays UA Tram
Foto: facebook.com © Docudays UA

Die PR-Leiterin des ukrainischen Dokumentarfilmfestivals Docudays UA Dar’ya Averchenko erzählt über Schwerpunkte des Programms, ihren persönlichen Bezug zum diesjährigen Thema sowie über Filme, die zu Herzen gehen.

Das Internationale Dokumentarfilmfestival für Menschenrechte Docudays UA bietet schon seit 15 Jahren dem ukrainischen Publikum ein Programm, das sich mit aktuellen Fragenstellungen auseinandersetzt. Jedes Jahr macht sich das Team des Festivals Gedanken über Herausforderungen, vor denen die Gesellschaft heute steht, und leitet daraus ein Schwerpunktthema für das nächste Festival ab. In diesem Jahr geht es um „gleiche Gleichheiten“.
 
Parallel zum Filmwettbewerb laufen sechs Programme, die ethnische, religiöse, altersbezogene Diskriminierungen, Rechte der Frauen, LSBTTIQ und Menschen mit Behinderungen thematisieren. Spannende Beiträge bieten alle Sektionen, dabei liegt mir der letzte Schwerpunkt besonders am Herzen.
 
In einem Fernsehporträt schilderte ich vor einigen Jahren den Alltag eines Mannes im Rollstuhl, der Kindern in einer Kiewer Schule Basteln beibringt. Maksym mag seine Arbeit, nur der Weg zu seinem Arbeitsplatz macht ihm zu schaffen: Treppen, Einstieg in die U-Bahn, bei dem er auf die Hilfe des Personals angewiesen ist, vollgeparkte Straßen, die zu seiner Schule führen. Menschen mit Behinderungen wurden noch zu Sowjetzeiten abgeschoben –  erzählt er – in Sonderheime, ohne Integrationsmöglichkeiten. Man konnte sein ganzes Leben zu Hause sitzen, ohne dass sich jemand um deine Wünsche, Talente, Potential kümmerte.
 
Ob mein TV-Beitrag jemanden beeinflusst hat, weiß ich nicht, mich hat er auf jeden Fall tief geprägt. Seitdem kann ich nicht an einem Menschen im Rollstuhl vorbeigehen, ohne ihm meine Hilfe anzubieten. In unserem Programm „Syndrom der Gleichheit“ bemühen wir uns die Gleichgültigkeit mit Filmen zu bekämpfen, über Menschen mit besonderem Förderbedarf, insbesondere mit Down-Syndrom und psychischen Beeinträchtigungen.
 
So führt die Filmemacherin Nanfu Wang aus China/New York in ihrem Film I Am Another You ein Experiment durch: sie lädt Freunde des Protagonisten Dylan in ein Zimmer ein, damit sie verschiedene Bücher laut vorlesen, während Dylan konzentriert Diskriminanten an eine Tafel zeichnet. „Genau das läuft in meinem Kopf jeden Tag ab“, erklärt der junge Mann. Er verließ sein Haus und trennte sich von seiner Familie, die kein Verständnis für seine mentale Krankheit aufbringt. Seitdem lebt er auf der Straße.
 


Im Film Mikhail and Daniel erzählt der ukrainische Regisseur Andrei Zagdansky eine ergreifende Geschichte über den Künstler Mikhail, der aus der Ukraine nach Tschechien umzieht, um seinem gelähmten Sohn Daniel eine vollständige Integration zu ermöglichen. Dank einer erfolgreichen Behandlung entwickelt sich Daniel in einen ganz selbstständigen jungen Mann, der sich für Fußball interessiert und mit Mädchen gerne tanzt. Außerdem stellte sich heraus, dass er auch  Künstler ist! Trotz großer Schmerzen, die ihm ungeschickte Bewegungen zufügen, erstellt der Junge Schmuck aus buntem Glas. In der Familie findet er das nötige Verständnis dafür, dass er dazu gehört und als erwachsener Mensch sein Leben selbst in den Griff bekommen möchte.
 
Über Menschen mit Down-Syndrom, die in einer Schulkantine arbeiten, erzählt der Film The Grown-Ups der Regisseurin Maite Alberti aus Chile. Die Protagonisten sind vierzig Jahre alt und verliebt. Sie wollen zusammen leben, sind aber konfrontiert mit ihren Betreuern, die ihr Schicksal anders sehen. Eine Liebesgeschichte, die traurig und gleichzeitig optimistisch ist.
 


Der Film Some Things Are Hard To Talk About der Regisseurin Stefanie Brockhaus aus Deutschland ist eine sehr persönliche Geschichte. Die Filmemacherin setzt sich mit dem schwierigen Thema Abtreibung auseinander und klärt bei ihrer Mutter und Großmutter, ob sie diesen schweren Schritt schon mal gewagt haben. Wir denken gewöhnlich, dass Abtreibung die Entscheidung einer Frau ist. Faktisch sind aber alle Familienmitglieder davon betroffen. Stefanies Vater erfährt, dass seine Frau eineSchwangerschaft abgebrochen hat, ohne ihm etwas zu sagen, und das bereitet ihm großes Leid, weil er sich immer noch einen Sohn wünschte. Umgekehrt ist der Partner von Stefanie sicher, dass ihre Beziehungen ein zweites Kind nicht aushalten werden. Ein offenes Gespräch begleitet die Filmvorführung. Das Goethe-Institut Ukraine hat dazu beigetragen, dass der Film bei unserem Festival gezeigt werden kann.