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Technologien, die eine staatliche Bedeutung haben: wie Frauen „Civic Tech“ weiterentwickeln

Von Jane Klepa

CivicTech sind Technologien des gesellschaftlichen Bereichs in der Informationstechnik. Es sind digitale Tools, welche das Leben der Gesellschaft vereinfachen sollen, indem sie Bürger*innen helfen, sich an Verwaltungsprozessen, der Entscheidungsfindung und öffentlichen Interaktionen zu beteiligen. In Deutschland gibt es bereits „Bundesgit“, „CityLAB Berlin“, „Offener Haushalt“, „Project Code for Germany“, „Prototype Fund“ nebst weiteren. 

Das Gebiet der Civic Technology, überschneidet sich häufig mit dem von Government Technology (GovTech), so bezeichnet man die Digitalisierung der Behördenwege. Die Überschneidungen erschweren eine klare Abgrenzung dieser beiden Bereiche und deswegen wird CivicTech, nach dem Beispiel der „Knight Foundation“, in zwei Bereiche aufgeteilt: Open Government und Community Action. 

HromadskyiProjectCivicTech

Die erste Kategorie umfasst Lösungen zur Erhöhung der Datenverfügbarkeit und -transparenz, eine Vielzahl von Visualisierungen und Wahlwerkzeugen, sowie einen Zugang zum öffentlichen Diskurs, den Entscheidungsprozessen und Kommunikationsanwendungen zwischen Bürger*innen und Staat. Zur Community Action gehören lokale Plattformen, Crowdfunding und Crowdsourcing, sowie Organisationsplattformen für die Gesellschaft. 

Zwischen Politik und Technologie: Die Bedeutung von Frauen in CivicTech 

Laut dem „Women Tech Network“ sind lediglich 17 % Frauen im europäischen Informations- und Technologiebereich tätig. Die Autoren der „The State of European Tech 2019-Studie“ haben 20 % Frauen unter den Gründer*innen von Technologie StartUps, einschließlich Frauen mit männlichen Co- Founder, gezählt. 

Es steht im Verhältnis 12:1 zugunsten der Männer, wenn man den C-Level Verlauf betrachtet. Die höchste Frauen-Quote findet sich im Bereich der Geschäftsführung mit 21 %, die niedrigste in der technischen Leitung mit weniger als einem Prozent.
OpenTechFundResultsSlide
Bisher gab es keine numerische Datenerfassung oder Statistik im Bereich CivicTech. Meine Kolleg*innen und ich haben sie erfasst: Wir haben eine Auswahl von zivilgesellschaftlichen Unternehmen weltweit betrachtet und den Frauen- und Männeranteil mithilfe von Open Sources, also offizieller Websites, Interviews und Arbeitsplattformen wie LinkedIn, untersucht und ausgewertet. 

Es stellte sich heraus, dass CivicTech im Gegensatz zu den anderen Technologiebranchen gute Indikatoren für die Gleichstellung der Geschlechter aufweist. 41 % der Mitarbeiter*innen in diesen Unternehmen sind Frauen. Und unter den Gründern*innen machen Frauen 29 % aus. 

Die CivicTech-Branche ist auch im Vergleich mit der Politikbranche offener für Frauen. Laut UN Women sind weltweit nur 24 % der Abgeordneten weiblich und 2019 gab es beispielsweise nur 23 Frauen insgesamt unter den Staats- und Regierungschefs. 

Die Gründerin von „Girls Who Code“ Reschma Suajani betont wie wichtig es ist, weibliche Vorbilder in der Entwicklung des Technologiebereichs zu haben. „Du kannst nicht das sein, was du nicht sehen kannst“ – erklärt sie. Daher ist es sinnvoll zu betrachten, was im Bereich CivicTech bereits entstanden ist, welche Rolle Frauen beim Erzielen dieses Ergebnisses gespielt haben und diese auch hervorzuheben. 

Frauen in der globalen CivicTech Community 

Ohne „Open Technology Fund“ (OFT), einer Organisation, die gegen Zensur oder repressive Überwachung kämpft und damit die Menschenrechte, sowie die Entwicklung der offenen Gemeinschaft unterstützt, wäre eine globale CivicTech-Industrie kaum vorstellbar. 

Die OTF wird von zwei Frauen geleitet: Stiftungspräsidentin Laura Cunningham und CEO Libby Liu. Die Programmmanagerin des OFT, Fiona Krakenbürger, ist als Mentorin dem CivicTech-Sisters-Programm beigetreten. Dieses Programm haben wir gemeinsam mit dem Goethe-Institut Ukraine und betterplace lab organisiert. Sechs erfolgreiche Führungskräfte aus der Ukraine und Deutschland unterstützen sechs Monate lang die berufliche und persönliche Entwicklung von zwanzig jungen Frauen im CivicTech-Bereich in den genannten Ländern. 

Eine ehemalige Kollegin von Krakenbürger, Direktorin des „Prototype Funds“ Adriana Groist, ist eine dieser Mentorinnen. Zu den Projekten des Fonds gehören „Speakerinnen“, mit dem Ziel die Anzahl weiblicher Rednerinnen in der Podiumsdiskussion weltweit zu erhöhen, „AlarmDisplay“, was die Vereinfachung des Betriebsprozesses für die Rettungsdienste darstellt, „Lightbeam“, die Visualisierung des Datentrackings in Echtzeit und die „Global Agriculture Information Plattform (GAIPA)“, eine Datenbank mit nützlichen und verständlich formulierten Informationen, welche Landwirten in Entwicklungsländern zugänglich gemacht werden. 

Weitere Erfolgsgeschichten sind in der Zusammenstellung der GovInsider-Ausgabe zu finden: Journalist*innen sammelten 55 Interviews mit den erfolgreichsten Vertreterinnen der GovTech-Industrie, deren Arbeit sich häufig mit CivicTech überschneidet. Zu den GovInsider –Heldinnen gehören unter Anderem Sarah Pearson, Chief Innovation Officer des australischen Außen- und Handelsministeriums; Lisa Past, Chief National Cyber Risk Officer des estnischen Regierungsbüros und Leslie Go, Senior World Bank Technology Advisor. 

Ukrainerinnen in Civic Tech – Siege und Siegerinnen 

Auch in der ukrainischen Civic Tech-Industrie gibt es viele Projekte, hinter welchen Frauen stehen. Beispielsweise wurde „Gromadsky Project“, eine bekannte IT-Lösung zur Automatisierung des Budgets von unserer Nichtregierungsorganisation „SocialBoost“ unter Anführung der R&D-Abteilungsleiterin Katerina Borysenko entwickelt. Seitdem das Gemeindeprojekt existiert, wurde es bereits von 5 Millionen Ukrainern aus hunderten von Städten genutzt. 
1991 Incubator
Das gleiche Team erarbeitete auch die „Dosvit“ Plattform, mit der eine territorial vereinte Gemeinde schnell eine offizielle Website mit modernem Design und den nötigen Anwendungen, wie der Visualisierung der Einnahmen und Ausgaben, der Erstellung von Petitionen und dem öffentlichen Diskurs erstellen kann. 

Es ist wichtig auch das USAID / UK aid projekt TAPAS (Transparenz und Rechenschaftspflicht in der Staatsverwaltung und Dienstleistungen) zu erwähnen, das sich insbesondere mit den Fragen der Veröffentlichung der Staatsdaten und mit der sinnvollen Produkterschaffung auf dieser Grundlage befasst, denn es wird auch von einer Frau geleitet – Kateryna Oniliogvu. 
Kateryna Onyiliogwu
TAPAS fungiert als der Veranstalter der „Open Data Challenge“, welche 2020 zum vierten Mal in Folge stattfindet. Der Wettbewerb hat schon vielen StartUp-Unternehmen geholfen, welche im „1991 Open Data Incubator“ gebildet wurden und deren Service von den Ukrainern regelmäßig genutzt wird. Dies sind Schtrafy UA, Court On The Palm, PatentBot, DonorUA. Die letzten beiden Unternehmen wurden übrigens von Frauen gegründet: Natalia Vladimirova und Irina Slavinska. Sie sind den Leuten in der CivicTech-Community bereits ein Begriff. 

Diese Gemeinschaft der Ukraine hat ein interessantes Merkmal: sie ist zwar recht jung, aber Expert*innen aus anderen Fachbereichen schließen sich der Gemeinschaft aktiv an, um ihre bürgerliche Position auszugrücken und die Entwicklung der Gesellschaft und Reformierung im Land zu unterstützen. 

Zu den ukrainischen Mentorinnen von CivicTech Sisters gehören außerdem die Exekutivdirektorin von „UVCA“ und Vertreterin des Organisationskomitees des „Ukraine House Davos“ Olga Afanasieva, die Koordinatorin der „OpenUp Ukraine-Initiativen“ Nadiya Babynska-Virna, die PR-Direktorin von „MacPaw“ Yulia Petryk, Vizepräsidentin von „IT-Integrator“ Nadiya Omelchenko, Gründerin des Karieerportals „HappyMonday“ und sowie die Mitgründerin des „Pro Bono Club Ukraine“ Anna Mazur. 

Bürgertechnologien gegen Europaprobleme 

Die Ziviltechnologie hilft Lösungen für komplexe Gesellschaftsprobleme zu finden und die Sachverhalte wissenschaftlich darzulegen. Ein Beispiel hierfür ist das Projekt der studierten Ethnologin der Afrikanistik Karolin Schwarz „HOAXmap“ . Hier werden die Mythen und Falschnachrichten über die Flüchtlinge seit 4 Jahren widerlegt, wodurch ein nicht unerheblicher Beitrag zur Überwindung der europäischen Migrationskrise geleistet wird. 

Eine weitere ehemalige Mitarbeiterin des „Prototype Funds“, die „Simply Secure“ Programmmanagerin Eileen Wagner unterstützt Designer und Entwickler bei der Ausarbeitung von Technologien, welche die Interessen schutzbedürftiger Gruppen berücksichtigen und verteidigen. „Simply Secure“ teilt Fachwissen im Datenschutz, Sicherheit, Transparenz und Ethik im UX-Design. 

Aus der deutschen CivicTech Landschaft sticht die Technologiestiftung Berlin hervor, die zahlreiche sozial-nützliche Projekte umfasst. Dazu gehören unter Anderem regelmäßige Hackathons, Coworking „CityLAB“ Berlin, Initiativen für Systementwicklung „Smart City“ und „IoT“ in Berlin und Open Data „Info Point“, einem Kooperationsprojekt mit dem Wirtschafts- und Energieministerium und Staatsunternehmern des Berliner Senats.

Die Technologiestiftung Berlin berücksichtigt auch aktuelle Herausforderungen, wie die Energieeffizienz, den Stadtverkehr oder den Kampf gegen Klimawandel. Damit werden Diskussionen zu diesen Themen eingeleitet und Lösungen initiiert. Die Open Data-Spezialistin der Technologiestiftung Berlin Tori Böck schloss sich ebenfalls den CivicTech Sisters an. 

Was kommt als nächstes? Entwicklung der Chancengleichheit 

Grace O’Hara von „Code For Australia“ scherzt, dass zivilgesellschaftliche Technologie zu 90% zivil und nur zu 10% Technologie ist. Um ein wirklich effektives System von Civic Tech-Produkten und Initiativen aufzubauen, müssen so viele Optionen wie möglich für alle Mitglieder der Gesellschaft geschaffen werden. 
Olga Afanasieva
Obwohl die Civic Tech-Branche offener für Frauen als andere Bereiche der Technologiebranche ist, haben wir noch nicht die volle Gleichstellung erreicht. In den meisten Industriestaaten und in vielen Entwicklungsländern gibt es de jure keine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts mehr, aber es gibt immer noch die Stereotypen, die Frauen daran hindern sich im Bereich IT, Politik und Gemeindeaktivität frei zu entwickeln. 

Es gibt immer noch Fälle, in denen es Frauen aufgrund des Stereotyps über das vermeintlich "schwächere Geschlecht“, welches nicht für Führungspositionen geschaffen wäre, nicht wagen solche Positionen zu beziehen. Wir können dies nicht an einem Tag ändern, aber wir können Frauen dazu inspirieren, sich dem Veränderungsprozess anzuschließen und ihnen mehr Möglichkeiten zu bieten. 

Zum Abschluss möchte ich den Informatikpionier Joseph Licklider aus seiner Arbeit „The Computer as a Communication Device“, veröffentlicht im Science and Technologie Magazin im April 1968, zitieren: „Wir glauben, dass wir in ein technologisches Zeitalter eintreten, in dem wir die Fülle an Informationen nutzen können – nicht nur passiv mit Büchern und Bibliotheken, sondern auch aktiv an den Prozessen teilnehmend und durch die Interaktion etwas Eigenes hinzufügen“. 

Wir leben seit mehr als einem halben Jahrhundert in der Welt, von der Licklider gesprochen hat. Technologie ist für uns ein vertrauter Teil des Lebens, ohne den man sich ein modernes Sozialumfeld nicht mehr vorstellen kann. Digitale Lösungen zu nutzen, um das Leben zu verbessern und ausnahmslos alle Menschen in die soziale Interaktion einzubeziehen ist nicht nur eine Chance, sondern ein dringendes Bedürfnis. 

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