Ein neuer Gesellschaftsvertrag

Ein neuer Gesellschaftsvertrag. Foto: Interrobang-Performance Foto: Paula Reissig

Theaterperformances in der Ukraine, Russland und Deutschland

In einem Beitrag in den sozialen Medien schrieb die bekannte ukrainische Kulturexpertin Kateryna Botanova im Sommer 2016 von der Notwendigkeit, einen neuen Gesellschaftsvertrag für die Ukraine zu entwickeln. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte der spanische Soziologe und Historiker Emmanuel Rodriguez, dass die europäischen Länder in einem gesellschaftlichen Diskurs neue Gesellschaftsverträge formulieren müssen.

In einem Beitrag in den sozialen Medien schrieb die bekannte ukrainische Kulturexpertin Kateryna Botanova im Sommer 2016 von der Notwendigkeit, einen neuen Gesellschaftsvertrag für die Ukraine zu entwickeln. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte der spanische Soziologe und Historiker Emmanuel Rodriguez, dass die europäischen Länder in einem gesellschaftlichen Diskurs neue Gesellschaftsverträge formulieren müssen.

Das sind nur zwei von vielen Stimmen, die in den letzten Jahren aufgrund der rapiden gesellschaftlichen Veränderungen in den europäischen Ländern dazu aufrufen, die Grundlagen neu zu verhandeln, auf der wir unsere Gesellschaften aufbauen. Am Beispiel der drei Länder Ukraine, Russland und Deutschland wurde dieser Diskurs künstlerisch in Form von Dokumentartheaterperformances mit dem Publikum real und interaktiv durchgeführt:

In der Ukraine wird seit dem Euromaidan darum gerungen, auf welchem gesellschaftlichen und politischen Werten die „neue“ Ukraine fußen soll. Diese Diskussionen werden vor allem von der jungen engagierten Zivilgesellschaft kritisch in den sozialen Medien geführt, aber auch künstlerisch verarbeitet.

In Russland scheint sich die Gesellschaft von den europäischen Grundwerten hin zu einer autoritären Machtstruktur zu entwickeln, was von vielen unabhängigen Initiativen mit großer Besorgnis beobachtet wird.

In Deutschland wird nicht erst seit der Flüchtlingswelle und dem Erstarken nationalistischer Strömungen darüber gestritten, wie sich der „Gemeinwille“ in der Politik niederschlagen soll. Dieses Thema wird vielerorts  offen und - mal mehr oder weniger - konstruktiv  diskutiert. Deutsche Dokumentartheaterproduktionen beschäftigen sich schon seit Längerem damit, gesellschaftliche und politische Zustände auf die Bühne zu bringen und das Publikum dabei aktiv einzubeziehen.

In Zusammenarbeit mit dem Theaterkollektiv Interrobang (Berlin), Zentrum Tekst (Kiew) und  Theater.dok (Moskau) wurden zwischen April und Oktober 2017 Dokumentartheaterperformances zum Thema "Neuformulierung eines Gesellschaftsvertrages" entwickelt, die auf Grundlage eines Diskurses interaktiv mit den Zuschauern eine solche Neuformulierung und eine Diskussion über die ihr zugrundeliegenden Werte thematisieren.

Ein Auftakttreffen mit Vertreterinnen und Vertretern der drei Ensembles fand vom 19. bis 21. April im Goethe-Institut Ukraine statt: aus Berlin reisten Lajos Talamonti (Regisseur und Performer) und Lisa Großmann (Dramaturgin) an. Theater.Dok war durch Elena Gremina (Dramatikerin, Drehbuchautorin und Regisseurin) und Zarema Zaudinova (Schauspielerin, Regisseurin und Dramatikerin) vertreten. Andriy May (Schauspieler und Regisseur) und Oleksiy Dorychevskyi (Schauspieler und Dramatiker) kamen als Vertreter des Zentrum Tekst.

Gemeinsam wurde über die aktuelle Situation in drei Ländern gesprochen, die Arbeit der drei Ensembles vorgestellt und gemeinsame Strukturen für die Entwicklung der Stücke diskutiert. In der Zeitspanne von Mai und August 2017 haben die Theatergruppen ihre Performances erarbeitet. Zwei Reisen von Interrobang-Performance nach Kiew und Moskau fanden in der Zeit statt. Das waren zwei Austauscharbeitstreffen zum Thema zeitgenössische Dokumentar Theater, neue Technologien, Fach und Interaktive Methoden im Theaterbereich. Die Theaterstücke wurden danach erfolgreich im Oktober in Berlin – „Emocracy, Kiew - „Entführung Europas“ und Moskau „Wenn wir die Macht hätten“ aufgeführt. Ein wichtiger Aspekt des Projekts war die Online-Übertragung von Performances. So könnten die Zuschauer bei allen drei Auftritten virtuell präsent sein. Es gab auch eine Funktion von Kommentaren für die interaktive Kommunikation der Öffentlichkeit mit Schauspielern während der Aufführung.

Nach der Premiere von „Emocracy“ in Sophiensäle in Berlin fand die Publikumsdiskussion mit Repräsentanten allen drei Theatergruppen mit Moderation von Uwe Gössel statt. Da hatte deutsches Publikum eine Möglichkeit, das Thema Ein neuer Gesellschaftsvertrag aus der Perspektiven von drei Ländern zu sehen, weil die Trailers von allen drei Performances gezeigt wurden, und während des Geschprächs mit Theatergruppen zu hören. 

Im Jahre 2018 vereinigte das Projekt „Ein neuer Gesellschaftsvertrag“ drei Theaterkollektive aus der Ukraine, Russland und Deutschland wieder in einer Zusammenarbeit. Mit dem Ziel, die soziale Realität mit den Methoden des Dokumentartheaters zu schildern, haben die Theaterkollektive eine Recherche gemacht und ihre Aufführungen vorbereitet, und sie abschließend im Iwan-Franko-Nationaltheater vorgestellt. Alle die Aufführungen wurden nicht nur ausgebucht, in einigen sasen sogar die Zuschauer auf den Treppen. Danach wurden auch die Diskussionen der Theaterschaffenden mit dem Publikum geführt. Als Theaterfachdiskussionen, aber auch Besprechung der grundlegenden Bedeutung der fundamentalen Grundwerte haben sie verschiedene Zielgruppen angezogen.
  
 

  • Zentrum Text - Die Entführung Europas  Sergij Chandusenko
    Zentrum Text - Die Entführung Europas
  • Theater.Doc - Wenn wir die Macht hätten Sergij Chandusenko
    Theater.Doc - Wenn wir die Macht hätten
  • Interrobang - Emocracy Sergij Chandusenko
    Interrobang - Emocracy
  • Interrobang - Emocracy Sergij Chandusenko
    Interrobang - Emocracy
  • Publikumsdiskussion Sergij Chandusenko
    Publikumsdiskussion