Ein Jahr „Depeche Mode“ in Charkiw Seelen, übergossen mit Nebel und wildem Honig

Margaryta Korniuschchenko. Foto: Rosa Sarkisian Margaryta Korniuschchenko | Foto: Rosa Sarkisian Die Ukraine liegt im Herzen Europas, wenn es um ihre geografische Koordinaten geht. Wenn jedoch die Rede vom modernen Theater ist, so befinden wir uns leider eher am Rand der Abläufe. Die Ursache ist völlig banal: Kultur in unserem Land wird weiterhin nach dem sogenanntem Restprinzip finanziert. Die meisten Theatervorstellungen mit einem realen künstlerischen Wert werden in nicht staatlichen Theatern aufgeführt, die sich entweder mit kleineren Sälen zufrieden geben müssen oder überhaupt in der Luft hängen. Demzufolge mangelt es in der Ukraine deutlich an Events, die nicht nur von Theaterfreunden beachtet, sondern auch für entsprechende Resonanz in breiten Kreisen des gebildeten, kreativen und kritisch denkenden Auditoriums sorgen würden.

In diesem Zusammenhang sind europäische Fördermittel für Kulturentwicklung im nationalen Kulturprozess von einem besonderen Wert, einschließlich des stabilen und ergebnisorientierten Engagements des Goethe-Instituts in diesem Bereich. Derartige Koproduktionen sind unter schwierigen ukrainischen Gegebenheiten alleine angesichts der angemessenen Finanzierungsmöglichkeiten wertvoll, denn dadurch werden die Umsetzung der künstlerischen Vorhaben in vollem Umfang, umfassende PR-Kampagnen und die Möglichkeit der Aufführungen in anderen Städten der Ukraine sichergestellt, gar keine Selbstverständlichkeit, wenn es um interne Projekte geht.

Ein Beispiel der erfolgreichen Kooperation in diesem Format ist die Inszenierung der Theaterfassung von Serhij Zhadans berühmtem Roman Depeche Mode am Kinder- und Jugendtheater Charkiw durch das deutsche Team: Regisseur Markus Bartl sowie Bühnen- und Kostümbildner Philipp Kiefer. Das Projekt wurde mit freundlicher Unterstützung des Auswärtigen Amtes und des deutschen Generalkonsulats Donezk/Büro Dnipropetrowsk, umgesetzt. Für zusätzliche Aufmerksamkeit des Publikums hat auch die Möglichkeit des direkten Gesprächs mit dem Autor der literarischen Quelle, dem prominenten ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan gesorgt.

Dem visuellen Konzept der Inszenierung liegt die Naturgewalt Regen zugrunde (im Text heißt es, dass die Handlung in einem regenreichen Sommer beginnt) – ein aussagekräftiges Bild verlorener Zeit und versäumter Chancen. Aus dem oberen Teil der Bühne kommt Wasser in Strömen, was den Zuschauern und den Darstellern das Gefühl einer dramatischen Situation und der allgemeinen Gemütslage des literarischen Werks vermittelt. „Und da die Sprache der Schauspieler im Theater nicht nur ein intellektueller, sondern auch ein unmittelbar physischer Prozess ist, so fließen alle Worte bei präziser Arbeit buchstäblich zu einer einheitlichen Struktur mit dem Regen zusammen“ – meint M. Bartl.

Die Frage danach, wie Vertreter verschiedener Kulturen miteinander ausgekommen sind, wird vom Regisseur so beantwortet: „Ohne Zweifel gibt es Unterschiede zwischen gewissen Theatertraditionen und Regeln in unseren Ländern. Doch ist zugleich darauf hinzuweisen, dass die Interaktion die Arten der Schauspielkunst in beiden Ländern näher bringt: in Deutschland wird beispielsweise das Stanislawski-System studiert, genauso wie man sich hier den Werken der deutschen Bühnenmeister zuwendet. Den Unterschied gibt es eher zwischen Grundsätzen der Regietätigkeiten und der Wahrnehmung durch die Zuschauer“. Ungeachtet dessen ist die ukrainische Version von Depeche Mode weniger formalistisch und viel gefühlvoller ausgefallen. Womöglich ist es auf die allgegenwärtige Mentalität zurückzuführen, womöglich gibt es mehr persönliche Bindung, die wir heute in das Werk von Zhadan einfließen lassen wollen: „Ich weiß, dass es dort oben im schwarzen Himmel über uns den diensthabenden Teufel gibt, der tatsächlich der einzige ist, der existiert, dessen Existenz ich nie anzweifeln werde. Alleine deshalb, weil ich erlebt habe, wie er meine Freunde hinrafft und aus diesem Leben wie faules Gemüse aus einem Kühlschrank rausschmeißt. Oder, falls er sie hier gelassen hat, ihnen Augen herausgedrückt, Hälse durchgebissen, Herzen zum Stillstand gebracht, Muskeln zusammengedreht, wahnsinnige Melodien in den Kopf und blutige Alphabete auf den Gaumen gelegt, krankes Blut in die Adern gepumpt und ihre Lungen mit fetter pasteurisierter Milch gefüllt, ihre Seelen mit Nebel und wildem Honig übergossen hat, so dass ihr Leben genauso endlos wurde wie ihre Verzweiflung“, - der Künstler, dessen Heimatstadt jetzt im Epizentrum der Kriegshandlungen liegt, weiß, wovon er redet.

Die Erstaufführung des Theaterstücks fand im Herbst 2015 statt, und bereits nach einem Jahr ist es zu Gastspielen durch die ganze Ukraine mit Stationen in den drei größten Theaterstädten des Landes Kiew, Lwiw und Odessa gekommen. Unsere Erstaufführung in der Hauptstadt fand auf einer der führenden Staatsbühnen des Landes statt: im Akademischen Jungen Theater Kiew. Die Eintrittskarten für Depeche Mode waren zwei Wochen im Voraus ausverkauft, zahlreiche zusätzlich aufgestellte Stühle haben für alle Interessenten nicht ausgereicht, jedoch waren einige von ihnen alleine für die Möglichkeit dankbar, sich die Aufführung im Stehen ansehen zu dürfen. Der Aufenthalt unseres Theaters und die anschließende Podiumsdiskussion mit dem Autor des Romans Serhij Zhadan haben viele Journalisten (u.a. Vertreter gesamtnationaler TV-Sender), führende Theaterkritiker und hohe Gäste angelockt. Das wichtigste Ergebnis des Abends war jedoch der anhaltende Beifall des anspruchsvollen Publikums der Hauptstadt.

„Depeche Mode“. Aufführung in Lwiw. Foto: Maksym Balandiuch „Depeche Mode“. Aufführung in Lwiw | Foto: Maksym Balandiuch Die Vorführung von Depeche Mode in Lwiw fand auf der Bühne des mit uns verwandten Ersten Ukrainischen Kinder- und Jugendtheaters statt. Die Inszenierung wurde in das Programm des Internationalen Theaterfestivals „Goldener Löwe“ aufgenommen. In Lwiw haben wir ein ausverkauftes Haus, Gespräche mit Medienvertretern und Theaterwissenschaftlern verschiedener Generationen gehabt. Maßgeblich für das Gelingen war auch eine hohe Wertschätzung der Inszenierung seitens bekannter Kollegen aus Lwiw.

In der südlichen Hauptstadt wurden wir vom Olescha-Jugendtheater Odessa aufgenommen. Zum Höhepunkt der abschließenden Phase unserer Gastspiele wurde die Ankunft der Autoren der Inszenierung Markus Bartl und Philipp Kiefer und die Podiumsdiskussion mit ihnen.

Eine wichtige Phase in unserer Kooperation war die Dienstreise nach Deutschland der Leitung des Kinder- und Jugendtheaters Charkiw (des Direktors Andri Gapanowytsch und des Chefregisseurs Oleksandr Kovschun). Neben Treffen im Rahmen des Projekts Depeche Mode in Berlin und Nürnberg ist es unserem Team gelungen, direkte Kontakte mit unseren Kollegen aus deutschen Kindertheatern aufzunehmen (Theater an der Parkaue – Berlin, Theater Pfütze und Theater Mummpitz - Nürnberg). Programmstücke, die wir sehen konnten, sowie Gespräche haben uns die Vorstellung von aktuellen Entwicklungen in diesem Bereich vermittelt (angefangen von Prinzipien der Regietätigkeit bis hin zur Foyer- Gestaltung), die bestimmt von A. Gapanowytsch und O. Kowschun in Charkiw umgesetzt werden. Und das wichtigste Ergebnis waren gewonnene Erkenntnisse zur möglichen Teilnahme der Programmstücke unseres Theaters (nicht nur Depeche Mode) an solchen internationalen Theaterfestspielen wie „Talking about Borders“, „Augenblick“, „Panoptikum“ usw., was von nun an zur vorrangigen Aufgabe der Theaterleitung gehört.

Insofern führt das Projekt erfolgreich die europäische Orientierung des Kinder- und Jugendtheaters Charkiw, seine „nach außen gerichtete“ Politik weiter, die sich in der Ausrichtung auf Vielfalt von kreativen Praktiken und die Teilnahme an Koproduktionen äußert. Depeche Mode hat sich reibungslos in das Spielprogramm eingefügt: einerseits ist es ein offenes Gespräch über den Eintritt in das Erwachsenenleben, das auf einer Theaterbühne mit derartiger Zielgruppe durchaus angebracht ist, andererseits kommen dabei eine Reihe von provokativen Techniken und eine prägnante Darstellungsart zur Anwendung, die dazu beitragen, die um das Phänomen „Kindertheater“ bestehenden Denkmuster zu überwinden und kreativ denkende junge Zuschauer auf sich aufmerksam zu machen.

Für das Personal des Kinder- und Jugendtheaters Charkiw (Leitung, Schauspieler, Manager, technische Dienste) ist die Kooperation mit dem Goethe-Institut zum wahren Weiterbildungslehrgang und zum realen Praktikum der Arbeit auf europäischer Ebene geworden, was wir so dringend zur Umsetzung unserer ehrgeizigen Pläne brauchen. Sie bringt bereits ihre Früchte: das Theater wurde mit seiner Inszenierung von Depeche Mode zur Teilnahme an einem Projekt im Rahmen des 4. Internationalen Festivals des ukrainischen Theaters nach Polen (Krakau) eingeladen; die stellvertretende Direktorin für Literatur und Dramaturgie unseres Theaters trat mit einem Referat im Rahmen einer internationalen Konferenz an einer der renommiertesten Kunsthochschulen im postsowjetischen Raum, dem Russischen Institut für Theaterkunst „ГИТИС“ (Moskau) auf. Das ist das Ergebnis, das nur im Laufe eines Jahres der Arbeit am Projekt Depeche Mode erreicht werden konnte, und das Projektteam hat nicht die Absicht, es dabei bewenden zu lassen.