Erinnerungskulturen in Migrationsgesellschaften

Martin Düspohl. Präsentation des Projekts „Luhansk’s Art & Facts“. Foto: Alexandr Volchaskiy
Martin Düspohl. Präsentation des Projekts „Luhansk’s Art & Facts“ | Foto: Alexandr Volchaskiy

Liebes Team von STAN, liebe Kollegen/innen vom Goethe-Institut, sehr geehrte Damen und Herren,
 
Herzlichen Dank für die Einladung nach Kiew! Ich freue mich sehr heute bei diesem Ereignis dabei sein zu dürfen.
 
Anlässlich der Eröffnung des Museums „Luhansk’s Art and Facts“ spreche ich zu Ihnen über Erinnerungskulturen in Gemeinwesen mit einer diversen – bisher hieß es „multikulturellen“ - Bevölkerung.
 
„Erinnerungskulturen”  werden verstanden als „historisch und kulturell variable Ausprägungen von kollektivem Gedächtnis”. Mit der Pluralform wird gleichzeitig angedeutet, dass (Zitat) „wir es niemals, auch nicht in den homogensten Kulturen, mit nur einer einzigen Erinnerungsgemeinschaft zu tun haben”. (Astrid Erll, Universität Frankfurt/Main, 2008).
 
Bei allem Nachdenken über Erinnerungskulturen ist zu berücksichtigen, dass das Vergessen die bei Weitem stärkere Kraft gegenüber dem Erinnern darstellt. Die deutsche Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann hat das in ihrem neuen Buch überzeugend beschrieben. Die radikalste Form des Vergessens ist das „Löschen“. „Mit der Löschung einer Spur wird das Fortleben einer Person oder eines Ereignisses im Gedächtnis der Nachwelt ... unmöglich.“ Assmann identifiziert weitere, subtilere Formen des Vergessens, z.B. das „Zudecken“, d.h. die Entfernung eines Ereignisses aus der Kommunikation, oder das „Verbergen“, eine Form der Verdrängung von Ereignissen in das Unterbewusstsein und das Verstecken von Artefakten in unzugänglichen Räumen. Eine der häufigsten Formen der Tilgung der Erinnerung ist das „Schweigen“. Manchmal hat dies den Charakter einer sozialen Verabredung, die es den Mitgliedern verfeindeter Gruppen ermöglichen soll, wieder zusammenzuleben und respektvoll miteinander umzugehen. Diese Technik des Vergessenmachens wurde in Spanien nach Francos Tod in der Zeit der Transición vom Staat sogar vorgeschrieben. Eine weitere Form des Vergessens ist das „Überschreiben“, wenn sich z.B. die Natur historische Schlachtfelder oder geschändete Friedhöfe zurückerobert, oder wie z.B. in Czernowitz die Synagoge als Turnhalle genutzt wird. Weiter zu nennen wären das „Ignorieren“, „Neutralisieren“ und „Leugnen“. Ich werde das hier nicht weiter ausführen (vgl. Aleida Assmann, Formen des Vergessens, Göttingen 2016)
 
Der Bezirk, aus dem ich komme, Friedrichshain-Kreuzberg in Berlin, ist ein Einwanderungsbezirk. Ein Stadtteil der großen Bahnhöfe. In den letzten 300 Jahren kamen hier immer wieder Migranten an. Französische Hugenotten, böhmische Religionsflüchtlinge aus dem Habsburger Reich, Arbeitsmigranten aus dem Osten des damaligen Deutschen Reiches, russische Juden, Gastarbeiter aus der Türkei, Griechenland und Jugoslawien, Vietnam und Mozambique und in jüngerer Zeit Geflüchtete aus Palästina, Bosnien, Syrien, Afghanistan und den afrikanischen Ländern. Viele wollten und wollen in unserem Bezirk nicht bleiben, sondern weiter, in die besseren westlichen Stadtteile Berlins, nach Amerika oder zurück in die Heimat. In jeder Generation tauscht sich die Bevölkerung einmal komplett aus. Friedrichshain und Kreuzberg sind Durchgangsstationen.
 
Unter diesen Bedingungen entwickelt sich in Stadtteilen wie diesem weder eine homogene Erinnerungskultur noch gibt es dauerhafte Erinnerungs-gemeinschaften, es entsteht auch keine bürgerliche Traditionspflege in engerem Sinne - getragenen von ortsverbundene Honoratioren, wie man sie in kleineren Städten, aber auch in großen Metropolen wie z.B. Hamburg antrifft. Die mitgebrachten kollektiven Erinnerungen der Einwanderer, manchmal Traumata, haben ihren Ursprung bei uns meist in Ländern und Regionen, die weit entfernt von Berlin und häufig außerhalb von Deutschland liegen. Manche Einwanderer/ innen tendierten zu einem Zurücklassen, ja Leugnen, ihrer Herkunftsgeschichte, sie passen sich schnell an, sprechen mit ihren Kindern nicht über die Familiengeschichte und lehren sie die Sprache des Aufnahmelandes statt der Muttersprache– wie es zum Beispiel viele überlebende deutsche Juden in Israel taten. Für sie war und ist das schweigende Vergessen und die Anpassung an die neuen Lebensumstände ein Weg der oft leidvollen Vergangenheitsbewältigung.
 
Präsentation des Projekts „Luhansk’s Art & Facts“. Foto: Alexandr Volchaskiy Präsentation des Projekts „Luhansk’s Art & Facts“ | Foto: Alexandr Volchaskiy Andere Gruppen erhalten und pflegen ihre Konventionen, Sprachen und Kulturen, tradieren kulturelle Eigenarten, Riten.  Es gibt in Berlin z.B. eine Fülle türkischer, kurdischer, griechischer und arabischer Traditions- und Kulturvereine. In den Aufnahme-Städten geraten unterschiedliche Erinnerungskulturen teilweise in Konflikt miteinander, das hat die Auseinandersetzung um die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern gezeigt.
 
Ich gebe ein Beispiel für in Konflikt geratende Erinnerungskulturen: Das Museum in Kreuzberg, das ich leite, ist von den Sprechern einer ethnischen Minderheit, den Dersim-Aleviten aus Mittelanatolien, gebeten worden, sie zu unterstützen bei der Errichtung eines Mahnmals für die Opfer des Massakers an ihrer Volksgruppe in den Jahren 1937/38. Auf Befehl der türkischen Regierung unter Kemal Atatürk waren damals im Rahmen der Türkisierungspolitik ungefähr 30.000 bis 50.000 Zivilisten, darunter viele Frauen und Kinder ermordet worden, ein Vielfaches vertrieben und der Zwangsassimilation unterworfen. Ungefähr 15 000 Nachkommen der Dersim-Aleviten leben in Berlin. Das kollektive Trauma brach in den Familien immer wieder auf, erst jetzt wird es – wie es in deutsch heißt –„aufgearbeitet“, in den Familien bearbeitet. Die Unterstützung für ein Erinnerungszeichnen durch das lokale Parlament und das örtliche Museum war ein erster zaghafter Versuch, dies auch öffentlich zu dokumentieren. Er stieß auf erbitterten Widerstand anderer - kemalistisch und sunnitisch - orientierten türkischen Einwanderer, die Kemal Atatürk als Erneuerer der Türkei verehren, auch sie häufig Angehörige der zweiten und dritten Generation der eingewanderten Familien. Sitzungen der Parlamentsausschüsse wurden gestört, Diskussionen in unsachlicher Polemik geführt, so dass die Planung des Erinnerungsdenkmals erst einmal in weite Ferne gerückt ist. Unser Museum hat jetzt den Auftrag, ein Colloquium über die Hintergründe des Dersim-Massakers in der Türkei 1937/ 38 zu organisieren: Ein Stadtteilmuseum in Berlin organisiert eine Konferenz über lange zurückliegende kaum bekannte Ereignisse in Anatolien. Auch wenn das zunächst abwegig erscheint und die Gegner uns „Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Türkei“ vorwerfen, bin ich der Meinung, dass in den durch Migration geprägten Städten der Gegenwart und in Demokratien überhaupt Migrantencommunities das Recht haben, kollektive Erinnerungen öffentlich zum Ausdruck zu bringen und leidvoller Erfahrungen zu gedenken. Dieses Gedenken muss aber in die Aufnahmegesellschaft und in die anderen Einwanderercommunities vermittelt werden.
 
Ich möchte Ihnen noch ein Beispiel nennen, die Erinnerungsarbeit der deutschen Vertriebenen in Westdeutschland in den 1950er Jahren, bei der ich gewisse Parallelen sehe zu dem heute vorgestellten Erinnerungsprojekt der Künstlergruppe STAN. Ich bitte Sie aber zu beachten: das Projekt der STAN findet unter völlig anderen politischen Bedingungen statt, Vergleiche sind deshalb nicht statthaft. Etwa 11 Millionen Deutsche wurden während und nach dem Zweiten Weltkrieg aus den deutschen Ostgebieten in die vier Besatzungszonen West- und Mitteldeutschlands vertrieben, etwa 6 Millionen in die westlichen Besatzungszonen, vor allem die britische. Ihren Wunsch nach Rückkehr hielten sie wach mit einer großen Anzahl von ostdeutschen Heimatstuben und Heimatmuseen. Ein regelrechter Boom von Museumsgründungen entstand in Westdeutschland: „Häuser der ostdeutschen Heimat“ in jeder mittelgroßen Stadt. In meiner Heimatstadt Duisburg am Rhein z.B. das „Haus Königsberg / Kaliningrad“.  Als Jugendliche wussten wir überhaupt nicht, was das sollte. Die Sammlungen und Präsentationen materieller Erinnerungsstücke, Fotos usw. dienten dem landsmannschaftlichen Zusammenhalt und dem Ziel, auf eine baldige Rückkehr vorzubereiten. Eher nostalgisch geprägt blendeten sie problematische Aspekte der Geschichte ihrer Heimatregionen systematisch aus, die Zeit des Nationalsozialismus sowieso. Westdeutsche Behörden, die die neuen Heimatmuseen der Ostdeutschen zum Teil sehr großzügig unterstützten, verstanden sie als einen Beitrag zur Integration der „Neubürger“. Sie wollten Begegnungsstätten zwischen Einheimischen und Vertriebenen schaffen. Das gelang aber nicht. Die „Altbürger“ zeigten sich eher desinteressiert, und nach Abschluss der Ost-Verträge durch Willy Brandt kam hinzu, dass die Landsmannschaften der Vertriebenen sich zunehmend isolierten, als Ewig-Gestrige und Revanchisten bezeichnet wurden, weil sie sich mit den mitteleuropäischen politischen Gegebenheiten nicht abfinden wollten und weiterhin Anspruch auf Rückgabe der „verlorenen Gebiete“ erhoben. Sie fielen aus der Zeit, konnten ihre Anliegen nicht vermitteln, ihre Heimatstuben wurden nach der politischen Wende 1990 zu „Deponien der Erinnerung“ (Elisabeth Fendl, Freiburg).
Immerhin: Einige wenige wagten sich nach Öffnung der Grenzen 1991 in die „alte Heimat“ nach Polen, Russland und auch in der Ukraine zurück. Es entstanden zum Teil fruchtbare Partnerschaften zu den dortigen jetzt polnisch oder russisch geprägten Museen, Exponate wurden übertragen, um diese Museen (häufig geprägt ebenfalls von Vertreibungsgeschichte, nämlich der Polen aus der Ukraine und Litauen) mit „deutscher“ Vorgeschichte zu ergänzen. In der DDR verlief die Aufnahme der Vertriebenen völlig anders. Ich werde das jetzt nicht weiter ausführen.
 
Das Projekt „Luhansk’ s Art and Facts“ der Künstler- und Aktivistengruppe STAN hat den Museumsgründungen der deutschen Vertriebenen in Westdeutschland vieles voraus. Zwar wurden die Lugansker in ähnlicher Weise aus ihrer persönlichen und künstlerischen Heimat vertrieben und sie sind im Westen der Ukraine jetzt keine „Fremden“ im Sinne von „Ausländern“, ihre virtuelle Museumsgründung hat aber nicht unmittelbar den Zweck, die erwünschte Rückkehr ideologisch zu untermauern und politisch zu manifestieren. Die Vorkriegszeit im Donbass wird nicht idyllisiert, sondern differenziert und durchaus kontrovers dargestellt und diskutiert.  Sicher geht es darum, Erinnerungen nicht verblassen zu lassen, verlorene kulturelle Errungenschaften und Artefakte zumindest in ihrem Abbild zu dokumentieren und damit für künftige Erinnerung zu sichern. Das globalisierte und virtuelle Zeitalter bietet dafür völlig andere Möglichkeiten als die Heimatstuben der deutschen Ostvertriebenen sie hatten, die sich nur aus den wenigen mitgebrachten, sentimentalen Andenken aus dem (analogen) Fluchtgepäck speisen konnten. Digitale Gedächtnishilfen können, wenn man sie richtig nutzt, historische Ereignisse differenziert erinnern, dialogisch und partizipativ. Das hat das heute vorgestellte Projekt bewiesen. Vor allem Responsivität ist ein wesentlicher Vorteil gegenüber dem Besucherbuch im Museum. Eingestellte Informationen und Bilder können Nutzer mit Korrekturen, Gegeninformationen und Gegen-Bildern beantworten. Vor Nostalgiegefahr und Stereotypisierungen ist das Projekt Luhansk’s Art and Facts deshalb gefeit, wenn es weiterhin offen gegenüber Nutzern und auch Kritikern agiert. Ein Nischendasein, Isolierung und der Rückzug in die communities, die als Betroffene gleiche Erfahrungen teilen, wäre dem Projekt abträglich.
 
Ein virtuelles Museums, wie es nachher hier vorgestellt wird, verbunden mit einer frei zugänglichen Datenbank schafft mit seinen Erinnerungs-angeboten nicht zuletzt auch Zugänge zur Aufnahmegesellschaft statt sie zu verstellen, es tritt in den Dialog, bildet einen gesamtgesellschaftlichen Mehrwert und ist deshalb gefeit davor einmal Datenschrott zu werden, vergleichbar den „Deponien der Erinnerungen“ der ostdeutschen Heimatstuben, die heute nur eine weitere Form des Vergessens darstellen.