Teilnehmerberichte We dance to find a way to stay alive

We dance to find a way to stay alive. Foto: Arina Solovyova
Foto: Arina Solovyova

Vorgeschichte. Goethe-Institut. Visum

Ich habe schon immer meine Bedenken bei derartigen Förderprogrammen gehabt. Diesmal dachte ich mir aber: Es ist gerade das richtige Ding für dich, und es kommt zur rechten Zeit, denn es geht nicht um Erholung oder ein Geschenk, das dich nichts kostet, sondern es erreicht dich zu einem Zeitpunkt, wo du emotional und intellektuell fast ausgehöhlt bist und mehr Luft, Begeisterung, starken Rückenwind brauchst, um die Welt ohne vorgegebene Denkmuster wahrzunehmen und deinen Blick für Neues frei zu bekommen.

Und plötzlich peng! „Frau Solowjowa, wir danken Ihnen für Ihr Interesse, sie sind in unsere Liste aufgenommen!“ Ehrlich gesagt, wenn ich auf einem Stuhl gesessen hätte, wäre ich runtergefallen. Vor Überraschung und Freude. Und es ist einfach toll, dass das Goethe-Institut, Aja Lobanowa und Julia Prochorowa sich wirklich um jeden Teilnehmer gekümmert, die ganze Zeit jeden angerufen und angeschrieben haben. Und dabei waren sie immer hilfsbereit. Das ist sehr wichtig. Ich danke ihnen dafür!

Arina Solovyova. Foto: privat Foto: privat Es war umso wichtiger, als ich bei der Visumsantragstellung mit einigen Schwierigkeiten konfrontiert war. Manchmal war ich einfach zu müde, um mir überhaupt Gedanken zu machen und dachte: Es komme, was es wolle. Und doch ist es echt cool, dass alles gerade zu einer Zeit geschah, als es dringend nötig war! Und paar Tage vor dem Flug wurde auch das Visum ausgestellt!!!

Berlin

Am ersten Tag gab es kein Programm, obwohl Christina bereits in Kiew Karten für die Veranstaltungen verteilt und uns zugleich kurz angewiesen hat, wie wir uns zu verhalten haben.
 
Am Abend ging ich durch die Stadt spazieren. Das nächtliche Berlin ist wunderschön. Ruhig und still. Um 22 Uhr sind keine betrunkenen Menschen in den Straßen zu sehen, es ist praktisch überhaupt kein Mensch anzutreffen. Und Berliner Nächte sind so schön. Man fühlt sich irgendwie sehr wohl, wie in einem Buch oder einem Film.

Das Programm war auf die Abende konzentriert, tagsüber stand uns die Zeit zur freien Verfügung. Man konnte ein Museum besuchen oder eine Führung machen (wir haben eine tolle Führung durch Berlin gefunden, die voll und ganz der Street Art gewidmet war), die Reichstagskuppel besteigen, Rad fahren oder in einer Straßenunterführung tanzen.

So sind wir mit Christina aus Kiew zu einem Kurs „Argentinisches Tango“ gekommen und mit Sascha aus Nowosibirsk sind wir zum Flohmarkt gegangen, doch die Tanzkunst hat schließlich gesiegt und wir sind in einer Straßenunterführung steckengeblieben. Ja. In dieser Unterführung hat ein Junge dermaßen toll gespielt, dass wir es nicht fertiggebracht haben, einfach vorbeizugehen.

Daraus ist etwas Performance-ähnliches entstanden. Aber alles hat sich ganz natürlich, aus innerem Trieb heraus, entwickelt. Das ist mir in besonders angenehmer Erinnerung geblieben und gehörte mit zu den stärksten Eindrücken.

Schade, dass sich in dieser geplanten und nicht geplanten Programmvielfalt kein Platz für Meisterklassen fand. Das habe ich etwas vermisst. Ich würde gern Komposition von Franzosen lernen oder mich am Labor der deutschen Tänzer beteiligen. Aber vielleicht war das im Rahmen des Festivals gar nicht möglich. Wenn aber diesem Wunsch Rechnung getragen werden könnte, wäre das toll!

Performances

Jeden Abend gab es also eine Performance. Alle Produktionen (abgesehen von der letzten) waren gut und zeichneten sich durch ein tiefes Interesse für und starke Konzentration auf Bewegungskunst aus. Der letzte Auftritt stand in vieler Hinsicht den früheren stark nach und hat mich sogar depressiv gestimmt. Doch ich bin zugleich zu der Einsicht gekommen, dass es bei uns in Russland Tanztruppen und Menschen gibt, die der modernen europäischen Kunst in nichts nachstehen. Allen Produktionen war aus meiner Sicht etwas Wichtiges gemeinsam, ich würde es "EHRLICHSEIN" nennen. Die Tänzer griffen nicht
x-beliebige Themen aus der Luft, sie haben einfach ihre Arbeit redlich geleistet. Sie taten es ehrlich sich selbst und den Zuschauern gegenüber, und es war interessant, ihnen zuzuschauen. Moderne Kunst ist so beschaffen, dass man niemanden mit Form in Verwunderung versetzen kann (die Form können wir in Mariinski- oder Bolschoi Theater finden), deshalb war es besonders angenehm, die inhaltliche Ausgestaltung, den inneren Kern nachzuvollziehen und nachzuerleben. Ich konnte es tun.
Besonders ist auf die Aufführung junger Leute aus Grenoble hinzuweisen… Das war ein Stück von Yoann Bourgeois „Celui qui tombe“. Und es ist wohl das Beste, das ich je in meinem Leben gesehen habe.

Ich saß mit regelrecht offenem Munde da, völlig verblüfft. Und ich habe einen solchen Genuss erlebt, welchen es nur dann gibt, wenn man einfach zuschaut, ohne Beanstandungen, ohne Momente. die einem besonders gefallen haben, mit jener Verwunderung, die es nur in der Kindheit gibt. Nach der Aufführung hatte man gar keinen Wunsch, zu diskutieren, sich Meinungen anderer Zuschauer anzuhören oder sich auszutauschen.

Man wollte sich von dem Schwarm loslösen und schlicht allein sein. Ich wollte mir ein Video von dieser Aufführung kaufen, aber Videofilme gab es nicht. Bei der Aufführung hat sich alles zu einem Gesamtbild zusammengefügt: Der Sinn dieser Reise, wie ich Tanzkunst sehe und sehen will und was für mich an der Tanzkunst und an Tänzern wichtig ist, und was ich tun werde, wenn ich nach Russland zurückgekehrt bin.

Es ist sehr wichtig, solche umwälzende Momente zu erleben und zu verinnerlichen. Vielen Dank an das Goethe-Institut und an alle, die mir diese Möglichkeit geboten haben. Das setzt sich in meinem Bewusstsein fest. Es war ein Volltreffer.

  • „Tanz im August“. Berlin Foto: Arina Solovyova
  • „Tanz im August“. Berlin Foto: Arina Solovyova
  • „Tanz im August“. Berlin Foto: Arina Solovyova
  • „Tanz im August“. Berlin Foto: Arina Solovyova
  • „Tanz im August“. Berlin Foto: Arina Solovyova

Nach den Performances gab es, wie üblich, Afterparties, dort konnte man ins Gespräch kommen, tanzen und alles tun, woran man Lust hat. Ich konnte nicht umhin, auf die junge Tänzerinnen und Tänzer aus Grenoble zuzugehen. Und es hat sich herausgestellt, dass wir gemeinsame Bekannte haben. Sie arbeiten in einem Team mit Raschid Uramdan. Und ich arbeitete mit ihm im Rahmen von INTRADANCE 2011. Klein ist die Welt. Ich beobachtete auch das äußere Erscheinungsbild moderner Tänzer und bin zur Erkenntnis gekommen, dass sie alle, d.h. wir alle, wie Angehörige einer Familie sind.

Moderne Tänzer sind gleich zu erkennen: an merkwürdigen Frisuren, einer etwas nachlässigen, bohemeartigen Art sich zu kleiden, einer Vorliebe für Schals und Hüte. Sie sind frei, sie tanzen ein bisschen (aber im Inneren, nicht wie Unterhaltungstänzer oder so...). Sie tanzen im Inneren, denn sie folgen ständig einer eigenen Philosophie. Moderne Tänzer können auf den ersten Anblick völlig in sich gekehrt sein, doch bei Gelegenheit kommen sie leicht und frei ins Gespräch, sprechen gut Englisch, kennen und achten Pina Bausch und lassen sich die Gelegenheit nicht entgehen, einen Teil dieses Wissens dem Gesprächspartner zu vermitteln, insbesondere wenn es ein Freund oder gar ein anderer moderner Tänzer ist. Hinzu kommen ein schön gebauter Körper und das Alter, das ihnen immer gut zu Gesicht steht. Was für tolle Menschen sind sie!

Resüme

„Tanz im August“. Karten Foto: Arina Solovyova Gut, dass ich allein gefahren bin… Das trägt zur Kommunikation bei. Neben unserer Gruppe gab es jeden Tag einen neuen, unberechenbaren Gesprächspartner. An einem Abend war es Regine, die wir nach einem Ort gefragt haben und die uns den Potsdamer Platz und zugleich die Hälfte von Berlin gezeigt hat. Regine hat einen Mann und zwei Kinder, aber wir sind zufällig einander begegnet und spazierten die ganze Nacht hindurch. Auf einer Brücke sangen wir das „Katjuscha“-Lied, diskutierten lange über Film- und Tanzkunst. Ja, ja, so was kommt auch mal vor. Dann war es Michael, der Musiker in der Straßenunterführung.

Dort haben wir uns mit Sascha wirklich „satt“ getanzt! Sascha ist ein besonderes Kapitel. Das war ein Geschenk für mich aus dem geliebten Nowosibirsk, das ich bisher nicht besucht habe, aber unbedingt besuchen werde!

Rückkehr

Ich mache viel als Regisseurin. Gerade jetzt bereite ich eine Aufführung einer Tanztruppe (Jugendlich im Alter von 18 bis 20 Jahren) vor. Und ich verstehe, man muss und will ehrlich sein. Ohne mit den Zuschauern zu liebäugeln oder sich voreinander zu rechtfertigen. Es geht nicht nur um die Illustration von etwas. Man muss sich im Tanz auflösen, ehrlich und aufmerksam sein zu dem, was auf der Bühne passiert. Man muss das umsetzen, was für dich, die Beteiligten und das Publikum wirklich wichtig ist, heute und jetzt.

Vielen Dank an alle für diese Zeit, Raum und Erfahrungen!