Teilnehmerberichte Crossing Borders. Migration and Citizenship Education in Europe

NECE-Konferenz. Foto: Julia Kriwtsowa
Foto: Julia Kriwtsowa

Meinen Bericht möchte ich mit Worten des Dankes für die Möglichkeit der Teilnahme an der internationalen NECE-Konferenz, ein gut konzipiertes Programm und eine mit viel Sachverstand organisierte Reise nach Zagreb beginnen, die dem Goethe-Institut und seinem Team gelten.
 
Bei der Vorbereitung auf die Reise bin ich zur Einsicht gekommen, dass es sich für mich dabei eher um ein Bildungsprogramm handelt. Ich bin zwar keine Expertin im Bereich der Bürgerbildung, aber ich verfolge die Entwicklung in diesem Bereich in Russland mit großem Interesse und bin in meiner Berufstätigkeit als Kuratorin von soziokulturellen Projekten in einem unabhängigen Kulturzentrum in Jaroslawl mit jedem Jahr immer mehr auf Kenntnis von Ansätzen und Verfahren im Bereich der Bildung angewiesen, die Menschen zum bürgerschaftlichen Engagement motivieren.
Noch vor dem Beginn der Konferenz konnten wir uns einen Einblick in das Programm und in Inhalte des zur Diskussion angebotenen Problemkreises dank einem regelmäßig aktualisierten Blog des NECE-Teams verschaffen, uns für eine der parallel laufenden Sektionen des Programms entscheiden und Organisationen in Zagreb auswählen, die wir gern besuchen wollten.
 
Auch nach der Konferenz bleibt unser Team mit Teilnehmern dank laufender Erneuerung des Blogs und Angeboten, an Reflexion und Evaluierung der Konferenzergebnisse teilzunehmen, in Kontakt.
 
Die Auswahl der Hauptstadt von Kroatien als Veranstaltungsort für die NECE-Konferenz war kein Zufall und sorgte für eine noch schärfere Diskussion. Das Thema der Migration wurde in einer Gesellschaft erörtert, in der die Haltung des Staats zur Migration eine sehr umstrittene und heiß debattierte Angelegenheit ist.
 
Dass dabei keine der gegensätzlichen Haltungen bevorzugt wurde und konträre Meinungen geäußert werden konnten, die teils auf Zustimmung, teils auf Kritik gestoßen sind, fanden wir besonders wichtig.
 
NECE-Konferenz. Foto: Julia Kriwtsowa Foto: Julia Kriwtsowa Themen der einzelnen Vorträge und der anschließenden Diskussion wurden so formuliert, dass die Teilnehmer im Endergebnis ein klares Bild von Bürgerbildung in Europa gewinnen konnten. Es wurde auch von Schwierigkeiten in Transformationsländern und von Herausforderungen unter Berücksichtigung des internationalen Kontexts berichtet. Zugleich regte die Konferenz zum Dialog, zum Nachdenken und zur Reflexion an, wobei auch eine feste und bewusste Haltung jedes Teilnehmers der Diskussion erwartet wurde.
 
Die Konferenz war nicht nur inhaltlich sondern auch formatmäßig möglichst interaktiv gestaltet. Dies war das Bemerkenswerteste für mich: Alle Teilnehmer waren so mitgerissen, dass sie vom Thema des Gesprächs durch nichts abgelenkt werden konnten.
 
Jede Podiumsdiskussion war auf Stellungnahmen und Wortmeldungen der Teilnehmer ausgerichtet und bot die Möglichkeit, mit fremden Auffassungen konfrontiert zu werden und Meinungen auszutauschen. Die Veranstalter setzten verschiedene Instrumente der Kontaktherstellung zwischen fremden Menschen und der Dialoganbahnung ein, die bei Gesprächen am Rande ihre volle Wirkung entfalteten. Eine zusätzliche Anregung zu informellen Gesprächen war ein Konzert der kroatischen Musikband «Pavel», mit dem der erste Konferenztag abgeschlossen wurde.
 
Programmpausen wurden im Foyer mit einem „Projektmarkt“ – einer Informationsplattform über Projekte im Bereich der Bürgerbildung und des informellen Dialogs zwischen Teilnehmern – gefüllt. Beim Projektmarkt wurden Projekte von mehr als 15 Organisationen aus Europa und den Nachbarländern vorgestellt, Informationen ausgetauscht, potentielle Mitstreiter gefunden und nach Adaptionsmöglichkeiten der jeweiligen Projekte für das jeweilige Land gesucht. Im Rahmen der Konferenz fand auch die Aktion Project Pitch statt, bei der die Projektinitiatoren vom Projektmarkt ihre Projektideen dem breiten Publikum vorgestellt haben.
 
Schon am ersten Konferenztag wurden in der Halle sogenannte Open-Space-Tafeln ausgestellt, auf denen jeder ein Infoblatt über sich selbst und das Thema/die Frage/das Projekt anbringen konnte, die von ihm für die Diskussion vorgeschlagen wurden. Diese Informationen wurden im Laufe von zwei Tagen eingesammelt, um den Teilnehmern abschließend die Möglichkeit zu bieten, sich mit diesen Themen und Projekten in einem engeren Kreis auseinanderzusetzen sowie Erfahrungen und Kompetenzen zum vorgeschlagenen Thema auszutauschen.
 
NECE-Konferenz. Foto: Julia Kriwtsowa Foto: Julia Kriwtsowa Die Konferenz begann mit der Schilderung der Lage zum Thema Bürgerbildung in Kroatien, und bereits am zweiten Tag hatten wird die Gelegenheit, uns für eine von zehn Informationstouren über lokale Initiativen und Projekte, die sich mit Bürgerbildung in Zagreb beschäftigen, zu entscheiden. Ich habe die Galerie von Miroslav Kralevic gewählt, in der Lea Vene, die Kuratorin der Galerie, uns Ergebnisse ihres Projekts über das Roma-Ghetto in Zagreb vorgestellt hat. Ihre Darstellung der jeweiligen Projektphasen war auf eigene Art lehrreich. Lea hat uns von Erfolgen aber auch von Schwierigkeiten berichtet, die bisher nicht überwunden werden konnten.
 
Von den parallel laufenden Sektionen habe ich mich für „Zukünftige Trends und Programme der Bürgerbildung“ entschieden. Hier wurden von Experten aus verschiedenen Teilen Europas Perspektiven der weiteren Entwicklung der Bürgerbildung vorgestellt.
 
Zum Schluss der Konferenz wurden von den Veranstaltern die letzte Ausgabe der NECE-Zeitschrift und das Buch Beyond Us versus Them angeboten. Das Buch und die Beiträge knüpften an viele Fragen der Konferenz an und regten zum weiteren Nachdenken darüber an.
 
Insbesondere ist auf die gute Leistung der Konferenzmoderatorinnen Almut Möller und Susanne Ulrich hinzuweisen, die für eine starke Diskussion, für eine interaktive Gestaltung und für einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen den einzelnen Teilen und Sitzungen gesorgt haben. Dank ihres Engagements war die Konferenz einheitlich von der Form her, jedoch inhaltlich tief und vielfältig.
 
Interessant für mich waren einige, während der Konferenz geäußerte Ideen: Elemente der Bürgerbildung in Unterrichtspläne insbesondere beim Englischunterricht aufzunehmen (Begriffsbestimmung, Diskussionen rund um diese Begriffe), soziale Eingliederung der Migranten durch Umgang mit Narrativen (Möglichkeit eigene Geschichten zu erzählen, sich in einer anderen Gesellschaft mittels Kultur zu äußern); Schule in einen Raum für Denken und Diskussion zu verwandeln; in der Bürgerbildung nicht auf Politik oder Wahlen sondern auf demokratische Entwicklung zu setzen (diskutiere und teste deine Ideen aus!).
 
Einiges schien mir jedoch umstritten zu sein. Viele Redner, selbst jene, die behauptet haben, die Bürgerbildung habe nichts mit Politik und Wahlen zu tun, haben sich zu stark auf das Wahlergebnis in den USA konzentriert. Mehrmals ließ sich auch der Gedanke verfolgen, dass die Bürgerbildung in Europa durch eine Vielzahl von Dokumenten erschwert und durch Lippenbekenntnisse ersetzt wird und keine realen Instrumente der Anpassung an Unterrichtspläne und der Umsetzung im Schulunterricht bietet, geschweige denn für diejenigen, die nicht mehr in die Schule gehen.
 
Nichtsdestoweniger kam bei der Konferenz die Kultur des Dialogs und des Diskurses in ihrer besten Form zum Ausdruck. Es war deutlich zu erkennen: Den Teilnehmern der Podiumsdiskussionen lag es nicht an formaler Berichterstattung, sondern an einem für alle Teilnehmer höchst interessanten Dialog, der niemanden unbeteiligt lässt und der zu vielen Fragestellungen anregt. Die größte Leistung der Konferenz aus meiner Sicht waren die Fragestellungen im Laufe der Diskussionen und der informellen Gespräche. Eine besondere Anerkennung gilt auch dem Format einer hervorragend vorbereiteten und sorgfältig geplanten Konferenz. Diese Maßnahme war spannend vom ersten und bis zum letzten Tag.
 
In meiner Freizeit habe ich das Museum der modernen Kunst in Zagreb besucht, in dem eine interessante Ausstellung der dänischen Künstlerin Nanna Debois Buhl „Kao da su stvari govorili“ über öffentliche Räume in einigen Städten durchgeführt wurde, die in das Blickfeld dieser Künstlerin geraten sind.
Dazu gehörte auch Zagreb. Ich war auch im Museum für die Geschichte Zagrebs und in der Kunstgalerie, in der Skulpturen aus der Nachkriegszeit von Alberto Giacometti in einem scharfen Kontrast zum modernen Video der weltweiten Kriegsschauplätze ausgestellt wurden.
 
Nach meiner Rückkehr nach Jaroslawl habe ich zwei Präsentationen in der Nekrassow-Jugendbibliothek durchgeführt. Bei einer habe ich von meinen Erfahrungen als Teilnehmerin der NECE-Konferenz gesprochen, bei der anderen ausführlich die Projekte der Künstlerin Nanna Debois Buhl zur Erforschung der öffentlichen Stadträume geschildert. Ich bin mir bewusst, dass die Erfahrungen der NECE-Konferenz-Teilnahme auch bei der Vorbereitung dieser internationalen Maßnahme gefragt sind.
 
Ich bedanke mich nochmals beim Team des Goethe-Instituts für diese Woche der Entdeckungen, neuen Bekanntschaften, wertvollen Erkenntnisse und Erfahrungen!
 

Das Goethe-Institut lud neun ukrainische und russische Teilnehmerinnen und Teilnehmerinnen zu der diesjährigen NECE/ Networking European Citizenship Education-Konferenz zum Thema „Crossing Borders. Migration and Citizenship Education in Europe“ ein, die von der Bundeszentrale für politische Bildung ausgerichtet wurde.