Zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit Geister bei Ludlow 38

Während der Ausstellungseröffnung von Cruising Pavilion in New York
Während der Ausstellungseröffnung von Cruising Pavilion in New York | © Goethe-Institut New York, Foto: Daniel Albanese

In den experimentellen Ausstellungsraum des Goethe-Instituts New York, Ludlow 38, sind die Geister eingezogen. In Gespräch erklärt die neue Kuratorin Franziska Sophie Wildförster, was es mit dem Spuk auf sich hat, was sie für ihre einjährige Residenz plant und berichtet über die erste Ausstellung, die am 22. Februar eröffnet wurde.
 

Wie bist du auf die Residenz aufmerksam geworden?

Ludlow 38 ist ein sehr angesehenes Residenzprogramm - schon fast eine Institution. Sie war daher schon lange auf meinem Radar. Das Format ist einzigartig und bietet viele kuratorische Möglichkeiten: Man betreut hier ein Jahr lang alle Ebenen und ist von den Aufgaben her sehr nah an einem Kunstverein dran. Mir gefällt die enge Zusammenarbeit mit Künstlern und anderen Akteuren rund um den Projektraum.

Franziska Sophie Wildförster Neue Kuratorin Franziska Sophie Wildförster | © Goethe-Institut New York, Foto: Daniel Albanese Wie sieht dein Konzept für die Residenz aus?

Ich sehe den Zeitraum als Möglichkeit, die Idee der „Hauntologie“ nach Jaques Derrida zu erforschen. Das bedeutet, anhand der Metapher des Geistes die herrschende spätkapitalistische kulturelle Logik zu betrachten und an der Schnittstelle von Feminismus, Queer Culture und dekolonialem Denken zu kontextualisieren: Inwiefern kann man sich Alternativen für die Dinge erdenken, die eigentlich keinen Platz in diesem System haben und von den Rändern ins Zentrum kommen – und dort spuken? Die abstrakte Figur des Geistes ist dabei eine wunderschöne Metapher, um über künstlerische Praxen und die Möglichkeit der Kritik nachzudenken, weil sie sehr viel mit Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit zu tun hat.
 
Wie hast du den Auftakt mit Cruising Pavilion, New York geplant?

Für die Ausstellung habe ich das Kuratoren-Kollektiv Cruising Pavilion gebeten, eine Antwort auf die Idee der Hauntologie zu entwerfen. Die Geister von New Yorks Cruising Culture, welche durch die AIDS-Krise, Gentrifizierung und Kapitalisierung der Stadt verloren gegangen ist, sollen wiederbelebt und mit zeitgenössischen Positionen in Zusammenhang gestellt werden, die über das Verhältnis von Körper, öffentlichem Raum, Sex und politischer Utopie – auch im Hinblick auf weibliche Perspektiven – nachdenken.

  • Cruising Pavilion New York © Goethe-Institut New York, Foto: Daniel Albanese
  • Cruising Pavilion New York © Goethe-Institut New York, Foto: Daniel Albanese
  • Cruising Pavilion New York © Goethe-Institut New York, Foto: Daniel Albanese
  • Cruising Pavilion New York © Goethe-Institut New York, Foto: Daniel Albanese
  • Cruising Pavilion New York © Goethe-Institut New York, Foto: Daniel Albanese
  • Cruising Pavilion New York © Goethe-Institut New York, Foto: Daniel Albanese
  • Cruising Pavilion New York © Goethe-Institut New York, Foto: Daniel Albanese
  • Cruising Pavilion New York © Goethe-Institut New York, Foto: Daniel Albanese
  • Cruising Pavilion New York © Goethe-Institut New York, Foto: Daniel Albanese
  • Cruising Pavilion New York © Goethe-Institut New York, Foto: Daniel Albanese

Was liegt dir bei der Umsetzung am Herzen für das Jahr? Was sind die größten Herausforderungen?

Ich möchte Ludlow 38 als experimentellen Ort – von denen es nicht mehr viele in New York gibt – nutzen, um Ausstellungen zu machen, die zum Austausch und Nachdenken anregen. Jedes Jahr ändert sich das Publikum mit dem jeweiligen kuratorischen Programm und daher sind die Reaktionen schwierig abzuschätzen. Zudem herrscht hier eine andere Mentalität als in Europa, eine andere kritische Haltung: Meine Programme beschäftigen sich mit Fragen, die hier sehr präsent sind, aber auch sehr sensibel behandelt werden müssen.
 
Was folgt nach der Auftaktveranstaltung?

Im April folgt eine Einzelausstellung der amerikanischen Künstlerin Ser Serpas. Bei ihr geht es um Fragen der (Un-)Sichtbarkeit sowie um Fragen der Benennung und der Kategorisierung in Bezug auf nicht-normative Körper. Sie arbeitet mit abstrakten Skulpturen, die oft aus Müll bestehen, und re-integriert somit Dinge, die gesellschaftlich als nicht mehr wertvoll gesehen werden.
 
Im Juni wird die amerikanische Künstlerin und Bildhauerin Candice Lin Ludlow 38 in einen chinesischen Laden transformieren – als Anspielung auf eine Ausstellung von Omar Fast im Jahr 2017, die sehr viel Aufsehen erregt hat. In Lins Arbeiten geht es um Fragen der Authentizität im Zusammenhang mit bestehenden kolonialen Strukturen.
 
Dann folgt ein Projekt mit Lydia Ourahmane, einer britisch-algerischen Künstlerin, mit der ich schon in der Vergangenheit zusammengearbeitet habe. Es wird ein Off-Site-Projekt, aber keine Ausstellung. Es ist noch offen und ich möchte mir ein bisschen Freiraum dabei lassen.
 
Den letzten Slot wird der Künstler Paul Maheke bespielen – er hat mich im Hinblick auf die Fragestellung des „Geistes“ inspiriert.
 
Franziska Sophie Wildförster wurde 1987 in Starnberg geboren und studierte Kunstgeschichte in Wien und Visual Cultures and Curating in London. Sie arbeitete vier Jahre für Thyssen-Bornemisza Art Contemporary und ist Mitbegründerin des unabhängigen Kunstraums Kevin Space in Wien.