Manifesto Im Gespräch: Julian Rosefeldt, Cate Blanchett, and Kristy Edmunds

Julian Rosefeldt, Cate Blanchett, and Kristy Edmunds
© Photo: Steven Chee, Veronika Bures, and Thomas Wasper

Anlässlich der Westküstenpremiere von „Manifesto“, der 13-Kanal-Filminstallation des bildenden Künstlers Julian Rosefeldt bei Hauser & Wirth in Los Angeles - eine Rezension und Diskussion der Arbeit mit dem Künstler, der Oscar Preisträgerin, Cate Blanchett und der künstlerischen Leiterin und Direktorin von UCLAs Zentrum für die Performancekunst, Kristy Edmunds.

Von Mark Tompkins

 

Mit freundlicher Genehmigung von Hauser & Wirth

Julian Rosefeldts Videoinstallation Manifesto war für Cate Blanchett ein wahres Schauspieler-Intensiv-Trainingslager: Bei dem 12-tägigen Dreh in Berlin spielte sie nicht weniger als 13 verschiedene Rollen. Rosefeldt hat Blanchett für ein wahnwitziges Projekt engagiert: Beginnend mit einigen Zeilen aus dem Kommunistischem Manifest von Marx und Engels aus dem Jahr 1848 zitieren alle Figuren, die sie in einem Dutzend in sich abgeschlossener Filme spielt, allesamt künstlerische Manifeste aus dem 20. Jahrhundert. Jeder rund 10-minütige Kurzfilm spielt in der Gegenwart.

Wer von Manifesto eine gewöhnliche Reise durch die Kunstgeschichte erwartet, wird eines Besseren belehrt: Das Projekt bietet die überraschende Erkenntnis, dass die von Rosefeldt zusammengestellten Texte über die Jahre kaum Staub angesetzt haben. Das sehr dichte und lebhafte Werk ist alles andere als eine Geschichtsstunde, und Blanchetts Darbietungen sind viel mehr als nur ein schauspielerischer Stunt.
Manifesto wird gerade an zahlreichen Orten in Europa, Australien und den USA gezeigt und erfährt in der Branche enorm viel Beachtung. Der Zuschauer bewegt sich an 13 Leinwänden in Kino-Größe vorbei, auf denen der Film gleichzeitig läuft. Mit der extrem hochwertigen Produktion erfährt der Begriff „Video-Installation“ hier eine ganz neue Bedeutung.

Rosefeldt hat dabei seine Ressourcen gut eingeteilt. Kein Zuschauer würde je erahnen, dass er und Blanchett keinerlei Zeit für Proben hatten und einige Filme gar erste und einzige Take sind.
Gleich in den ersten Filmen liefert Blanchett ihre opulentesten und unterhaltsamsten Leistungen ab. Zuerst gibt sie einen Obdachlosen, der mit schottischem Akzent eine Hasstirade mit Parolen aus dem Situationismus und Suprematismus loslässt. Danach kommen kurze Filmen, in denen sie einen russischen Choreografen und einen tätowierten Punkrocker spielt: Der Choreograf gibt sich ganz als Diva und beschimpft eine Truppe junger Tänzer mit von Fluxus und Merz geprägten Proklamationen zum Thema „Anti-Kunst“. Für diese Rolle spricht sie mit derbem Akzent („Dar-link“) und ist dabei umwerfend komisch, ohne jedoch in die Übertreibung abzudriften.Der Wechsel von dieser Leinwand zur nächsten ist besonders beeindruckend, denn hier sehen wir Blanchett als englische Punk-Lady, die sichtlich angetrunken ein Manifest des Estridentismus in die Kamera knurrt. In diesem Kurzfilm läuft die Hauptfigur gerade zur Übergröße auf und es scheint, als müsste der Kameramann in Deckung gehen, als diese aufsteht und bildfüllend erscheint.

Die zuerst gezeigten Filme könnten den Besucher von Manifesto glauben lassen, dass es Rosefeldt mit seinem 13-teiligen Film vor allem darum geht, die Starqualitäten seiner hochkarätigen Hauptdarstellerin herauszustellen. Schließlich zeigt sich Blanchett hier vielseitiger als manch ein anderer Schauspieler in seiner gesamten Karriere. Die folgenden Filme sind jedoch bedeutend ruhiger und subtiler. Es scheint fast so, als hätte Rosefeldt jene Filme an den Anfang gesetzt, die am meisten Aufmerksamkeit erregen, um so das Publikum direkt in seinen Bann ziehen.

Dabei gewinnt Manifesto an Faszination, je weiter man durch die Filmräume hindurchschreitet. Nach den ersten Filmen wird dem Zuschauer klar, das Rosefeldt diese genau getaktet hat: Immer in der Mitte des Films spricht Blanchett mit monotoner Stimme direkt in die Kamera, so dass man ihre Stimme(n) aus den verschiedenen Räumen hört. So verbinden sich die 12 Filme jeweils für einen Moment zu einem Ganzen, und auch die Figuren scheinen wie in einem kollektiven Trancezustand miteinander zu verschmelzen. Dieser Moment steht für eine unbewusste Solidarität zwischen all diesen Frauen, die ihrer Unzufriedenheit quer durch verschiedene Dekaden und jedes soziale Milieu zum Ausdruck bringen. Auf dem Bildschirm auftauchende Zeichen und Produkte sind stets in Englisch, wahrscheinlich um das Umfeld international wirken zu lassen und nicht explizit deutsch, obwohl viele Schauplätze unverkennbaren Berliner Lokalkolorit verströmen. Einige Szenerien wirken extrem technisch, es soll jedoch keine vor Möglichkeiten nur so strotzende Welt gezeigt werden; die Grundstimmung entspricht eher einer zur Normalität gewordenen leisen Dystopie. Vielleicht ist dies Rosefeldts Art zu betonen, wie relevant diese Manifeste auch heute noch sind, egal, ob sie 60, 80 oder fast 100 Jahre alt sind.
 

So ist es am Ende eine angenehme Überraschung, wenn wir im letzten Film mit in ein Grundschulklassenzimmer genommen werden, wo Blanchett eine liebe und einfühlsame Lehrerin verkörpert, die ihre Schützlinge Zitate von Filmemachern nachsprechen lässt, darunter auch nützliche Ratschläge von Werner Herzog. Die von der Lehrerin gesprochenen Zeilen sind warmherzig und ermutigend und wirken unerwartet gütig – also doch noch irgendwie ein gutes Ende, das dennoch keinesfalls dem vorher Gezeigten schnell noch ein positives Häubchen aufsetzen will.

Manifesto liefert derartig viele bemerkenswerte Zeilen, dass die Zuschauer sich sicher etwas zum Mitschreiben herbeiwünschen: „Stiehl etwas von allem, das deine Seele berührt!“, „Die Vielfalt der Bedeutung ist wichtiger als deren Klarheit“, „Ich bin für die Kunst, von einem Barhocker zu fallen“ (die tätowierte Punkerin sagt diesen Satz zwar nicht, aber sie würde diesem sicher zustimmen), „Nur langweilige und unfähige Künstler verleihen ihren Werken Aufrichtigkeit“ oder „Der Traum ist auf eine Parenthese reduziert worden.
Jeder, der Gelegenheit hat Manifesto zu erleben, wird dort sicher seine ganz persönlichen Lieblingszeilen finden. Für Menschen mit künstlerischer Gesinnung oder solche, die sich gerade erst eine radikale Haltung angeeignet haben, liefern die von Blanchett gesprochenen Texte einen wahren Schatz an Inspirationen.
 

Im Gespräch: Julian Rosefeldt, Cate Blanchett und Kristy Edmunds bei Hauser & Wirth

fand im Rahmen der Initiative "Jahr der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft" im Jahr 2018/19 statt.
Das "Jahr der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft" ist eine umfassende und gemeinschaftliche Initiative des Auswärtigen Amts und des Goethe-Instituts, gefördert vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), um die jahrzehntelangen Beziehungen, gemeinsame Werte, Interessen und Ziele beider Länder zu feiern. Diese Veranstaltung wurde vom Goethe-Institut und dem Deutsch-Amerikanischen Jahr der Freundschaft gefördert.


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