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11. Berlin Biennale
Kunst als partizipativer Prozess

Die Kurator*innen der 11. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, v.l.n.r.: Renata Cervetto, Agustín Pérez Rubio, María Berríos, Lisette Lagnado
Die Kurator*innen der 11. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, v.l.n.r.: Renata Cervetto, Agustín Pérez Rubio, María Berríos, Lisette Lagnado | Foto (Detail): © F. Anthea Schaap

Was sind die Schwerpunkte der Berlin Biennale 2020 und welche Rolle spielt Berlin dabei? – Ein Interview mit Kurator Agustín Pérez Rubio.

Von Nadine Berghausen

Im Sommer 2020 wird sich die 11. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst an verschiedenen Orten der Stadt präsentieren. Diesmal möchte das Kurator*innenteam jedoch Veränderung in das bestehende Konzept bringen: Durch mehr Offenheit und Partizipation soll die Biennale über das Ausstellungsjahr 2020 hinaus wirken können. Im Gespräch erzählt Kurator Agustín Pérez Rubio, wie wichtig es ist, Kunstvermittlung zu verändern, und welche Rolle Berlin dabei spielt.

Herr Pérez Rubio, traditionell bestimmt die Biennale Berlin ein Leitmotiv. Wie würden Sie es für die Biennale 2020 beschreiben?

Für die Biennale 2020 haben wir uns für mehrere unterschiedliche Projekte entschieden. Dabei haben wir uns von der Arbeit des brasilianischen Künstlers und Architekten Flávio de Carvalho inspirieren lassen. Von den 1930er-Jahren bis in die 1950er-Jahre veranstaltete er sogenannte Experiências (Erfahrungen), die aus verschiedenen Performances bestanden und im damals konservativen São Paulo stattfanden. Wir nehmen diese Experiências als Ausgangspunkte und konfrontieren unsere heutige Realität mit jener aus de Carvalhos Zeit. Welche Konflikte herrschen in unserer Gesellschaft – in Berlin und weltweit – und wie stehen sie in Zusammenhang mit der normativen Gesellschaft, die de Carvalho beschreibt. Schlussendlich nutzen wir seine Arbeiten als auslösende Momente, die später, im Verlauf der Biennale, von Arbeiten anderer Künstler abgelöst werden.

Wenn Sie vom Verlauf der Biennale reden, beziehen Sie sich nicht nur auf das eigentliche Hauptevent im Sommer 2020, sondern auch auf eine Reihe von Ausstellungen, die diesem Event vorausgehen. Welche Bedeutung haben diese einzelnen Teile?

Die Biennale ist ein Prozess. Sie wird umspannt von einer einjährigen Anfangsphase, die im September 2019 eröffnet wurde. In dieser Zeit finden drei „Erfahrungen“, die exp. 1-3, statt, die zur eigentlichen Biennale hinführen. Der letzte Teil wird die Phase beschreiben, die gemeinhin als Biennale verstanden wird. Sie wird vom 13. Juni bis zum 13. September 2020 stattfinden. Diesen letzten Abschnitt sehen wir als Epilog, der aber mit den exp. 1-3 eng verbunden ist.

Wie der Künstler de Carvalho, von dem Sie sich haben inspirieren lassen, kommen auch Sie und Ihre drei Kolleginnen im Kurator*innenteam aus lateinamerikanischen Ländern. Welche Bedeutung hat das für die Biennale?

Wir versuchen, unsere südamerikanische Vergangenheit, Geschichte und Forschung in unsere Arbeit einzubeziehen. Das betrifft verschiedene Themengebiete, wie Kolonialerbe und die Rolle der Museen. Außerdem zeigen wir viele Arbeiten südamerikanischer Künstler.
Flávio de Carvalho trägt und zeigt den New Look-Anzug auf den Straßen von São Paulo: „Experiência n. 3“, 1956. Flávio de Carvalho trägt und zeigt den New Look-Anzug auf den Straßen von São Paulo: „Experiência n. 3“, 1956. | Foto: Fundo Flávio de Carvalho/CEDAE-UNICAMP, Campinas © The Heirs of Flávio de Carvalho Wie gestalten Sie die Arbeit im Team?

Wir glauben nicht an die Arbeit nur eines Kurators – so wie die Biennale nicht nur eine zentrale Aussage hat. Wir glauben an einen kollaborativen Prozess. Wir treffen keine klare Abgrenzung in der Art: „Was ist eine Ausstellung, was ist ein öffentliches Programm, was ist ein Kunstprojekt, was verstehen wir unter Kunstvermittlung, was bedeutet Mediation in diesem Zusammenhang?“ In unserem Verständnis als
Kurator*innenteam ist alles als Kunst zu verstehen – der gesamte Prozess vom Ausgangspunkt des Kunstwerks bis zur Rezeption. Das ist unsere Herangehensweise.

Zu dieser Herangehensweise zählt auch, dass Sie die Biennale offen und partizipativ gestalten möchten. Wie setzen Sie das um?

Unserer Meinung nach sollten wir nachhaltigere Beziehungen zum Publikum aufbauen. Wir beziehen die verschiedenen Veranstaltungsorte eng in unser Programm ein und wollen der Berliner Nachbarschaft die Möglichkeit geben, an dieser Biennale tatsächlich teilzuhaben. An verschiedenen Orten in Berlin veranstalten wir Performances, Workshops, Gesprächsrunden. Wir versuchen einen nachhaltigen Austausch mit der Künstlercommunity, der Universität und vor allem mit der Berliner Nachbarschaft zu etablieren. Viele Bürger*innen sind nicht wirklich in kulturelle Prozesse und Kunstvermittlung involviert. Sie sind nicht Teil des Kunstsystems. Andererseits möchten wir diese Menschen nicht nur deshalb ausschließen, weil es ihnen an Ressourcen, Wissen oder Erfahrung im Umgang mit Kunstprozessen mangelt.

Können Sie eines dieser Projekte näher beschreiben?

Erzählungen werden im Kollektiv entwickelt, sie setzen sich aus verschiedenen Perspektiven, Wünschen und Ängsten zusammen. Bei den Figurentheater-Workshops für Kinder und Jugendliche, die Florian Gass und Mirja Reuter in unserem temporären Raum durchgeführt haben, kam dazu noch die Lust, das Geschehen selbst zu bestimmen oder zu interpretieren. Eine Werkstatt hat den teilnehmenden Kindern und Jugendlichen den Bau von Figuren und Kulissen sowie von Apparaturen zur Projektion von Schatten und Bildern, Fiktionen und Illusionen ermöglicht.
Installationsansicht „exp. 1: Das Gerippe der Welt“ auf der 11. Berlin Biennale auf dem ExRotaprint-Gelände in Berlin Gesundbrunnen. Installationsansicht „exp. 1: Das Gerippe der Welt“ auf der 11. Berlin Biennale auf dem ExRotaprint-Gelände in Berlin Gesundbrunnen. | Foto (Detail): © Mathias Völzke Was meinen Sie mit Nachhaltigkeit, wenn Sie von den Beziehungen zum Publikum und den Berliner*innen sprechen?

Der Vorteil der Arbeit an einem nachhaltigen Prozess ist die Möglichkeit, die Richtung zu ändern. Wir haben die Zeit, auf die Bedürfnisse der Menschen in Berlin einzugehen und Fehler zu erkennen. Als Team sind wir nicht mit Erwartungen an das Projekt nach Berlin gekommen, sondern haben uns gefragt, was hier in der Nachbarschaft und von der Künstlercommunity von uns erwartet wird und was wir bieten können. Diese Biennale wird zudem als erste die Möglichkeit ergreifen, auch dann wirken zu können, wenn die offizielle Ausstellung vorüber ist. Zum ersten Mal werden die eigens eingestellten Mitarbeiter*innen auch zukünftig in der Kunstvermittlung tätig sein. Die 11. Biennale wird zu Ende gehen – aber die Bürger*innen werden auch danach noch die Möglichkeit haben, von fortlaufenden Projekten zu profitieren.

Infobox

Agustín Pérez Rubio und seine Kolleginnen Lisette Lagnado, María Berríos und Renata Cervetto identifizieren sich als weibliches Kurator*innenteam, das für die Biennale Berlin generationsübergreifend arbeitet. Pérez Rubio war künstlerischer Leiter des Museo de Arte Latinoamericano de Buenos Aires und Chefkurator und Direktor des Museo de Arte Contemporáneo de Castilla y León. Außerdem kuratierte er zahlreiche Ausstellungen, zuletzt über Claudia Andujar und Mirtha Dermisache. 2019 war er Kurator des chilenischen Pavillons auf der Biennale di Venezia.. Er beschäftigt sich mit kollaborativen Projekten, Genderfragen und feministischen Themen, Linguistik, Architektur, Politik und postkolonialen Perspektiven.

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