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50-jähriges Jubiläum von Ton Steine Scherben

Ton Steine Scherben, 1970 mit Rio Reiser (2.von links)
Ton Steine Scherben, 1970 mit Rio Reiser (2.von links) | Foto (Ausschnitt © picture alliance / ullstein bild

Vor knapp 50 Jahren erschien die erste Platte der Band Ton Steine Scherben. Kaum eine Band verarbeitete und prägte auch selbst die gesellschaftlichen Konflikte der westdeutschen Nachkriegsgeschichte so stark. Ein Rückblick von Klaus Walter.

Von Klaus Walter

Warum geht es mir so dreckig? Macht kaputt was Euch kaputt macht! Wir müssen hier raus. Ich will nicht werden, was mein Alter ist. Keine Macht für Niemand. Allein machen sie dich ein. Wenn die Nacht am tiefsten, ist der Tag am nächsten. Der Traum ist aus.
Allein aus den Songtiteln von Ton Steine Scherben könnte man ein Stück deutscher Nachkriegsgeschichte erzählen. Genauer: ein Stück westdeutscher Nachkriegsgeschichte, Schwerpunkt West-Berlin. Zwar erscheint ihre erste Single mit dem programmatischen Titel Macht kaputt was Euch kaputt macht! erst 1970, aber dennoch ist Ton Steine Scherben die – einzige? – deutsche Band, deren Musik die vielfältigen gesellschaftlichen und politischen Konflikte, die wir heute routiniert unter der Chiffre ACHTUNDSECHZIG abzuspeichern gewohnt sind, nicht nur begleitet und beschreibt, sondern die auch selbst, als Band, eine treibende Kraft dieser politischen Kämpfe wird.

Wo die spielen, wird es laut

Für Ton Steine Scherben wird das Label Politrock-Band erfunden, sie sind mehr involvierte Partei als distanzierte Chronisten, das geht schon beim Namen los. Ton Steine Scherben. Wo die spielen, wird es laut, es könnten Steine fliegen, es könnte Scherben geben. Anders als Zeitgenossen (Zeitgenossinnen waren eher die Ausnahme in der German Rock Music dieser Jahre) wie Floh De Cologne mit ihren didaktischen Lehrlingsopern oder Ihre Kinder aus Nürnberg mit ihrem hippieesken Prog-Rock, - beides Gruppen, mit denen sie sich das Prädikat Pioniere deutschsprachiger Rockmusik teilen -, sind Ton Steine Scherben eine Bewegungsband. "Der Mariannenplatz war blau, so viel Bullen waren da", eine von diesen Evergreen-Punchlines aus dem Rauch-Haus-Song, ist heute Kreuzberg-Folklore, klar, war aber damals, Anfang der Siebziger, der Soundtrack from within, der Song von Hausbesetzer*innen für Hausbesetzer*innen während der Hausbesetzung. Oder während der Räumung. Dieser For Us By Us-Bewegungsanspruch schlägt sich auch in Verpackung und Vertrieb der TSS-Musik nieder. Die beiden ersten Alben von 1971 und 72 stecken in betont schlichten Papphüllen und werden von der bandeigenen Firma David Volksmund Produktion unter die Leute gebracht – Jahre, bevor die sogenannte Alternativbewegung in der BRD kleinunternehmerisch auf den Weg brachte, was wir heute als grün getünchten Öko-Kapitalismus kennen. Und noch ein paar Jahre mehr vor dem Boom der sogenannten Independent-Labels, die im Modus Selbstausbeutung in der Nische an ihrem Traum von der Alternative im alternativlosen Kapitalismus werkelten.

Auseinanderfallen der Scherben und Solokarriere Rio Reisers

Nach den beiden bahnbrechenden ersten Alben beginnt eine lange Phase der Entmischung, um nicht zu sagen: des Niedergangs. Die Hausbesetzer-Bewegungsband verwandelt sich allmählich in eine musizierende Landkommune. Haare, Lieder und Besetzungslisten werden länger, auch in dieser Hinsicht spiegelt die Entwicklung von Ton Steine Scherben gewisse Tendenzen der Entmischung in der (ex-)radikalen Linken der BRD: die einen gründen maoistische Kaderparteien, die anderen ziehen in den bewaffneten Kampf, wieder andere ziehen sich zurück: nach innen, nach Indien, aufs Land.
 
Spätestens 1981 mit dem Album IV, wegen des schwarzen Albumcovers auch die Schwarze genannt, verdrängen Esoterik und Mystik, gerne auch ein bisschen infantil bis regressiv, die Politik: Tarot-Karten, magischer Kreis, die Hohepriesterin, Kinderchöre, Kribbel Krabbel, Morgenlicht, sowas. Sänger Ralph Möbius, der bis dahin fast alle Texte geschrieben hatte, verliert an Einfluss und nennt sich fortan Rio Reiser. Während die Scherben zusehends auseinanderfallen, ohne einen Schlussstrich zu ziehen, legt Rio Reiser eine erfolgreiche Solokarriere hin, mit radiofreundlich-cleveren Songs wie König von Deutschland oder Junimond. Rio Reiser stirbt 1996 mit gerade mal 46 Jahren und kann sich nicht mehr dagegen wehren, von allem und jeder vereinnahmt zu werden, wobei alle und jede ihr ganz eigenes Bild von Rio, wie sie ihn vertrauensvoll ankumpeln, pflegen, auch im eigenen Interesse.

Eine kleine, nicht repräsentative Auswahl von Stimmen zu Rio Reiser

„Ton Steine Scherben waren die einzige Band, der es gelang, die Idee von Rockmusik eins zu eins ins Deutsche zu übertragen“, schreibt Blixa Bargeld 1996 in seinem Spiegel-Nachruf auf Rio Reiser. Vier Jahre später covert der Sänger der Einstürzenden Neubauten auf einem der vielen Scherben-Tributes Allein machen sie dich ein. Womit er nicht allein dasteht. Allein machen sie dich ein funktioniert auch als Neonazirock, Bands wie Nahkampf oder Landser spielen Scherbensongs nach.
„Es gibt ja kaum einen Künstler, der Rio nicht gecovert hat, Nena, Grönemeyer, selbst Udo Lindenberg, alle, nur die Toten Hosen nicht…doch, die auch, Keine Macht für Niemand, stimmt“, sagt Rio Reisers Bruder Gert Möbius. Zu den selbsternannten Erben der Scherben zählt Marianne Rosenberg wie Kraftklub, Wir sind Helden und Fettes Brot, Gitte Haenning und Rocko Schamoni, Xavier Naidoo und Slime. Wird Rio Reiser vereinnahmt, weil er sich nicht mehr wehren kann? Oder lässt er sich vereinnahmen, weil seine Musik kooptierbar ist, weil sich jeder und jede ihren eigenen Reim machen kann auf Rio Reiser: Schlagersänger*innen wie Allerweltsrocker, Linksradikale wie Reichsbürger, Feministinnen wie Maskulinisten.
Auch für die sogenannte Hamburger Schule sind die Scherben und Reiser ein wichtiger Bezugspunkt. Dabei geht es immer um Fragen von Abgrenzung und Vereinnahmung, von Politisierung und Entpolitisierung. Frank Spilker von den Sternen: „Wir haben ja immer Slogans zitiert wie Allein machen sie dich ein oder Macht kaputt was Euch kaputt macht, da gibt´s ja einige Sätze, die in der Musikgeschichte stehen wie in Granit eingemeißelt.“
Von Spilker stammt auch diese steile These: „Im Grunde war er der deutsche John Lennon.“
Dass Protestsongs heute anders funktionieren müssen als vor 50 Jahren, das hat Christiane Rösinger verstanden. Mit ihrer Band Britta – benannt nach der Schlagzeugerin Britta Neander, die in der Landkommunenphase TSS-Mitglied war - interpretiert Rösinger 2003 Wir müssen hier raus, einen Signatursong von Ton Steine Scherben. Rösinger singt mehr resignativ als zornig in dem melancholischen Wissen, dass die Zeit der übersichtlichen Konfrontationen vorbei ist. Wir gegen die – das funktioniert nicht mehr. So protestiert Britta auch gegen die komplizierte Gegenwart. Und was sagt Christiane Rösinger heute, respektive 2020, zu Rio Reisers 70.Geburtstag? Auf Anfrage antwortet sie per E-Mail: „Zum Thema Rio will ich lieber nix sagen, weil sich alle zu Rio äußern, weil alle Riofans sind. Claudia Roth, Judith Holofernes, der Echt-Sänger, Jan Plewka…. da will ich mich nicht auch noch einreihen.“
Schweigen ist manchmal einfach Gold.

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