Buchtrends 2018 Landidylle schlägt düstere Dystopie

Der Buchmarkt und die Leservorlieben sind lange nicht mehr so überschaubar wie einst.
Der Buchmarkt und die Leservorlieben sind lange nicht mehr so überschaubar wie einst. | Foto (Zuschnitt): © picture alliance/ZUMA Press

Die Trends in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur sind schwer auszumachen. Auch der Deutsche Buchpreis ändert daran nichts, immerhin kann er aber ein paar Romanen zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen.

Früher schaute die deutsche Buchbranche neidisch gen Westen: In den USA, in Großbritannien und in Frankreich sorgten Roman-Preise für öffentliche Aufmerksamkeit und gigantische Verkaufszahlen. Die anderen glänzten mit Booker, Pulitzer, Goncourt – Deutschland hatte nur seine streitbaren Kritiker Marcel Reich-Ranicki und Elke Heidenreich. Und selbst die Zeiten, als der Buchhandel blind jene Bücher bestellen konnte, die im nächsten Literarischen Quartett besprochen werden sollten – einer Fernsehsendung aus den 1990er-Jahren –, sind lange vorbei. Keine Literatursendung im Fernsehen, kein Aufmacher im Magazin Der Spiegel, schon gar nicht die Rezensionen in den Zeitungen DIE ZEIT, FAZ oder Süddeutsche Zeitung machen hierzulande ein Buch zum Bestseller.
 
Und doch gibt es natürliche Faktoren, die auf Trends einwirken: gute Besprechungen, Empfehlungen der Buchhändler, Kommentare in verschiedenen Blogs und nicht zuletzt die Leserbewertungen bei Amazon. Nur wenig hiervor ist steuerbar: Die meisten Verlage versuchen sich seit Jahren daran, an möglichst vielen kleinen Stellschrauben zu drehen, um ein Buch zum Bestseller zu machen – es gelingt in den wenigsten Fällen. 

Dystopien kämpfen gegen Kleinstadtidyll

Kann man aber im bunten Durcheinander dessen, was die Leute kaufen, Vorlieben und halbwegs belastbare Trends erkennen? Betrachtet man die Erfolgstitel der letzten Jahre, wird zumindest ein Trend unübersehbar: Womöglich als Reflex in Zeiten der globalen Unübersichtlichkeit fokussieren auffällig viele Titel den überschaubaren ländlichen Raum, stehen Beziehungen, Familien, Frauenschicksale, Dörfer und Kleinstädte im Mittelpunkt. So verhält es sich etwa in Juli Zehs Unter Leuten von 2016, auch in ihrem aktuellen Roman Neujahr, in dem Überraschungserfolg von Dörte Hansen Altes Land (2015) und dem ebenfalls höchst erfolgreichen Nachfolgebuch Mittagsstunde. Mariana Lekys hundertausendfach verkaufter Westerwaldroman Was man von hier aus sehen kann zählt ebenso dazu wie Arno Geigers bereits im Frühjahr erschienener Roman Unter der Drachenwand, der ganz unaufgeregt und leise eine zu Herzen gehende Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg erzählt. Und nicht zuletzt passt auch das chronologisch rückwärts erzählte Familienepos Archipel von Inger-Maria Mahlke, Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2018, in genau diese Kategorie. Keiner dieser Romane verschweigt gesellschaftliche und persönliche Probleme, es wird gestorben, betrogen, gelitten. Aber sie erzählen auch vergleichsweise bieder-realistisch und halten sich mit Modernismen und Sprachreflexionen zurück. Das macht sie leicht zu lesen und erklärt zu einem gewissen Teil ihren Erfolg und den nun schon seit Jahren zu beobachtenden Nachahmungseffekt.
Zwei Frauen schmökern auf der Frankfurter Buchmesse, auf der auch der Deutsche Buchpreis vergeben wird. Romane werden in Deutschland zu zwei Dritteln von Frauen gelesen. Zwei Frauen schmökern auf der Frankfurter Buchmesse, auf der auch der Deutsche Buchpreis vergeben wird. Romane werden in Deutschland zu zwei Dritteln von Frauen gelesen. | Foto: © picture alliance/SvenSimon/Anke Waelischmiller Entschieden schwerer tun sich jene Erzähler, die negative Tendenzen der Gegenwart pessimistisch in die Zukunft fortschreiben. Dazu gehört August Christian Torklers Der Platz an der Sonne, ein mutiges Gedankenexperiment, das unsere Welt auf den Kopf stellt: Während Europa verarmt, blühen die afrikanischen Staaten. In Julia von Lucadous Debütroman Die Hochhausspringerin geht es um eine totalitäre Gesellschaft, in der die Pflicht zu andauernder Selbstoptimierung den Alltag der Menschen bestimmt. Eckhart Nickels Roman Hysteria beschreibt eine Welt ohne jegliche natürliche Lebensmittel. Die Menschen wissen aber nicht, dass sie in einer vollkommen künstlichen Umgebung gefangen sind. Diese und einige ähnlich gelagerte, bisweilen freilich auch unter der Last ihrer Schwarzmalerei ächzenden Bücher, sind in den Feuilletons umfassend besprochen und häufig mit Lob überhäuft worden. Ganz nach oben haben sie es aber nicht geschafft. 

Die Merkwürdigkeiten des Deutschen Buchpreises

Auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2018 waren eher die Werke aus der ersten Kategorie zu finden. Dabei fällt auf, dass nicht eine der Geschichten in der Gegenwart, geschweige denn in der Zukunft spielt. Das Jahr 2018 wird sicher als eines der mittelprächtigen in die Geschichte des Preises eingehen. Keiner der Romane überragte die anderen. Auf der Longlist befanden sich zehn historische Romane, zehn mit Aktualitätsbezug. Dass es der eigenwillige Roman Schattenfroh von Michael Lentz, der den Tod des Vaters auf 1000 Seiten behandelt, nicht auf die Liste geschafft hat, mag nachvollziehbar sein, aber Daniel Kehlmanns Tyll und Robert Seethalers Das Feld wurden höchstwahrscheinlich nur deshalb ausgesiebt, weil sie den großen Erfolg beim Publikum längst hatten, den der Preis in gewisser Weise ja erst schaffen soll.
Die Autorin Inger-Maria Mahlke bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2018. Die Autorin Inger-Maria Mahlke bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2018. | Foto: © picture alliance/dpa/Arne Dedert/ So ergeben sich manche Merkwürdigkeiten bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises. Keine noch so paritätisch besetzte, in jedem Jahr neu zusammengesetzte Jury kann schließlich objektiv den besten Roman des Jahres ermitteln. Dennoch ist der Preis von allen unvollkommenen Mitteln wohl das Beste, um wenigstens einer Handvoll Bücher eine größere Öffentlichkeit zu verschaffen. So gesehen ist es sogar von Vorteil, wenn darüber gestritten wird, welche Bücher auf der Liste vergessen wurden – denn eben dadurch wird über sie gesprochen. Die Leser lassen sich leiten und verhelfen den gekürten Romanen zu beachtlichen Auflagen. Selbst Dauerkritiker müssen eingestehen, dass der Preis das Zeug hat, Romanen, die sonst nur von einer kleinen Gruppe Eingeweihter gelesen würden, verdiente Aufmerksamkeit zu verschaffen.