Gutekunst Prize of the Friends of Goethe 2019

Gutekunst Prize © Moa Karlberg

Preisträgerin 2019

Für ihre Übersetzung eines Auszugs aus dem Roman von Jana Hensel Keinland, erhält Erin Palombi den jährlichen Gutekunst Prize of the Friends of Goethe New York, der dieses Jahr zum neunten Mal verliehen wird. 

Palombi beschreibt ihre Erfahrungen mit der Übersetzung von Hensel's Text wie folgt:

"Die hypnotische Qualität von Jana Hensels Schreiben ist das, was mir zuerst aufgefallen ist. Sie verführt den Leser mit zarten, melodischen Sätzen und enthüllt dann leise die harten Wahrheiten im Kern ihrer Geschichte. Ich versuchte, diese subtile Intensität zu bewahren, indem ich ihren zarten, verträumten Ton spiegelte und die Struktur ihrer Sätze replizierte. Einige bauen Dynamik durch ihre Länge auf; viele erreichen eine direkte Wahrhaftigkeit durch ihre Kürze. Mit der Wiederholung von Wörtern und Sätzen vermittelt Hensel ein grundlegendes Gefühl der Besessenheit: Besessenheit von Schuld, Liebe und vor allem von der Vergangenheit. Sie verbindet diesen Sinn mit dem Konzept der Erinnerung, indem sie die gleichen Ereignisse mehr als einmal, jedes Mal ein wenig anders, in Beziehung setzt. Bei solchen Gelegenheiten konzentrierte ich mich darauf, dieses Gefühl der Wiederholung aufrechtzuerhalten, indem ich ihrer Syntax und Wortwahl so treu wie möglich blieb. Auch tief unter der Oberfläche der Geschichte liegt ein Gefühl der Sehnsucht, das Hensel zum Teil durch Satzfragmente ausdrückt: poetische Halbgedanken, die scheinbar aus inneren Erzählungen entsprungen sind, in die der Leser nicht eingeweiht ist. In diesen Fällen habe ich darauf geachtet, ein Gefühl der Unvollständigkeit zu erhalten. Hensel nutzt auch immer wieder Dichotomien wie Vergangenheit und Gegenwart, wahr und falsch, Ja und Nein, real und gefälscht und Ost und West, um Themen wie Geschichte, Herkunft, Identität, Zugehörigkeit, Authentizität, Heimat, Schuld, Erinnerung und Liebe zu untersuchen. Da die Wiederholungen dieser Dichotomien tiefere Bedeutungen im Text signalisieren, war es mir wichtig, diese Muster konsequent auf Englisch zu pflegen. Ich wollte auch genug vom Deutschen intakt lassen, um zu betonen, dass diese Geschichte nicht nur auf Deutsch geschrieben wurde, sondern von der deutschen Identität handelt."

Die Jury (bestehend aus Tess Lewis, Buchkritikerin/Übersetzerin, Alta Price, Übersetzerin, und Jeremy Davies, Lektor bei Farrar, Straus & Giroux) stellt fest:

"Die Jury des Gutekunst Preises 2019 würdigt Erin Palombi für ihre engagierte und selbstbewusste Übersetzung des Exzerpts aus Jana Hensels Roman KeinlandKeinland ist die Geschichte einer Liebe, die unter der Last von Zeitgeschichte und Geographie, von individueller und kollektiver Schuld, von starker Leidenschaft und angeborener Zurückhaltung schwankt. Die Erzählerin des Romans, Nadja, wurde von ihrem Geliebten Martin verlassen. Sie wurde in der ehemaligen DDR geboren und er, der Sohn von Holocaust-Überlebenden, wurde in der Bundesrepublik Deutschland geboren, bevor er als Erwachsener nach Israel auswanderte. Zunächst scheinen die emotionalen, kulturellen und geografischen Entfernungen zwischen den beiden ihrer intensiven Zuneigung nicht gewachsen zu sein. Sie ignorieren die Bruchlinien, die früh in ihrer Beziehung auftreten -  und sobald diese anfangen auseinanderzuklaffen, ist es zu spät.
           
"Erin Palombi vermittelt geschickt die wechselnden Töne von Nadjas Stimme, ihre Schwankungen zwischen Optimismus und Pragmatismus, zwischen Nostalgie und Verzweiflung. Irgendwann erinnert sie sich: "Lass uns ein neues Land gründen, sagte ich zu Martin - wollte ich zu Martin sagen. Ein kleines, schlankes, fast unsichtbares Land. Wir müssen ein neues Land gründen! Unser Land. Bitte. Mit einem Tisch und zwei Stühlen, einem Bett und einem Schrank. Wir brauchen nichts mehr, wir haben uns gegenseitig. Ihre letztendliche Erkenntnis und Akzeptanz dessen, dass es kein Land gibt, in dem ihre Liebe uneingeschränkt hätte gedeihen können, ist hart erarbeitet. Erin Palombis Übersetzung geht besonders einfühlsam mit den Anfällen und Anfängen von Nadjas besessenem Nachdenken über die Quelle des Niedergangs ihrer Beziehung um: "Wir hatten die halbe Nacht am Küchentisch gesessen und gestritten. . . . Über München, über den Mann mit dem Schnurrbart, über alles, über nichts. Über unser Nichts. Kein bisschen abstrakt: ganz konkret. Dein Nichts. Es hatte alles mit dem Mann mit dem Schnurrbart begonnen. Nein, es hatte alles mit dem Mann mit dem Schnurrbart geendet. Das Ende hatte begonnen. Wahrscheinlich.

"Die Jury wählte einstimmig den Beitrag von Erin Palombi für ihre fließende Darstellung von innerem Monolog und Dialog sowie ihr fein abgestimmtes Gespür für Modulationen in Stimmung und Ton aus."



Sie können die preisgekrönte Übersetzung von Erin Palombi hier lesen:
 

Über ERIN PALOMBI

Amanda Olson © Alexis Ainsworth Erin Palombi absolvierte das College of Wooster mit einem B.A. in Germanistik. Ein Jahr lang studierte sie in Freiburg im Breisgau und ein weiteres Jahr als Fulbright English Teaching Assistant bei Zittau. Sie besitzt ein Advanced Certificate in Literary Translation von der University of Rochester, wo sie in Zusammenarbeit mit der L. Jeffrey Selznick School einen M.A. in Englisch mit Schwerpunkt Film- und Medienkonservierung erwarb. Derzeit arbeitet sie als Warner Bros. Technikerin im Bereich Bewegtbild der Library of Congress. Ihre jüngste freiberufliche Tätigkeit umfasst die Übersetzung von Zwischentiteln für zwei Stummfilme und ein Originaldrehbuch für ein Filmrestaurierungsprojekt. Sie lebt in Charlottesville, Virginia.