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Ausgesprochen … gesellig
Sprache, Wissenschaft, Kunst – und ich

Mädchen hinter einem Buch
Sie guckt irritierend oft zu mir | Foto (detail): Johnny McClung auf Unsplash

Beobachtungen in der Bibliothek: Rundum sitzen Menschen – sie arbeiten oder sie lernen. Eine Schülerin blickt auffällig oft herüber. Warum?

Von Maximilian Buddenbohm

Ich gehe in die öffentliche Bücherei. Ich setze mich in die Cafeteria, und denke mir, was ich auch sehen werde, das wird die nächste Kolumne. Auch als Autor kann man den Beruf sportlich sehen! Los geht es. 

Sie lernt Deutsch

Neben mir sitzen eine junge Frau und ein älterer Herr. Sie ist arabischer Herkunft, das schließe ich aus den Lehrbüchern auf dem Tisch. Sie lernt Deutsch, wie ich den Titeln entnehmen kann, und sie lernt es wohl bei dem Herrn ihr gegenüber. Sie redet schnell, nein, sie möchte schnell reden, es fehlen aber einige Wörter und Wendungen. Das ärgert sie, ihre lebhafte Gestik füllt die Lücken in den Sätzen energisch aus. Der Herr sieht aus wie ein Deutschlehrer in Pension, Tweedsakko mit Lederflicken an den Ärmeln, der klischeemäßige Look. Interessant finde ich, wie er sich freut. Er lächelt die junge Frau ausgesprochen gütig und wohlwollend an, er scheint sich in der vermutlich ehrenamtlichen Situation so wohl zu fühlen, dass ich unwillkürlich denke, wenn mich die Lehrer damals bloß so angesehen hätten – die Schule wäre viel schöner gewesen. Aber gut, als Kind hatte ich leider kein großes Interesse am Unterricht, anders als diese junge Frau da, die so engagiert wirkt, wie ich es vielleicht niemals war. Ein Sprachlernteam wie aus dem Bilderbuch also. Was gibt es noch?
 
Auf der anderen Seite ein weiteres Fachgebiet, die Aufzeichnungen vor ihnen sehen nach technischen oder mathematischen Problemen aus, nach Raketenwissenschaften oder dergleichen. Ich verstehe davon nichts, für mich ist das nur Formelgewirr. Auch hier ist die Frau der lernende Part, neben ihr sitzt ein Mann in ihrem Alter, der aber weiter als sie ist, vielleicht schon Lehrer oder Professor. Sie wirkt etwas aufgeregt und bemüht, er wirkt entspannt und routiniert. Sie zeigt ihre Aufzeichnungen vor und berichtet. Etwas eilig macht sie das, es ist viel Material. Er unterbricht sie irgendwann und sagt freundlich: „Das ist alles langweilig. Zeig mir das, was unlösbar ist.“ Und dann zeigt sie etwas und er grinst und nickt. 

Ich gucke beruflich 

Zwei Tische weiter eine Schülerin. Ich schätze jedenfalls, dass sie Schülerin ist, kurz vor dem Abitur vielleicht. Sie hat einen Block vor sich und ein Notebook, sie schreibt mit der Hand und tippt manchmal etwas und guckt irritierend oft zu mir, aber gut, ich gucke ja auch zu ihr. Ich gucke allerdings beruflich, denn ich schreibe hier über Menschen, warum aber guckt sie? Es dauert, bis ich das durchschaue. Sie schreibt gar nicht, sie zeichnet, und ich sitze im Bild. Oder bin ich das Bild? Der Verdacht drängt sich mir allmählich auf. Das ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn man gezeichnet wird, und unverständlich ist es auch. Um mich herum sitzen doch genug Menschen, die besser aussehen als ich. Ich sehe eher schwierig aus, denke ich. Aber vielleicht zeichnet sie mich deswegen – ich bin eine Herausforderung, an der sie zu lernen versucht. Toll, so kommt man auch einmal zur Sinnfindung!
 
Das ist es jedenfalls, was ich an der Bücherei so liebe. Um mich herum Sprache, Wissenschaft und Kunst, dazu gibt es Kaffee und Kuchen und für heute auch noch die Erkenntnis: Wer sich hier zwischen die lernenden Menschen setzt, der löst entweder Probleme – oder er ist eines.

 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Qin Liwen, Dominic Otiang’a und Gerasimos Bekas. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen. 

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