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Ausgesprochen … gesellig
Erinnerung, Ekel und Gewöhnung – Beobachtungen im Lockdown

Mädchen, das sich vor Schreck ins Gesicht fasst
Oh Schreck! Hände im Gesicht!!! | Foto (Detail): Wolfgang Weinhäupl; © picture alliance/Westend61

Wie kann ein Treppengeländer Ekel auslösen? Was ist bemerkenswert an einem Stau? Warum ist, was kürzlich noch eine Slapsticknummer gewesen wäre, heute normal? – Was der Corona-Alltag verändert.

Von Maximilian Buddenbohm

Auf einer Treppe im Bahnhof geht ein Mann zu den Gleisen hinunter. Es ist auf den ersten Blick zu erkennen, dass er betrunken ist. Das fällt im Bahnhof normalerweise nicht weiter auf, aber normal ist nur wenig in letzter Zeit und wo bitte soll es noch Partys geben, auf denen man sich betrinken könnte? Hat der sich alleine betrunken? Wenn man jetzt Betrunkene sieht, man kommt auf Fragen, die man sich früher nie gestellt hat. Der Mann macht etwas, das man neuerdings nicht mehr macht, er hält sich mit einer bloßen Hand am Treppengeländer fest. So stolpert er gefährlich schwankend die Treppe hinunter, dann macht er kurz Pause, lässt das Geländer los und fährt sich mit der Hand durchs Gesicht. Er wischt sich die Nase und reibt sich gähnend die Augen.

Hand am Gesicht – Ekelproblem

Einige wenige Menschen auf dem Bahnsteig beobachten ihn dabei. Es gibt im ansonsten fast menschenleeren Bahnhof nicht viel Bewegung, da guckt man eben, wer kommt. Interessant daran ist, welche Gesichtsausdrücke es nun zu sehen gibt. Denn die Mimik zeigt recht klar Formen von Ekel und Entsetzen, als die Wartenden die Hand da am Gesicht sehen, die Hand, die gerade eben noch am Treppengeländer war. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, dass diese Menschen sich seit Wochen intensiv bemühen, draußen möglichst überhaupt nichts mehr anzufassen und sich selbst um Gottes willen nicht mehr ins Gesicht. Das beten sich alle immer wieder vor, fass bloß nichts an, nimm die Hände aus dem Gesicht. Da das aber ziemlich schwer ist, sagt man es oft, man sagt es zu sich und zu anderen, wieder und wieder sagt man es besonders den Kindern. Und dann steht da also einer und macht es so dermaßen falsch – es tut wirklich schon beim Zusehen weh und so gucken auch alle. Aber es ist nicht lange her, einige Wochen nur, da hätte der betrunkene Mann, um eine so angewiderte Reaktion hervorzurufen, noch auf der Treppe kotzen müssen. So schnell verschiebt sich so etwas.

Ein Bus mit Motorschaden 

Eine Winzigkeit am Morgen. Da hat ein Bus ein Motorproblem und blockiert die Straße. Es ist eine Straße, die früher als viel befahren galt, als noch viele Menschen dauernd irgendwo hingefahren sind, zur Arbeit, zur Uni, zum Einkaufen. Die Stadt ist aber coronaruhig geworden, es fahren nur noch sehr wenige Menschen mit dem Auto. Die bleiben jetzt unweigerlich nach und nach hinter dem Bus stehen. Es bildet sich eine Autoschlange, die immer länger wird, denn der Bus hat wohl ein größeres Problem. Ein Pärchen steht am Straßenrand und guckt sich das an, er sagt grinsend zu ihr: „Ach guck mal, ein Stau“, und es klingt amüsiert und ein Hauch von Wehmut liegt auch darin. Das Bild des Staus erinnert natürlich an die Zeit vor dem Virus. Da war das hier die Stauhauptstadt Deutschlands, so konnte man es manchmal in den Zeitungen lesen, da gab es hier so viel Verkehr, es war jedem zu viel. Aber auch das wirkt so, als sei es schon endlos lange her. So schnell wird Erinnerung süß. 

Ellenbogencheck

Noch eine andere Szene, vor einem Polizeirevier. Da treffen sich etwa zehn Polizisten, vermutlich zum Beginn einer Schicht. Da man sich seit Corona kategorisch nicht mehr die Hand gibt, begrüßen sie sich mit dem Elbow-Bump, für den sich im Deutschen wohl der Begriff Ellenbogencheck durchsetzen wird. Vermutlich war es bei der Polizei bisher üblich, dass sich alle immer per Handschlag begrüßt haben, jedenfalls machen sie das mit den Elbow-Bumps nicht nachlässig und nebenbei, sondern sorgfältig und ganz sicher jeder mit jedem und durchaus ernst. Da ist keine Spur von Selbstironie dabei, die machen da nicht lustig etwas nach, was sie auf Youtube gesehen haben. Nein, das gehört jetzt so und dann berührt bitte jeder rechte Ellenbogen einmal den aller anderen. Und obwohl das vor einem Monat noch eine Szene in einem Sketch hätte sein können, so dermaßen albern sieht das aus, gehen jetzt mehrere Passanten daran vorbei und beachten die Szene nicht weiter, gucken nicht hin, drehen sich nicht um. So schnell gewöhnt man sich an so etwas. 
 
So schnell gewöhnt man sich an fast alles.
 

 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Qin Liwen, Dominic Otiang’a und Gerasimos Bekas. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen. 

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