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Ausgesprochen … gesellig
Das Komplikationsparadox

Eisverkaufer mit Mund-Nasen-Schutz in der Corona-Krise in einem Eiscafé
Im Eiscafé: Mundschutz, Handschuhe, neue Regeln beim Anstehen | picture alliance / SZ Photo | Florian Peljak

Neue Regeln und Abläufe machen alles komplizierter – zum Beispiel wenn man ein Eis kaufen möchte. Andererseits: Könnte es nicht auch ganz einfach sein?

Von Maximilian Buddenbohm

Früher hat man sich einfach ein Eis gekauft. Der schwierigste Teil war dabei die Wahl der Sorte, der Rest lief von selbst. Heute ist alles kompliziert und an den Fenstern des Eiscafés hängen Zettel, die man besser genau durchliest, bevor man hineingeht. Muss man einen Mundschutz tragen, wie viele Personen dürfen gleichzeitig rein, gibt es Eis nur zum Mitnehmen oder kann man sich auch hinsetzen, es werden einem Prozessschritte erklärt, über die man als Kind zuletzt nachgedacht hat, damals, als man zum ersten Mal alleine ein Eis gekauft und bei der Bestellung vor Aufregung gestottert hat. Wenn man die neuen Anweisungen alle befolgt, dann hat man nach erheblicher Wartezeit, alles dauert jetzt erheblich länger, endlich ein Eis. Vielleicht freut man sich dann ganz besonders, dieses Eis zu essen, weil es doch so kompliziert war, es zu bekommen. Die Freunde des Hier und Jetzt lächeln an dieser Stelle und denken sich, dass das alles eine Übung ist, werden doch die kleinen Freuden im Alltag auf diese Art endlich genug gewürdigt. Schon schön!

Es nervt alles nur noch

Dummerweise hält diese Freude aber nur ein Eis lang. Danach hat man es ja verstanden, wie der Laden jetzt läuft, und es nervt alles nur noch. Das soll gefälligst schneller gehen und wer soll diese blöden Zettel im Fenster denn jeden Tag durchlesen? Für nur eine Kugel Eis? Deswegen gehen an Läden, bei denen wegen Corona etwas anders ist, einige Menschen nur kopfschüttelnd vorbei. Die haben genug von dem ganzen Zauber und können auch ohne Erdbeereis leben. Zumindest ein paar Wochen lang – und wenn sie keine Kinder haben.

Es gibt da eine Verbindung zum Camping. Wer einmal Camping gemacht hat, der weiß, dass dabei alles heillos kompliziert ist. Die einfachsten Verrichtungen des Alltags werden absurd umständlich. Man möchte sich eine Scheibe Brot schmieren, muss aber erst einen Tisch aufstellen, in drei Behältnissen nach Butter und Brot suchen, dann noch das Besteck finden, einen Platz aussuchen, an dem der Mix aus Sonne, Schatten, Wind und Ameisen stimmt, man muss auch überlegen, worauf man sitzen möchte. Wenn man das Brot endlich gegessen hat, trägt man Teller und Besteck über den halben Campingplatz, um sich in einer Schlange anzustellen und mit der Hand abzuwaschen. Und die ganze Zeit denkt man: „Ach schön, Urlaub!“ Falls Sie noch nie Camping gemacht haben: Man denkt das wirklich. Das ist gar nicht als Scherz gemeint, es klingt nur so. 

Alle sind sowieso beschäftigt

Das liegt an einem wunderbaren Paradox, es wird nämlich alles ganz einfach, wenn es irre kompliziert ist. Sie beschäftigen sich eine Stunde oder mehr mit ihrem Abendbrot und Sie machen dabei, was man eben machen muss und was auch alle anderen machen. Sie müssen nicht viel entscheiden. Sie können auch nicht viel Effizienz gewinnen oder sich von den Nachbarn abheben, das gehört alles genau so, wie es ist. Und die Stunde füllt sich wie von selbst mit völlig logischen Abläufen, langsam und Schrittchen für Schrittchen. Die nächste Stunde füllt sich auch so und die darauf ebenfalls – und Sie werden ruhiger und ruhiger. Besonders Familien kennen das, niemand muss beim Camping irgendwen beschäftigen, alle sind sowieso beschäftigt, mit den allersimpelsten Verrichtungen. Plötzlich ist eine Woche um. Sie packen Unmengen Zeug wieder ein, dafür brauchen Sie auch einen ganzen Tag, und es macht Ihnen nichts aus. Dann fahren Sie nach Hause und ärgern sich dort sofort, von der ersten Minute an, über alles, was nicht schnell genug geht.

Und was lernen wir daraus? Überhaupt nichts. Die lange Schlange im Eiscafé ist mittlerweile vorgerückt, ich bin gleich als Nächster dran und muss über die Eissorte nachdenken. Dringend. Ich habe gar keine Zeit, hier irgendwas zu lernen.
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Qin Liwen, Dominic Otiang’a und Gerasimos Bekas. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen. 

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