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Ausgesprochen ... integriert
Die Banalität der Freiheit

Der Nachtklub Pascha im Kölner Rotlichtviertel in der Hornstraße
Der Nachtklub Pascha im Kölner Rotlichtviertel in der Hornstraße. Der Pascha ist eines der größten Bordelle in Europa und hatte vor kurzem Insolvenz angemeldet. | Foto (Detail): Christoph Hardt © picture alliance / Geisler-Fotopress

Zur Vermeidung eines Kulturschocks müssen wir uns einer grundlegenden Tatsache bewusst sein: andere Länder, andere Sitten. Aber das ist womöglich leichter gesagt als getan, wie der kenianische Autor Dominic Otiang’a zu bedenken gibt.

Von Dominic Owour Otiang’a

Wenn man sich von einer Gesellschaft in eine andere begibt, kommt es manchmal vor, dass das, was als normal, moralisch oder richtig gilt, nicht von den Gesetzen des jeweiligen Ortes, sondern von unserer Wahrnehmung geprägt ist. Die meisten Deutschlandbesucher werden dir sagen, dass Prostitution hier als Beruf wie jeder andere eingestuft wird. Ja, sie ist legal! Was mich allerdings verwirrte, war ein Fall, bei dem eine Deutsche einer anderen mit einer Klage drohte, weil diese gesagt hatte, sie sei gekleidet wie eine Prostituierte. Ich meine, ich würde niemanden verklagen, der gesagt hat, ich sei angezogen wie ein Bauer, es sei denn, Ackerbau gälte als höchst unmoralisch. So war mein Interesse an den entsprechenden Statistiken und der gesamten Jurisprudenz im Zusammenhang mit Prostitution in Deutschland geweckt. 

Bei dem Versuch, zu einem Verständnis dieser Gesetze zu gelangen, stieß ich auf John Stuart Mill, der sagte: „Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr. Und wenn der Narr oder das Schwein anderer Ansicht sind, dann deshalb, weil sie nur die eine Seite der Angelegenheit kennen.“ Das klingt wie eine ausgesuchte Beleidigung, abgesehen von der Tatsache, dass es Verständlichkeit als Mittel zur Freiheit zu begreifen sucht. Ich kann mich in der Knechtschaft frei und wohl fühlen, aber ich würde dennoch zu den vielen gehören, die Harriet Tubman außen vor ließ, als sie Tausende aus der Knechtschaft befreite, weil ich nur meine Seite der Angelegenheit kenne.

Der Fall der Lady B

Um beide Seiten der Medaille zu verstehen, verfolgte ich den Fall einer Afrikanerin, die wir Lady B nennen wollen. Sie verlor ihre Eltern im zarten Alter von zwölf Jahren. Ihr Wunsch, mit ihren Geschwistern als Familie zusammenzubleiben, wurde in einer frauenfeindlichen Gesellschaft von einer Flut von Problemen vereitelt. Damals begann auch ihre Prostitutionslaufbahn. Später zog sie als junge Erwachsene nach Europa, wo sie auf strenge Einwanderungsgesetze stieß und bald sexuellen Ausbeutern ausgeliefert war, die versprachen, „die Sache zu regeln“. Das war ihr Debüt in der europäischen Prostitutionsszene.
 
Natürlich sind wir rationale und autonome Wesen, die sich frei entscheiden können. Wenn die Menschenwürde respektiert und geschützt werden soll, muss auch unsere Autonomie respektiert werden. Aber Lady B stieß in ihrer Entscheidungsfreiheit auf Hindernisse und in Immanuel Kants Denkmodell ist Freiheit die Abwesenheit von Hindernissen, das zu erreichen, was wir wollen. Nun, ich würde sagen, dass es Lady B freisteht, sich einen anderen Job zu suchen, aber diese Haltung würde bedeuten, dass ich elementare Rätsel noch nicht gelöst habe, darunter die Frage, warum rationale und vernünftige Bürger*innen mit der Fähigkeit, selbstständig zu entscheiden, welchen Job sie annehmen und welchen sie aufgeben, trotzdem wollen, dass ihr Staat Schutzgesetze beispielsweise zum Mindestlohn erlässt.

Hinunterzufallen war keine Entscheidung

Ihr Waisendasein und eine turbulente Kindheit waren die Ellbogen, die Lady B in den Abgrund stießen, und hinunterzufallen war keine Entscheidung, sondern eine logische Konsequenz. Lady B ist Teil einer größeren Statistik. Bis Ende 2019 zählte das Statistische Bundesamt (Destatis) etwa 40.000 registrierte Prostituierte; 80 Prozent von ihnen waren Ausländer*innen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die übrigen 20 Prozent in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes – Menschenrechte für die Frau e. V. zufolge stammen die 80 Prozent hauptsächlich aus „ärmeren osteuropäischen Ländern“ und selbst in diesen Ländern hauptsächlich aus benachteiligten Minderheiten. 

Nordisches Modell und deutsche Gesetze

Während die Prostitutionsgesetze in Schweden eine asymmetrische Form der Entkriminalisierung angenommen haben, bei der der Käufer als „sexueller Ausbeuter“ und die Anbieterin als Opfer sexueller Ausbeutung gilt (Nordisches Modell), begreifen die deutschen Prostitutionsgesetze den Käufer als Kunden und die Anbieterin als Geschäftsfrau. Eine Personifizierung der Gesetze der beiden Länder kann dabei helfen, zu verstehen, wie eigentümlich unterschiedlich sie sind. Wenn man die deutschen Gesetze durch schwedische Augen betrachtet, sähe man einen reichen Mann irgendwo im Okzident in einem großen Haus mit mehreren Zimmern, in denen die Töchter seiner ärmsten und am stärksten benachteiligten Nachbar*innen mit Geld geködert und von seinen Söhnen und männlichen Besuchern aus der Nachbarschaft und weit darüber hinaus ausgebeutet werden.
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Dominic Otiang’a, Aya Jaff, Maximilian Buddenbohm und Magrita Tsomou. Dominic Otiang’a schreibt über sein Leben in Deutschland: Was fällt ihm auf, was ist fremd, wo ergaben sich interessante Einsichten?

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