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Ausgesprochen … gesellig
Am frühen Abend durch die Stadt

In der Hamburger Innenstadt stehen Menschen in einer Schlange bei einem Geschäft an
Die kauflustigen Menschen stehen in langen Schlangen vor den Geschäften | Foto (Detail): Bodo Marks; © picture alliance/dpa

Unser Autor Maximilian Buddenbohm geht durch die Straßen und beobachtet zwei Szenen. Was haben diese Szenen gemeinsam?

Von Maximilian Buddenbohm

Ich gehe am frühen Abend durch die Stadt. Das Viertel, in dem ich wohne, ist viel dunkler, ruhiger und leerer als sonst. Die Restaurants und Cafés und Kneipen sind alle seit Wochen geschlossen und werden es auch noch lange bleiben, das liegt an den Corona-Regeln. In einer Kneipe steht eine Frau hinter dem Tresen. Sie ist alleine in dem halbdunklen Raum. Sie stützt sich mit beiden Händen dort auf, wo sonst die Getränke für die Gäste stehen würden und sie guckt zum Fenster, an dem ich vorbeigehe, und zur Tür, durch die niemand kommt. Vielleicht ist es die Inhaberin der Kneipe, das kann man sich gut vorstellen. Sie hat so eine Ausstrahlung, doch, das wird die Chefin sein. Vielleicht denkt sie darüber nach, wie lange sie diese Kneipe noch halten kann und rechnet gerade im Kopf etwas nach und schätzt ab. Vielleicht ist es aber auch ganz anders. Was weiß man schon, wenn man nur vorbei geht und kurz guckt. Das ist keine Recherche, das ist nur ein Eindruck. Aber das Bild passt so gut, wie sie da ohne Gäste unbewegt steht und ernst guckt. Ein trauriges und ruhiges Bild ist das, es ist coronamelancholisch.
 
Man könnte mit genau diesem Bildausschnitt einen Teil der abendlichen Nachrichtensendung im Fernsehen unterlegen, so wirken sich die Regeln gerade aus. Das würden alle verstehen.

In den Schlangen stehen die Menschen dicht an dicht

Ich gehe weiter, ich komme in die großen Fußgängerzonen. Da findet heute eine Rabattschlacht statt, es ist der Black Friday. An den Fenstern der Kaufhäuser kleben Plakate mit Prozentzeichen und die Straßen sind voll, wie ich es seit dem März nicht mehr erlebt habe. Sie sind brechend voll. Nur auf dem Rathausmarkt, auf dem in anderen Jahren jetzt der Weihnachtsmarkt stattfinden würde, ist gar nichts. Wenn ich mich in die Mitte dieses Platzes stelle, habe ich nach allen Seiten reichlich Abstand zu anderen Menschen, sonst wohl nirgendwo in der Innenstadt. Da die Geschäfte nur eine begrenzte Anzahl Personen hineinlassen dürfen, stehen die kauflustigen Menschen in langen Schlangen vor den Eingängen an. Vor manchen Läden wartet man sicher eine halbe Stunde oder mehr. In den Schlangen stehen die Menschen dicht an dicht und nicht alle tragen Masken, längst nicht alle. Die Passanten, die an den Wartenden vorbei wollen, schieben sich durch die Schlangen, der Fußgängerverkehr verknäuelt sich. Vor einem Geschäft für sportliche Mode bittet jemand von einem Sicherheitsdienst gerade die Menschen, doch bitte die Abstände einzuhalten, er macht das sehr freundlich. Er zeigt auf die weißen Striche auf dem Boden, auf die niemand achtet. Die Leute in der Schlange rücken gutmütig einige Zentimeter auseinander. Dann aber gleich wieder zusammen, denn von hinten schieben sie nach. Eine Gruppe von acht, zehn Leuten hat die Arme jeweils auf die Schultern der Wartenden vor ihnen gelegt, sie spielen Polonaise und an guter Stimmung ist hier sicher kein Mangel.
 
Weil die Restaurants geschlossen haben, gibt es Getränke und Essen in der ganzen Stadt nur noch zum Mitnehmen. Es ist ein kalter Abend, die Leute in den Schlangen trinken heiße Getränke und essen Burger und Pizza und Sandwiches. Die Mülleimer an den Straßenecken laufen längst über. Man sieht sie teils gar nicht mehr, sie sind begraben unter Unmengen Verpackungsmüll und die Berge werden immer noch höher. Jemand tritt in einen dieser Pappbecherberge, wie ein Kind in einen Haufen Herbstlaub tritt. Die Becher fliegen und rollen weit und er lacht laut auf und sieht nicht, dass hinter ihm gerade ein Polizeiwagen hält, worüber wiederum die Menschen um ihn herum lachen.
 
Man könnte mit genau diesem Bildausschnitt einen Teil der abendlichen Nachrichtensendung im Fernsehen unterlegen, so wirken sich die Regeln gerade aus. Und das würden auch alle verstehen.
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Aya Jaff, Dominic Otiang’a und Magrita Tsomou. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen. 

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