Filmarchiv Beyond Arthouse

Filmrolle
Filmrolle | Foto: Loredana LaRocca

Das Goethe-Institut erwarb sich in den siebziger Jahren seine Meriten, indem es den Neuen Deutschen Film bekannt machte. Heute ergänzt es deutsche Filmgeschichte um neue Kapitel.

Es kommt nicht oft vor, dass sich ein deutscher Film in die nordamerikanischen Kinos verirrt. Aber es kommt vor. In den letzten Jahren war das etwa mit Wim Wenders’ Dokumentarfilm „Pina“ der Fall, danach lief Christian Petzolds „Barbara“ mit einigem Erfolg im Kino, und jetzt, im Mai 2013, läuft wieder ein deutscher Film in ausgewählten Kinos an. Die Rede ist von Margarethe von Trottas „Hannah Arendt“, der erstmals letzten Herbst beim TIFF in Toronto lief und dann auch auf dem Jewish Film Festival in New York gezeigt wurde. Und eben hat die Hauptdarstellerin Barbara Sukowa auch den Deutschen Filmpreis für die beste Hauptrolle gewonnen.Das Goethe-Institut begleitet solche Premieren, etwa indem es die Regisseure und/oder Schauspieler zu Publikumsgesprächen einlädt. So geschah es in Toronto und New York mit Margarethe von Trotta, die seit Jahrzehnten viele Freunde und Bewunderer in Nordamerika hat. „Hannah Arendt“, das zeigte sich schon bei den Premieren, wird seinen Weg zum amerikanischen Publikum finden. Der Film hat alles, was man hierzulande von einem deutschen Film erwartet: er ist ernsthaft, klug, ja „tief“, und er sucht die Auseinandersetzung mit Deutschlands historischer Last. Wenn da noch so wunderbare Schauspielerinnen wie Barbara Sukowa mitspielen, kann man einem Film wie „Hannah Arendt“ eine lange Lebenszeit in den USA vorhersagen.

Aber dann gibt es noch andere Filme, die vielleicht nicht schlechter sind, die aber nicht den Weg ins amerikanische Kino finden. Den Deutschen Filmpreis 2013 gewann Jan-Ole Gersters Debütfilm „Oh Boy“. Das Goethe-Institut präsentierte ihn zusammen mit German Films im New Yorker MoMA im Rahmen des jährlichen Mini-Festivals „Kino“. Andere Goethe-Institute haben den Film in diesem Frühjahr ebenfalls im Programm, zusammen mit anderen neuen, in Amerika vielleicht unterschätzten Filmen aus Deutschland. Bei alledem geht es nicht nur darum, die Filme zu zeigen, sondern sie ins Gespräch zu bringen, ihnen Türen zum amerikanischen Publikum zu öffnen. Eine besonders gute Plattform dafür bieten die großen Filmfestivals „Berlin and Beyond“ (San Francisco) und „German Currents“ (Los Angeles), die das Goethe-Institut jedes Jahr an der US-Westküste veranstaltet. Wer sich einen Überblick über die aktuelle Filmproduktion in Deutschland oder den Zugang zu ausgewählten Themen und Regisseuren verschaffen will, wird hier reicht bedient.

Es geht aber im Goethe-Institut nie nur um das aktuelle Filmgeschehen, und ebenso wenig auf jenen Ausschnitt heutigen Filmschaffens, den man gern als „Arthouse“ bezeichnet. Arthouse spielt immer noch eine Rolle und wird sie auch weiter spielen, vor allem da, wo es um die historische Perspektive geht. Das Goethe-Institut erwarb sich in den siebziger Jahren seine Meriten, indem es den Neuen Deutschen Film (Fassbinder, Herzog, Kluge, Schlöndorff, Reitz, Wenders und andere) bekannt macht. Es fühlt sich noch immer zuständig für die ganze Breite der deutschen Filmgeschichte und es ergänzt sie um neue Kapitel. Zuletzt geschah das mit der vom Goethe-Institut Boston initiierten Retrospektive von Werner Schroeter, die im MoMA und bei anderen amerikanischen Partnern ebenso wie in der Presse große Aufmerksamkeit fand.

Auch wenn man um die Zukunft von Arthouse nicht bange sein muss, lässt sich andererseits konstatieren: der Film, oder wie man jetzt gerne sagt, das Bewegtbild findet nicht unbedingt im Kino statt. Und noch etwas: der Spielfim hat starke Konkurrenz vom ehemals kleineren Bruder, dem Dokumentarfilm, bekommen. Die Zahl der Dokumentarfilme im Kino steigt, während gleichzeitig der Anteil der Kinofilme an allem, was man heute gern „Bewegtbild“ nennt, sinkt. Filme sind überall, vor allem natürlich im Fernsehen, und zwar vor allem als Serie (ein Feld, auf dem Deutschland eher ein Entwicklungsland ist). Manches spricht dafür, dass die Zukunft der filmischen Erzählens genau hier erkennbar ist und nicht etwa in Hollywood oder beim europäischen Autorenfilm (Ausnahmen bestätigen die Regel). Jenseits des Erzählfilms gibt es etwas, das man mangels eines besseren Begriffs als Video- oder Medienkunst bezeichnet. Wenn wir heute etwa die Kasseler „Documenta“ oder irgendeine Biennale besuchen, dann sind wahrscheinlich ein Viertel der dort gezeigten Arbeiten Filme. Nicht nur Kurzfilme, nicht nur Filmessays oder andere Experimente, sondern zunehmend kinofähige Langfilme, die aber nicht von der Filmindustrie produziert und finanziert sind, sondern möglicherweise von Galerien. Film ist ein Subgenre der Visual Arts geworden, oder anders: die Bildende Kunst, die mächtigste der zeitgenössischen Kunstgattungen, hat den Film in Teilen eingemeindet, zu seinem Vorteil oder Nachteil. Während selbst hochgelobte Autorenfilmer an der Kinokasse scheitern, kann man bei fast 800.000 Documenta-Besuchern 2012 davon ausgehen, dass ein dort gezeigter Film ein Publikum dieser Größenordnung erreicht hat.

Das Goethe-Institut kann sich die Filme, die es zeigen will, aussuchen. Was es nicht kann, ist aus einem weniger guten Filmjahrgang einen guten machen. Auf jeden Fall möchte es aber die Vielfalt heutiger Umgänge mit dem Medium Film in seinen Programmen spiegeln. Das Material dafür geht, auch dank des eigenen Filmarchivs, nie aus.