Aktivismus in Washington D.C. Der große Klimamarsch

Klimamarsch
Foto: Rachel Pollak

Die Versammlung tausender Aktivisten ist zu einer wöchentlichen Routine geworden: Nach 100 Tagen unter einer neuen Regierung ist die Klima-Ungerechtigkeit das große Thema.

Für viele Menschen aus Washington D.C. gehört der Aktivismus bereits zum normalen Wochenprogramm. Am Samstag, dem 29. April 2017, versammelten sich Tausende von Menschen in der Innenstadt von Washington D.C. zum People’s Climate March („Klimamarsch“). Eine ähnlich große Menschenmenge hatte sich eine Woche vorher bereits zum March For Science („Protestmarsch für die Wissenschaft“) zusammengeschlossen.
 
Während der March For Science ein Zeichen für die Wissenschaft setzen und deren elementare Bedeutung für die Zukunftsgestaltung verdeutlichen wollte, folgte der People’s Climate March einer allgemeineren Mission: Man wollte zeigen, dass jeder Einzelne etwas gegen soziale, wirtschaftliche und klimabezogene Ungerechtigkeit tun kann.
 
Beim Climate March gingen über 200.000 Menschen auf die Straße. Die meisten kamen aus Washington D.C., viele reisten jedoch eigens für die Demonstration in die US-Hauptstadt. Große und kleine Plakate prägten das Straßenbild, Künstler verschenkten selbstgefertigte Drucke, und Klimaschutzverbände verteilten Schilder an alle, die keine mitgebracht hatten.
 
Die Demo war ein richtiges Familienereignis. Kinder wurden in Wagen mitgenommen. Schirme boten Schutz vor der Hitze. Viele Kinder hielten selbst gebastelte Schilder in der Hand und lutschten dabei ein Eis am Stiel. Und immer wieder war auf den Bannern derselbe Spruch zu lesen: There Is No Planet B („Wir haben nur diese eine Erde“).
 
Jede einzelne Sektion des Marschs wurde von aufwendig gestalteten Wagen und Transparenten angeführt. Die einzelnen Gruppierungen repräsentierten unterschiedliche Interessensgemeinschaften, die allesamt mit dem Thema Klimaschutz auf irgendeine Art und Weise in Verbindung stehen und verschiedenste Anliegen zur Sprache brachten.
 
Durch dieses organisatorische Grundkonzept unterschied sich die Veranstaltung von den vielen anderen Demonstrationen, die 2017 bereits stattgefunden haben. Die Macher konnten hier die unmittelbaren Folgen der klimapolitischen Ungerechtigkeit und ihre Folgen für den Alltag der Menschen sehr anschaulich darstellen. Unter den Klima-Aktivisten waren auch zahlreiche Prominente. So marschierte etwa Leonardo DiCaprio Seite an Seite mit Führern indigener Gruppen und Ureinwohnern, und auch der ehemalige Vizepräsident Al Gore und die als „Little Miss Flint“ bekannte Aktivistin Mari Copeny nahmen an der Demonstration teil.
 
Zahlreiche freiwillige Helfer und Mitarbeiter formten eine Menschenkette um die Blocks voller Demonstrierender und bildeten damit eine pulsierende menschliche Blase. Angeführt wurde der Marsch von den Protectors Of Justice, („Beschützern der Gerechtigkeit“), einem Zusammenschluss von indigenen Gruppen und an vorderster Front kämpfenden Umwelt- und Klimaschutzaktivisten. Danach kamen die Creators Of Sanctuary („Einrichter von Zufluchtsorten”): Zuwanderer, Vertreter der LGBTQI Gemeinschaft (lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, transsexuelle, intersexuelle und queere Menschen) sowie Tafeln und Obdachloseneinrichtungen. Ihnen folgten die Builders Of Democracy („Schöpfer der Demokratie“), zu denen Labour-Gruppierungen und Wahlrechtsorganisationen gehörten, die sich für die Rechte von Arbeitern und das Wahlrecht im Allgemeinen einsetzen, um damit Demokratie zu stützen und zu stärken. Bei den Guardians Of The Future („Wächtern der Zukunft”) marschierten Familien, Jugendliche und ältere Menschen mit, gefolgt von den Defenders Of Truth („Verteidiger der Wahrheit“), zu denen sich Wissenschaftler und Pädagogen zählten. Die Keepers Of Faith („Bewahrer des Glaubens”) bestanden aus religiösen und religionsübergreifenden Gruppen; die Reshapers Of Power („Umgestalter der Macht”) demonstrierten gegen Großkonzerne, Atomenergie und fossile Brennstoffe und verschafften sich mit ihren Forderungen nach erneuerbarer Energie lautstark Gehör. Am Ende der Menge befand sich die Formation Many Struggles, One Home („Viele Kämpfe, ein Zuhause”), in der auch noch zahlreiche weitere Aktivisten und Umweltschützer für den Umwelt- und Klimaschutz demonstrierten.
 
Zu dem Zeitpunkt, als die Demonstration am Weißen Haus vorbeimarschiert war und die einzelnen Gruppen wieder zurück in Richtung Washington Monument liefen, zeigte das Thermometer bereits 32° C an. Höchste Zeit für die Teilnehmer, ihre Wasserflaschen aufzufüllen und sich auf dem Rasen zu versammeln. Hier stand der Nachmittag im Zeichen verschiedener Vorträge, Konzerte und Info-Aktionen zur Formierung neuer Bewegungen.
 
Am Tag des Climate March war Donald Trump genau 100 Tage im Amt. 99 Tage nach dem Women’s March, der weltweit über 600 Demonstrationen auf die Beine stellte, wurden die Sprechchöre entsprechend abgeändert. Aus Welcome to your first day, we will never go away („Willkommen zu Ihrem ersten Tag, wir werden hier nicht mehr weggehen”) wurde Welcome to your 100th day, resistance is here to stay („Willkommen zu Ihrem 100. Tag, wir werden unseren Widerstand nie aufgeben”).
 
Der Marsch war einer von vielen Demonstrationen, die ein klares Zeichen gegen die Regierung setzen wollen. Allerdings wurde der People’s Climate March bereits vor der Wahl Donald Trumps geplant und sollte unabhängig davon, wer im Oval Office sitzen würde, auf jeden Fall stattfinden.
 
Der erste Climate March wurde 2014 ins Leben gerufen und sollte Präsident Barack Obama zum Handeln in Sachen Klimawandel bewegen. Im darauffolgenden Jahr 2015 schlossen sich die USA formal dem Pariser Klimaabkommen an. Präsident Trump hat noch nicht verlauten lassen, ob die USA weiterhin Teil der von 195 Ländern unterzeichneten Vereinbarung bleiben werden. Egal, wie die Entscheidung  ausfallen wird, eines steht fest: In den USA und auf der ganzen Welt werden sich weiterhin Millionen Menschen für die wichtigen Umweltthemen unserer Zeit einsetzen: Ausstieg aus fossilen Brennstoffen, die Nutzung erneuerbarer Energiequellen, strengere Regelungen zum CO2-Ausstoß sowie die Förderung umweltfreundlicher Arbeitsplätze.
 
Die Klima-Ungerechtigkeit ist ein Thema, das weit über die Amtszeit eines einzelnen Präsidenten hinausgeht und uns wohl jahrhundertelang beschäftigen wird. Es ist also nicht davon auszugehen, dass das enorme Ausmaß an Aktivismus, das wir gerade erleben, in den nächsten Jahren wieder abebben wird.