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SHOAH: Weltweite Filmvorführung
Die Stimme auf dem Fluss

Simon Srebrnik (rechts) in 1977 auf dem Ner bei Chełmno, Polen | © The Criterion Collection
© The Criterion Collection

Claude Lanzmanns 9,5-stündiger Dokumentarfilm Shoah (1985) konfrontiert das Publikum mit den Geschichten von Überlebenden, Tätern und Umstehenden. Welchen Standpunkt sollten wir als Zuschauer 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz einnehmen?

Von Raleigh Joyner

„Er war dreizehneinhalb Jahre alt“, sagt einer der Befragten, dessen Stimme während der ersten Einstellung von Claude Lanzmanns 1985 uraufgeführtem Dokumentarfilm Shoah zu hören ist. Der Mann, ein polnischer Bauer, der am Ufer des Flusses Ner lebt, erinnert sich noch immer an den Gesang des jungen Simon Srebrnik, einem jüdischen Gefangenen im Vernichtungslager Chełmno. In unzähligen Nächten zwischen 1944 und 1945 musste der Junge Säcke mit verbrannten menschlichen Überresten mit dem Kahn vom Lager wegbringen und in den Fluss werfen. Flankiert von SS-Wachen sang Srebrnik während der Fahrt in dem kleinen Boot polnische Volkslieder. Im Gegenzug brachten ihm die Aufseher die preußischen Militärlieder ihrer Väter und Großväter bei. „Er sang sehr schön“, ergänzt ein anderer Zeitzeuge. „Und wir hörten ihn jede Nacht.“
 
Der 9,5-stündige Film beginnt mit dem nunmehr 47-jährigen Srebrnik, der in einem Kahn sitzt und die gleiche Strecke über den Ner gefahren wird, die er vor mehr als 33 Jahren selbst zurückgelegt hat. Srebrnik singt auf Polnisch von einem kleinen weißen Haus, das ihm in Erinnerung bleibe und von dem er jede Nacht träume. Das zyklische Lied mäandert dahin, während der Kahn sich immer weiter von der Kamera entfernt. Es bleibt offen, was genau den Gesang zum Verstummen bringt, aber er endet. Srebrnik setzt seinen Weg schweigend fort.
 
Die Flussreise hat in Religion, Literatur, Film und Mythologie seit langem eine symbolische Bedeutung. Sie steht für einen Wandel, oft einen Übergang von einem Begriff zu dessen diametralem Gegensatz. Für das Volk Israel symbolisierte der Jordan die Dichotomie von Knechtschaft und Freiheit. In der griechischen Mythologie stellte der Fluss Styx die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und dem Totenreich dar.

Doch der Fluss ist nicht nur Symbol einer Teilung. Der Fluss ist Schwellenzustand, Sein im Übergang, weder im Hier noch im Dort verortet. In Werner Herzogs Aguirre, der Zorn Gottes macht die Unberechenbarkeit des Amazonas die Vorstellungen der spanischen Konquistadoren von ihrer Zivilisation und der Vormachtstellung Europas zunichte. Und in Joseph Conrads Herz der Finsternis erstreckt sich Marlows Reise durch den Kongo auf der Suche nach Kurtz auf ein Niemandsland, das weder vernunftgeprägt noch irrsinnig, weder kultiviert noch unzivilisiert ist. In vielen volkstümlichen Überlieferungen ist dieser Grenzraum dort zu finden, wo der Schleier zwischen zwei Welten dünn ist, wo die Hemmnisse für Offenbarungen sinken. Dieser Raum ist frei von Winkelzügen und Performativität, lässt nur die Schattierungen und Grautöne zurück, die notwendig sind, um Wahrheit, Absurdität, Sinnlosigkeit und Grausamkeit ans Licht zu bringen.
 
Simon Srebrnik, von SS-Wachen umringt und von polnischen Bauern vom Flussufer aus belauscht, verbrachte jede Nacht in diesem Grenzraum. Im Schutz der Dunkelheit glitt der Kahn über das dunkle Gewässer, das zum Grab von Hunderttausenden werden sollte, die in Chełmno ermordet wurden. Srebrnik, der hatte zusehen müssen, wie sein Vater im Ghetto von Łódź getötet wurde und dessen Mutter in einem Lastwagen auf dem Weg nach Chełmno vergast worden war, wurde im Alter von nur 13 Jahren ein Handlanger des Totenreiches, Begleiter der sterblichen Überreste seiner Mitgefangenen. Srebrnik, ein Kind, bettete die Asche und Knochen Tausender auf dem Grund des Ner zur letzten Ruhe. Und während er das tat, drängten ihn die Wachen zum Singen, lauschten die Bauern verzückt. Schergen und Freie, von der Stimme des Gefangenen überwältigt? Wie das?
 
Was hat dieses skurrile Wechselspiel, dieses kurzzeitige Aussetzen der Ideen und Vorstellungen ermöglicht, die hinter der systematischen Vernichtung von Millionen Menschen standen? Wie konnte dieser Austausch während eines solch abscheulichen und entmenschlichten Auftrages stattfinden? Die Perversion des kindlichen Dranges der Wachen, Srebrnik ihre Lieder zu lehren, und ihr Verlangen, seine Lieder zu hören, die Bauern in der Ferne, die gebannt Nacht für Nacht zuhörten – für einen ahnungslosen Beobachter mag das wie ein Moment der Verbundenheit, der Überwindung der Feindseligkeit gewirkt haben, ein herzerwärmendes, freundliches Ereignis zwischen Gruppen, die Krieg und Missverständnisse, Vorurteil, Verzweiflung und Angst entzweit hatten. Man hätte glauben können, Nacht und Fluss vereint hätten die Mauern zum Einsturz gebracht.
 
Aber so war es nicht. Dieser Moment auf dem Ner, irgendwann zwischen den Tageslichtstunden, irgendwo zwischen Chełmno und dem Ort, wo die Säcke aus dem Krematorium ins Wasser geworfen werden, hat nichts Herzerwärmendes an sich. Bei den Tätern findet sich weder die geringste Spur von Menschlichkeit noch ein Verständnis für das Menschsein ihrer Opfer. Es ist ein Moment, in dem die absolute Sinnlosigkeit der Gräuel des Holocaust für diejenigen, die sie festhalten, nicht klarer sein könnte: ein jüdischer Junge, der in einem Kahn mit den sterblichen Überresten von Menschen den Fluss hinabrudert und auf seinem Weg Lieder mit den SS-Wachen austauscht. Die Wachen, die Srebrnik mit seinen Liedern unterhielt und die ihm die Lieder lehrten, die sie als Jungen kannten, die Umstehenden am Flussufer, die sich gern an Srebrniks Stimme erinnerten, obwohl sie Wissende waren (vielleicht wussten sie nicht, wohin der Kahn fuhr und was sich darauf befand, aber unwissend waren sie dennoch nicht) – es könnte keinen besseren Moment als diesen für diejenigen geben, die das Vermögen haben, sich der Sinnlosigkeit des Ganzen anzunähern und sie vollständig zu erfassen.
 
Die Dorfbewohner, die Srebrniks Stimme vom Flussufer aus vernahmen, sind fast alle längst tot. Doch wir, die wir Shoah sehen in der Dunkelheit des Kinos, diesem Ort zwischen den Welten, wir sind es nicht. Wir sind die, die nun zuhören müssen.

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