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Wolke 9
Alter, Liebe, Alltag

Filmstill aus „Wolke 9", Regie: Andreas Dresen, 2008
Inge (Ursula Werner) und Werner (Horst Rehberg) in „Wolke 9" | Courtesy of Music Box Films

Was, wenn sich die Ehefrau mit knapp siebzig in einen anderen verliebt? Andreas Dresens preisgekrönter Film erzählt unmittelbar und intensiv vom ehemaligen Osten Deutschlands und der akuten Gegenwart der Gefühle.

Von Frédéric Jaeger

Auch alte Menschen haben Körper. Sie schwitzen, sie strengen sich an, sie berühren einander. Die Zärtlichkeit, mit der Andreas Dresen in Wolke 9 auf eine Frau jenseits der sechzig und zwei Männer jenseits der siebzig schaut, ist spektakulär. Der Regisseur inszeniert die Körper seiner Figuren ohne Scham, rückt ihnen dicht auf die Pelle, zeigt sie im Alltag, beim Ausziehen, beim Waschen, beim Schlafen, beim Sex. Bei den Filmfestspielen von Cannes wurde der Film mit dem Prix Coup de Coeur, als „Favorit der Herzen“ ausgezeichnet. Dazu passt, dass bei allem Interesse für genaue Milieuschilderungen, die zum Markenzeichen des Regisseurs geworden sind, unmissverständlich eine Liebesgeschichte im Mittelpunkt steht. Auch alte Menschen können sich verlieben. Wolke 9 nimmt das ernst.
 
Inge ist 69, und es muss niemand sagen, damit man es merkt, sie wirkt wie ein kleines Mädchen. Ursula Werner spielt sie verschmitzt, neugierig und impulsiv. Mit vollem Körpereinsatz stapft sie durch die Stadt. Sanft und schüchtern wirkt Inge, als sie im Wohnzimmer von Karl (Horst Westphal) steht, ihrem 76-jährigen Kunden, dem die Änderungsschneiderin gerade die Hose gekürzt hat. Dass sie seit über 30 Jahren verheiratet ist und ein gemächliches Leben mit dem unwesentlich jüngeren Werner (Horst Rehberg) teilt, scheint sehr weit weg, als sie mit Karl zu flirten beginnt. Kurzerhand schlafen Inge und Karl miteinander, spontan auf dem Teppich.
 
Andreas Dresen ist heute der vermutlich bekannteste Regisseur, der seine Karriere in der DDR begann und nach der Wende in der BRD fortführen konnte. In seinen Filmen spielt diese Verortung im Osten eine merkliche, aber diskrete Rolle. Ohnehin ist das ganze Erlebnispanorama des alten Ehepaars in seiner Schlichtheit kaum zu übertreffen. Viel Zeit verbringen sie in den eigenen vier Wänden. Der tröpfelnde Kaffee pfeift durch die Filtermaschine, Werner sitzt in seinem kleinen Arbeitszimmer und hört Schallplatten mit den Geräuschen von Lokomotiven. Inges Tochter Petra hat eine für den ehemaligen Osten typische Datsche, ein kleines Wochenendhaus mit Garten. Dresen braucht nichts davon zu erklären, denn diese Orte sind das ganz normale Umfeld dieser so liebevollen wie bescheidenen Patchwork-familie.
 
In Wolke 9 ist alles an seinem Platz. Dass Andreas Dresen viel Erfahrung mit dokumentarischer Arbeit hat, spiegelt sich besonders in seiner Inszenierung von Details wider. Nichts ist ausschließlich Mittel zum Zweck, jedes Bild hat stets einen Fuß auf dem Boden der Tatsachen, atmet etwas von der Vergangenheit und der Gegenwart. Indem Kameramann Michael Hammon oft sehr nah an Figuren und Gegenständen bleibt, betont er noch, wie sehr alles nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Leben ist. Werner setzt sich einmal nackt an seinen Schreibtisch, dreht sich mit einem mechanischen Roller eine Zigarette und steigt dann in die Badewanne. Inge kommt hinzu und seift ihn von hinten ein. Solche Momente, irgendwo zwischen Ritual, Alltag und aufmerksamer Zweisamkeit, machen aus Wolke 9 viel mehr als nur eine Liebesgeschichte zwischen alten Menschen.
 
Andreas Dresen hat einen Film gemacht, der heraussticht, auch aus seinem eigenen Oeuvre. Eine neue Liebe, die ein Paar auf die Probe stellt, ist an sich ein ganz gewöhnliches Sujet. Die Dramatik aber, die sie entfaltet, fühlt sich unmittelbar an wie nur selten sonst. Alles kommt dafür zusammen: eine stark fokussierte Erzählweise, die klare Verankerung an konkreten Orten und ein bewegtes Schauspiel. Die Intensität aber ergibt sich aus der Beiläufigkeit. Eine Beiläufigkeit der Liebe und der Körper von 70-Jährigen, die Wolke 9 erst einmal behaupten muss, weil sie in den heutigen Bilderwelten so selbstverständlich nicht ist.
 

autor

Frédéric Jaeger © Frédéric Jaeger Frédéric Jaeger hat Filmwissenschaft und Philosophie an der Freien Universität Berlin studiert. Seit 2004 ist er Chefredakteur von critic.de. Publikationen als Filmkritiker unter anderem in Berliner Zeitung, Spiegel Online und Die Presse. Er war Jurymitglied unter anderem in Cannes, Venedig und Oberhausen. Seit 2013 ist er geschäftsführender Vorstand des Verbands der deutschen Filmkritik und seit 2015 Künstlerischer Leiter der Woche der Kritik Berlin. 

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