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Nachwendezeit
Von Menschen und Mauern

Die „Lichtgrenze“ – eine Installation von Filmregisseur Marc Bauder und seinem Bruder Christopher zum 25. Jahrestag des Mauerfalls 2014 in Berlin
Die „Lichtgrenze“ – eine Installation von Filmregisseur Marc Bauder und seinem Bruder Christopher zum 25. Jahrestag des Mauerfalls 2014 in Berlin | Foto (Detail): R4200 © picture alliance

Zwei Dokumentarfilme der Nachwendezeit werfen einen sehr persönlichen und differenzierten Blick auf die schwierige Aufgabe der Vergangenheitsbewältigung.

Von Sarah Schmidt

Die Debatte um DDR-Filme der Nachwendezeit schien sich lange Zeit um die Frage nach der richtigen Erinnerungskultur zu drehen – als verklärender Blick der Ostalgie oder als kritische Darstellung der DDR als Unrechts- und Überwachungsstaat. Zwei Dokumentarfilme aus der Zeit nach der Jahrtausendwende setzen diesem Spagat eine sehr persönliche und differenzierte Perspektive auf das Leben nach dem Mauerfall und die Nachwirkungen der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR entgegen.

Marc Bauders und Dörte Frankes Dokumentarfilm Jeder schweigt von etwas anderem lässt vier der geschätzt 250.000 ehemaligen politischen Häftlinge der DDR zu Wort kommen und untersucht dabei einfühlsam die nur schwer überwindbaren Mauern des Schweigens zwischen den Protagonist*innen und ihren Angehörigen. Da ist Anne Gollin, die in ihrer Ablehnung des DDR-Regimes auch heute noch kein Blatt vor den Mund nimmt – sie spricht von „Puppenstubenfaschismus“, gleichzeitig aber ihrem mittlerweile erwachsenen Sohn, der nach ihrer Verhaftung 1982 in ein Kinderheim gebracht wurde, voller Schuldgefühle gegenübersteht. Oder Utz Rachowski, der kritische Schulaufsätze schrieb und dafür wegen „systemkritischer Hetze“ zu 27 Monaten Haft verurteilt wurde. Er erzählt Schulklassen von seiner Zeit im Gefängnis, seine erwachsenen Töchter trauen sich aber nicht so recht, ihn direkt danach zu fragen. Auch der evangelische Pfarrer Matthias Storck und seine Frau Tine schwanken zwischen dem Bedürfnis, für das Erlebte Gerechtigkeit einzufordern und dem Wunsch, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Und doch kommt bei allen immer wieder die Enttäuschung und Entrüstung über die fehlende Anerkennung des ihnen widerfahrenen Unrechts seitens der Politik und der breiten Öffentlichkeit zum Vorschein. Nicht nur, dass die Stasi-Funktionäre zum Teil weiterhin hohe Ämter bekleiden und der Bundestag den ehemaligen Inhaftierten eine Opferrente verwehrt – auch die breite Öffentlichkeit will sich in den 2000er-Jahren lieber an Spreewaldgurken und das DDR-Sandmännchen erinnern. Allenfalls in Gedenkstätten und bei Schulklassen finden die Betroffenen Gehör, doch selbst die Kinder von Tine und Matthias Storck scheinen nicht so recht zu wissen, ob sie die DDR aus Good Bye Lenin! nicht überzeugender finden als den Unrechtsstaat, von dem ihre Eltern erzählen. Der Film erlaubt seinen Protagonist*innen, ihre Version der Geschichte zu erzählen, gesteht ihnen aber auch zu, dass sie manchmal über die Zeit hinter den Gefängnismauern lieber schweigen.

Auch in Aelrun Goettes Dokumentarfilm Die Kinder sind tot aus dem Jahr 2003 geht es um Aufarbeitung, in diesem Fall um die Aufarbeitung einer der schlimmsten Familientragödien der Nachwendezeit, die sich in der Plattenbausiedlung Neuberesinchen am Rande von Frankfurt/Oder abspielte: Im Sommer 1999 lässt die 23-jährige Daniela Jesse ihre beiden Söhne Kevin und Tobias, damals zwei und drei Jahre alt, in der Wohnung zurück. Die junge Mutter flüchtet vor ihrem Leben in die Arme eines neuen Liebhabers und kehrt 14 Tage nicht zurück, ihre beiden Kinder verdursten qualvoll. Weder die Nachbarn noch Danielas Mutter, die nur einen Treppenaufgang weiter wohnt und Danielas älteste Tochter großzieht, greifen ein, obwohl die Kinder tagelang schreien und mit Löffeln an die Fenster schlagen.

Der Film nähert sich dabei sehr langsam und bedacht der Frage, wie so etwas passieren konnte. Goette zieht immer engere Kreise um den Kern der Tragödie. Sie zeigt Archivbilder der Gerichtsverhandlung, bei der Daniela Jesse wegen Mordes an ihren Kindern zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde, während vom Publikum im Gerichtssaal die Wiedereinführung der Todesstrafe gefordert wird. Sie erkundet Neuberesinchen, einst als sozialistische Utopie aus dem Boden gestampft, jetzt eine trostlose Aneinanderreihung verwahrloster Wohnblöcke, in denen gescheiterte Existenzen ihr Dasein fristen. Die Männer sitzen schon mittags in Cindys Bierstube, die Frauen versuchen der Hoffnungslosigkeit und Enge zu entfliehen, indem sie ein Kind nach dem anderen bekommen, immer in der Hoffnung, das der Vater diesmal der richtige ist und ganz bestimmt bei ihnen bleibt.

Der Film verzichtet sowohl auf Schuldzuweisungen als auch auf explizite Systemkritik und stellt den Tod der beiden Kinder in erster Linie als private Tragödie dar, ausgelöst durch die dysfunktionale Beziehung zwischen einer unreifen, überforderten jungen Frau und ihrer kontrollierenden, lieblosen Mutter. Er zeigt aber auch ein Umfeld, das von Apathie und Gleichgültigkeit geprägt ist und in dem die Menschen zurückgelassen wurden: auf dem Weg von der kollektiven Gesellschaft mit ihren engmaschigen Sicherheitsnetzen und allgegenwärtigen Kontrollmechanismen hin zur bundesdeutschen Wirklichkeit, in der auf einmal jeder seines Glückes Schmied und sich selbst der nächste ist. Es scheint, als lebten die Menschen hinter unsichtbaren Mauern aus Hilflosigkeit und Abstumpfung. Aelrun Goette gelingt es, ein nuanciertes Bild der gesellschaftlichen Veränderungen in der postsozialistischen Gesellschaft zu zeichnen und gleichzeitig deutlich zu machen, dass Armut und soziale Verrohung kein ostdeutsches Problem sind.

autorin

Sarah Schmidt © Sarah Schmidt

Sarah Schmidt ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Sie studierte Nordamerikastudien in Berlin und Atlanta und schreibt über Film, Literatur und Stadtentwicklung.

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