Flüchtlingskrise Grüßen Sie Mrs. Fitch!

Wilfried Eckstein in der Berufsschule mit Flüchtlinge | Foto: Mathias Wild Allgäuer Zeitung
Wilfried Eckstein in der Berufsschule mit Flüchtlinge | Foto: Mathias Wild Allgäuer Zeitung

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielten viele Deutsche Care-Pakete aus den USA. Daran erinnert sich eine Bewohnerin von Kaufbeuren, einem Städtchen südwestlich von München. Heute engagiert sie sich als Freiwillige für die Flüchtlinge, die in ihre Heimat kommen. Berührt von der Menschlichkeit, die sie selbst erfahren hat und verankert im christlichen Glauben öffnet sie Herzen und Türen anderen Menschen in Not. Der Artikel erzählt diese Geschichte und fragt danach: Wie werden die Flüchtlinge aufgenommen? Auf welche berufliche Zukunft bereitet man sie vor?

„Grüßen Sie Mrs. Fitch herzlich von mir!,“ sagt mir Frau Fleischmann zum Abschied. Der Name Fitch stand als Absender auf einem Care-Paket, das amerikanische Quaker den Fleischmanns geschickt hatten. Das war von 65 Jahren. Damals erhielten viele Deutsche ein Paket mit „goodies“ aus Amerika. In dem Paket an Frau Fleischmann war auch eine Puppe gewesen, von der sie sich vor einigen Jahren schweren Herzens trennte um sie einem Museum zur Erinnerung an die Hilfe der Quaker im zerstörten Nachkriegs-Deutschland zu übergeben.

1945 waren die Deutschen gerade von der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft befreit worden. Das Land lag in Schutt und Asche. Da tat Hilfe Not. Die süßen Grüße aus Amerika, die Kleidung und das Spielzeug waren eine unverhoffte Geste der Völkerverbindung und ein ermutigendes Zeichen für die Deutschen, nicht allein zu sein bei ihrem Neuanfang. Solcher Zeiten und Zeichen erinnert man sich in der älteren Generation heute in Deutschland, angesichts der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. „Wir haben Solidarität erfahren. Wir wissen, wie wohltuend und lebensnotwendig Hilfe ist.“

Derzeit kommen die meisten Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Pakistan, Eritrea und weiteren afrikanischen Staaten. Sehr viele kommen auf ihrer Flucht aus dem Süden nach Bayern. 15% aller nach Deutschland kommenden Flüchtlinge bleiben in Bayern. Das sind derzeit fast 90.000 Asylbewerber. Sie werden auf Dörfer, Gemeinden und Städte verteilt – zum Beispiel Kaufbeuren: Ein kleinstädtisches Juwel südwestlich von München im Allgäu. Dort leben 42.000 Einwohner. 650 Flüchtlinge sind bereits einquartiert worden. Sie werden von der Stadt, den verschiedenen städtischen und staatlichen Ämtern, den Wohltätigkeitsorganisationen, Stiftungen, Bürgerinitiativen in Empfang genommen und, so gut es geht, versorgt.

Der stellvertretende Bürgermeister der Stadt Ernst Holy und sein Abteilungsleiter für Arbeit und Soziales Peter Kloos sind die erste Adresse, wenn es um die staatliche Umsetzung der Asylpolitik geht. Ihre vorrangige Sorge gilt der Bereitstellung von Wohnraum für die Asylsuchenden. Die Stadt mietet leerstehende Wohnungen und Häuser an, um die brennendste Frage der Unterbringung zu lösen. Denn wenn die Busse mit den Flüchtlingen ankommen, dann müssen die Vorbereitungen getroffen sein. Pro Monat kommen derzeit durchschnittlich 22 Personen hinzu. Ein Ende ist nicht abzusehen.

Staatliches Handeln findet nicht im Verborgenen statt. Schon bei der Lösung der Unterbringung der Flüchtlinge ist man auf den Goodwill der Bürger angewiesen. Deren Ängste, dass der Einzug von Flüchtlingen den Wert der Immobilien in der Nachbarschaft senkt, weichen schließlich praktischer Willkommenskultur. Die Neuankömmlinge finden schließlich Aufnahme. Ehrenamtliche aus dem Arbeitskreis Asyl helfen ihnen bei der Einrichtung der Wohnungen, bei der Ausstattung mit Kleidern, machen mit ihnen die Behördengänge, lehren Deutsch, beraten sie in der Haushaltsführung und bauen dabei auch eine persönliche Betreuung und Beziehung auf.

Die Stadt Kaufbeuren wie auch andere Dörfer, Gemeinden und Städte ist bestrebt, die Asylsuchenden dezentral unterzubringen. „Bloß kein Ghetto!“ heißt es. Zwar böte die konzentrierte Zusammenballung von Flüchtlingen an einem Ort den Vorteil zentraler Versorgung und gegebenenfalls auch mehr Sicherheit. Andererseits hat die dezentrale Versorgung den unabweisbaren Vorteil, dass sie den Neuankömmlingen die Chancen bietet, Beziehungen zur Nachbarschaft aufzubauen und dabei die Sprache zu lernen. Und darum muss es gehen, den Menschen eine Ankunft in Deutschland zu ermöglichen, die private und berufliche Aussichten bietet.

Das bedarf des Zusammenspiels von Behörden mit einzelnen Initiativgruppen. In den letzten Monaten ist diese Zusammenarbeit mit den zunehmenden Herausforderungen des Flüchtlingsstroms gewachsen. Die Behörden haben erkannt, dass sie die Flüchtlinge ohne die engagierten Bürger und ihre Netzwerke nicht erreichen. Die Bürgerinitiativen sind froh über den inzwischen manchmal kurzen, unbürokratischen Amtsweg. Das ermöglicht oft unkomplizierte Hilfe, wo man früher lange diskutiert hat. Trotzdem legen die Ehrenamtlichen Wert darauf, dass sie nicht als verlängerter Arm der Behörden für deren Aufgaben eingesetzt werden.

Kaufbeuren hat eine eindrucksvolle Stadtgeschichte, die bis in 8. Jahrhundert zurückreicht. Im 14. Jahrhundert wurde Kaufbeuren von den mittelalterlichen Kaisern zur Stadt mit kaiserlichen Privilegien erhoben. Angesichts der aktuellen Völkerwanderung erinnert sich Bürgermeister Holy ähnlicher Herausforderungen im letzten Jahrhundert. Nach dem 2. Weltkrieg nahm man die sogenannten „Sudetendeutschen“ auf. Das waren Deutsche, die aus Gebieten des heutigen Tschechien vertrieben worden waren und in den 50er Jahren nach Deutschland kamen. Kaufbeuren bot damals 13.000 Bürgern eine neue Heimat. In den 1990ern kamen „Russlanddeutsche“ aus Kasachstan nach Deutschland und Kaufbeuren. Beide Bevölkerungsschübe machen heute über 40% der Gesamtbevölkerung von 42.000 Bewohnern aus. Der markante Unterschied zu den Flüchtlingen heute besteht darin, dass die Neubürger damals der deutschen Sprache und Kultur nahestanden und meist auch als Familien übersiedelten. Beides half ihnen, in der neuen Umgebung Fuß zu fassen. Sprachlich konnte man sich leicht anpassen. Psychologisch boten die Familien, die mitgekommen waren, den nötigen Rückhalt. Sie halfen, das Leiden, das mit dem Verlust von Heimat und dem Neuanfang in neuer Umgebung verbunden war, zu bewältigen. Hieran erinnert man sich heute. Deshalb befürwortet die deutsche Migrationspolitik, dass die Familien der Flüchtlinge nachziehen. Deshalb legt man Wert auf sprachliche und berufliche Fortbildungsangebote. Natürlich kann man keinen zum Lernen zwingen. Noch kann man jemanden von heute auf morgen an die Regeln des Zusammenlebens in Deutschland oder die andere Rolle von Mann und Frau gewöhnen.

Ein Viertel der Flüchtlinge in Kaufbeuren sind 27 bis 40 Jahre alt, fast die Hälfte aller Flüchtlinge zwischen 18 und 27. Ginge es nach ihnen, würden sie lieber heute als morgen Geld verdienen für sich und ihre zurückgebliebenen Familien. Aber der deutsche Arbeitsmarkt ist quantitativ begrenzt und setzt neben der deutschen Sprache auch Qualifikationen voraus, die die jungen Asylsuchenden - nicht anders als ihre deutschen Gleichaltrigen - erst lernen müssen. Aber eine Sprache lernt man nicht über Nacht. Dafür braucht man schon ein bis zwei Jahre. Die duale berufliche Regel-Ausbildung, für die Deutschland berühmt ist, und die den Jugendlichen eine solide berufliche Basis geben soll, dauert normalerweise drei Jahre. Das summiert sich auf gut und gern fünf Jahre, in denen der Asylsuchende nicht genug Geld verdient, um sich eine eigene Wohnung zu leisten, geschweige denn die Familie zu Hause oder im Flüchtlingslager zu unterstützen.

Die Berufsschule Kaufbeuren bietet zur Zeit zwei Sonderklassen für die Asylsuchenden an. Ziel ist eine qualitätsvolle Ausbildung, die dem Standard entspricht, der auch einheimischen Jugendlichen geboten wird. Nur so ist erfolgreiche Integration möglich, sagt Studiendirektorin Cornelia Nieberle-Schreiegg. Weitere Unterrichtskapazitäten für die zahlreichen und mehr werden jungen Asylsuchenden müssen erst aufgebaut werden. Derzeit erreicht man immerhin schon alle Jugendlichen, die im schulpflichtigen Alter sind. Für das nächste halbe Jahr hat sich die Studiendirektorin Nieberle-Schreiegg weitere Klassen zum Ziel gesetzt. Sie sucht händeringend sowohl nach Lehrern für berufskundliche Fächer als auch nach Firmen, die Ausbildungsplätze anbieten. Bei aller Anstrengung könnte es aber sein, dass die schrittweise Erweiterung der Unterrichtskapazitäten nicht mit dem Zustrom von Flüchtlingen mithalten wird. Noch können sich alle asylsuchenden jungen Leute den Unterrichtsangeboten stellen. Denn nicht wenige sind krank oder traumatisiert. Besondere Fürsorge erfahren auch die unbegleiteten Minderjährigen. Sie werden in der Obhut einer Stiftung betreut.

Unverzichtbar in der aktuellen Lage des Flüchtlingsstroms ist das Engagement der Bürger, die sich um die Asylsuchenden kümmern, auf sie zugehen, ihnen Angebote machen, Deutsch zu lernen, die Umgebung und die Leute kennen zu lernen und sich in Deutschland zurechtzufinden. Einer, der den Asylsuchenden hilft und mit seiner langjährigen Erfahrung nun auch anderen Helfern Beratung und Hilfestellung gibt, ist Günter Kamleiter. Er leitete den Arbeitskreis Asyl schon, als Asylsuchende noch nicht Teil der Tagespresse waren. Der Arbeitskreis versorgt mit dem Notwendigen. Er bietet pädagogische Frühförderung für die Kinder, Hausaufgabenbetreuung, eine Kreativwerkstatt, ehrenamtlich geleitete Sprachkurse, Frauengruppe, eine Begegnungswerkstatt und mehr.

Krippenbilder Dreifaltigkeitskirche, Photo: Günter Kamleiter Krippenbilder Dreifaltigkeitskirche, Photo: Günter Kamleiter Günter Kamleiter führt mich in die evangelische Stadtkirche. Dort hatte man wie jedes Jahr zur Weihnachtszeit eine Krippe aufgebaut, die an die Weihnachtsgeschichte erinnert. Der aktuelle Bezug liegt auf der Hand. Waren nicht Maria und Joseph die berühmtesten Schutz- und Heimsuchenden? Im Zeichen der Flüchtlingskrise besinnt man sich auf die Umstände der Geburt Christi. Die Kirche wählte sich 2015/2016 als Jahresthema: „Flucht und Migration“ und gestaltete zu Weihnachten die Krippe so aus, dass sie an Gastfreundschaft und Nächstenliebe mahnt.

Die Kirche ist kein politikfreier Raum. Sie war es nicht in der jüngeren Vergangenheit, als sie in der DDR den für Freiheit demonstrierenden Bürgern Schutz gewährte; und sie war es auch nicht in den Jahrhunderten davor. Tatsächlich hat sich diese Pfarrkirche in Kaufbeuren unlängst eines jahrhundertealten Privilegs bedient, dem Kirchenasyl. Als es so aussah, dass die Behörden, einen Asylsuchenden abschieben würden, organisierte sich die Gemeinde und brachte ihn bei sich unter. So lange er sich auf dem Territorium der Kirche aufhielt, war er vor der Abschiebung geschützt. Drei Monate Jahre währte dieser Belagerungszustand bis er schließlich nicht mehr in ein Flüchtlingsgefängnis nach Ungarn abgeschoben werden konnte. Natürlich ist das Kirchenasyl nur eine Lösung im äußersten menschlichen Notfall, aber es schafft eine Autonomie, die für das Funktionieren der Zivilgesellschaft wichtig ist, und die engagierten Bürgern Autonomie und Standvermögen gegenüber Verwaltung und Tagespolitik einräumt. Hier an der Krippe treffe ich Frau Fleischmann, die mir von dem Care Paket erzählt. Sie ist von der Bedeutung praktischer menschlicher Solidarität überzeugt. Vor 26 Jahren gründete sie mit Günter Kamleiter den Arbeitskreises Asyl. Jetzt lässt sie den amerikanischen Freunden ausrichten: „Grüßen Sie Mrs. Fitch herzlich von mir!“