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Kindergarten
Revolution im Entengang

Fröbels Pädagogik war in der DDR sehr anerkannt: Kinder spielen 1978 im Garten einer Kindertagesstätte in Bernau bei Berlin.
Fröbels Pädagogik war in der DDR sehr anerkannt: Kinder spielen 1978 im Garten einer Kindertagesstätte in Bernau bei Berlin. | Foto (Detail): © picture alliance/ZB/ddrbildarchiv

Kleinkinder spielerisch zu fördern galt lange als unnötig, versponnen und sogar staatsgefährdend. Ein Pfarrersohn aus Thüringen rüttelte im 19. Jahrhundert an diesen Überzeugungen. Seine Ideen sind heute noch modern – seine Kinderlieder auch.

Von Viola Kiel

Im thüringischen Bad Blankenburg sorgt im Jahr 1840 ein Mann für Aufsehen: Wie eine Ente watschelt er über die Straße, gefolgt von einer Kinderschar, die es ihm gleichtut. Der Sonderling ist Friedrich Fröbel, der Gründer der ersten deutschen Kindergärten. Seine Idee, die heute selbstverständlich erscheint, war damals eine Revolution: Kinder nicht nur zu betreuen, sondern ihnen Möglichkeiten zu bieten, sich spielerisch zu entfalten. Fröbel fand mit diesem Ansatz viele Nachahmer – und unerbittliche Gegner.

Erste Kleinkinderschulen in Europa

Der Bedarf an Kinderbetreuung war in den Jahrzehnten zuvor stark gestiegen: Die Industrialisierung schuf neue Arbeitsplätze und zog Menschen in die Städte. Um das Nötigste zum Leben zu verdienen, mussten zumeist beide Elternteile den ganzen Tag über in den Fabriken verbringen. Zwar nahmen in der Frühphase der Industrialisierung viele von ihnen ihre Kinder mit, die ebenfalls arbeiten mussten. Im Jahr 1839 aber verbot die preußische Regierung die Arbeit von Kindern unter neun Jahren.
 
In anderen europäischen Ländern entstand dieser Bedarf bereits einige Jahrzehnte früher: Erste Kindertageseinrichtungen, die mit unseren heutigen Kindergärten allerdings noch kaum etwas gemein hatten, kamen in Europa daher bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf: In Frankreich wurden ab 1770 Kinder mittelloser Familien in Kleinkinderschulen unterwiesen. Ein Reisebericht aus dem Jahr 1792 beschreibt ähnliche Einrichtungen in den Niederlanden, wo kleine Kinder Lesen und Handarbeiten lernten.
Schülerinnen des Kindergärtnerinnen-Seminars des Berliner Fröbelvereins stellen 1906 Spielzeug für den Handfertigkeitsunterricht her. Schülerinnen des Kindergärtnerinnen-Seminars des Berliner Fröbelvereins stellen 1906 Spielzeug für den Handfertigkeitsunterricht her. | Foto (Detail): © picture alliance/ullstein bild In Deutschland schuf die westfälische Fürstin Pauline zu Lippe-Detmold 1802 die erste Kinderbewahranstalt Deutschlands. Sie hatte in einer französischen Zeitung gelesen, dass ledige, arbeitende Mütter in Paris ihre Kinder in die Obhut freiwilliger Betreuerinnen geben konnten, und warb für die Einführung dieser „Pariser Mode“ in Deutschland. In Schottland gründete Robert Owen, der Besitzer einer Baumwollspinnerei, mehrere Einrichtungen für die Kinder seiner Arbeiterschaft. 1820 eröffnete die erste Kleinkinderschule in London. Und auch eine ungarische Gräfin trug zur Entwicklung der Kleinkinderbetreuung bei: Therese Brunsvik de Korompa stiftete 1828 die erste Kleinkinderschule in Budapest.

Kinderlieder und Blütenpressen

Doch zurück zu den Ideen Friedrich Fröbels. Nach einer Försterlehre und einem naturwissenschaftlichen Studium hatte er als Erzieher gearbeitet und Bekanntschaft mit dem berühmten Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi gemacht. Pestalozzi sah eine ganzheitliche Volksbildung als Schlüssel für eine funktionierende demokratische Gesellschaft. Fröbel entwickelte diesen Gedanken für sich weiter: Bildung könne und müsse schon in jungen Jahren erfolgen, aber spielerisch. Er richtete Erziehungsanstalten ein, publizierte seine Gedanken in Büchern und stellte Spielmaterialien her.
 
1840 öffnete in Bad Blankenburg sein Allgemeiner deutscher Kindergarten die Pforten. Anstelle von verschultem Unterricht setzte Fröbel aufs Lernen durch Spielen: Er dichtete Lieder, darunter Klassiker wie Häschen in der Grube, verfasste Bildergeschichten, nutzte Muggelsteine und Blütenpressen. Kinder aus allen gesellschaftlichen Schichten sollten sich bewegen, singen, basteln – und im Entengang über den Marktplatz wackeln dürfen, um die Sichtweise einer Entenfamilie kennenzulernen.
Bis heute sind viele Kindergärten in Deutschland nach Friedrich Fröbel benannt. So auch der Fröbel-Kindergarten „Wasserstrolche“ in Wedel in Schleswig-Holstein. Bis heute sind viele Kindergärten in Deutschland nach Friedrich Fröbel benannt. So auch der Fröbel-Kindergarten „Wasserstrolche“ in Wedel in Schleswig-Holstein. | Foto (Detail): © picture alliance / Axel Heimken / dpa Nicht alle waren von Fröbels Vorstößen begeistert. Die Obrigkeit sah mit Argwohn auf diese Abkehr von der schulischen Disziplin: Zu viel freiheitliches Denken könne eine geltende Gesellschaftsordnung ins Wanken bringen. Bürgerliche und konfessionelle Träger errichteten im Gegenzug Erziehungsanstalten, die gehorsame Untertanen hervorbringen sollten. 1851 musste Fröbel die Macht seiner Gegner schmerzlich erkennen: Die preußische Regierung erließ ein Verbot des Kindergartens. Die Behörden sahen in Fröbels Prinzip eine Gefahr für die öffentliche Ordnung, es zerstöre „das Gefühl der Abhängigkeit des Kindes“ und trage „zur Entsittlichung des Volks“ bei.
 
Die Aufhebung des Verbots neun Jahre später erlebte Fröbel nicht mehr, seine Ideen aber überdauerten die Zeit. Wenige Jahre vor seinem Tod 1852 hatte Fröbel eine Ausbildungsstätte für Kindergärtnerinnen ins Leben gerufen. Als seine Schülerinnen vor preußischen Repressionen ins Ausland fliehen mussten, hatten sie seine Erziehungsmethoden im Gepäck. 1856 wurde in Wisconsin der erste Kindergarten der USA eröffnet, und von den USA gelangte die Fröbel-Pädagogik unter anderem bis nach Japan. Das deutsche Wort „Kindergarten“ kennen heute 50 Sprachen auf der ganzen Welt.

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