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Romanes
Spuren der Sprache

Der Mann links im Bild ist der Großvater des Autors, der Mann rechts sein jüngerer Bruder. Der Mann in der Mitte ist der Cousin des Autors. Die Aufnahme entstand irgendwann zwischen den 1960er und 1970er Jahren in Prowadija. Diese Gruppe bestand im 19. Jahrhundert aus christlichen Romani sprechenden Roma-Nomaden, später konvertierten ihre Mitglieder jedoch zum Islam und sprachen statt Romani Türkisch.
Roma-Männer aus der Gruppe der Laho aus Prowadija. Der Mann links im Bild ist der Großvater des Autors, der Mann rechts sein jüngerer Bruder. Der Mann in der Mitte ist der Cousin des Autors. Die Aufnahme entstand irgendwann zwischen den 1960er- und 1970er-Jahren in Prowadija. Diese Gruppe bestand im 19. Jahrhundert aus christlichen Romani sprechenden Roma-Nomaden, später konvertierten ihre Mitglieder jedoch zum Islam und sprachen statt Romani Türkisch. | Foto (Ausschnitt): Hristo Kyuchukov

Romanes ist die Sprache der Roma. Der Großteil ihrer Worte stammt aus Indien. Aber auf dem Weg der Roma nach Europa kam Romanes mit vielen europäischen Sprachen in Kontakt – beeinflusste diese und wurde von diesen beeinflusst. Etwa in Bulgarien, Griechenland und Schweden.

Von Prof. Dr. Hristo Kyuchukov

Romani ist eine neuindische Sprache, die außerhalb Indiens entstanden ist und sich durch den Kontakt mit europäischen Sprachen weiterentwickelt hat. Wie vielfältig diese Sprache ist, lässt sich an einem Lied auf Romani illustrieren, das im 19. Jahrhundert von serbischen Roma erfunden wurde und sich bis heute in zahlreichen Romagemeinschaften im Balkan großer Beliebtheit erfreut. Oft wird es dort auf Hochzeiten und anderen Familienfeiern gesungen. Das Lied, das auch als Schlaflied fungiert, erzählt die traurige Geschichte eines Roma-Kindes, das in einer Schaukel unter einem Pflaumenbaum schläft. Seine Mutter ist gestorben und das kleine Kind weint und ruft nach ihr. Niemand kümmert sich um das alleingelassene Wesen. Dann kommt ein Schaf und gibt ihm Milch; der Wind bläst und schaukelt es und der Regen badet schließlich das Kind. Am Ende dankt der Vater Gott für seine Hilfe.

Talaj phruna,
ande kuna,
o bakrja brej,
o čhavo rovel,
pe dajake ov phučel.
Buzni nakel čuči del les,
balval phurdel sovljarel les,
Devla, Devla o čhavo barvalo.
Bakrja nakhen čuči den les,
bryšind del najarel les.
Ah mo čhavo o barvalo!
Talaj phruna,
ande kuna,
si man čhavo Devlester,
o Devel les mange bičaldja.
Bakre nakhen čuči den les,
balval phurdel sovljarel les, Devla, Devla mo čhavo barvalo.
bryšind del najarel les,
ah mo čhavo o barvalo,
ah mo čhavo o barvalo!

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Lied: © Hristo Kyuchukov

Das Lied wird in verschiedenen Ländern auf jeweils unterschiedliche Weise gesungen. Vor allem in den Balkanstaaten erfreut es sich großer Beliebtheit. Bei den christlichen Roma in Bulgarien wird dieses Lied eher wie ein bulgarisches Volkslied gesungen, während die Interpretation des gleichen Stücks bei muslimischen Roma in der Türkei orientalische Motive enthält. Der Text ist dabei fast gleich, allerdings ist die Melodie etwas anders. Ähnlich ist es bei Schlafliedern auf Romani, die in Ungarn bekannt sind. Dort wird das gleiche Lied von verschiedenen Roma-Gruppen oft auf unterschiedliche Weise gesungen.
 
Romani besteht aus vielen verschiedenen Dialekten, die jeweils eine ganz eigene grammatikalische Struktur haben. Die Sprache ist nicht in Indien selbst entstanden, sondern hat sich im Zug der Migration vieler Roma vom indischen Subkontinent nach Europa entwickelt. Historiker sind sich einig, dass die größte Welle an indischen Migranten (die heutigen Roma) Indien am Ende des 9. und am Anfang des 10. Jahrhunderts nach Christus verlassen hat. Im 11. Jahrhundert sind diese im byzantinischen Reich angekommen. Im 12. und 13. Jahrhundert erreichten sie schließlich Zentral- und Westeuropa. Im Gepäck hatten diese Menschen ihre eigenen typischen Berufe, die sie noch bis zum heutigen Tage ausüben: Musiker, Blechschmied, Zirkusartist, Tänzer.
  • Brautkleid für den ersten Tag der Hochzeit, an dem die Braut auf die Zeremonie vorbereitet und ihre Hände mit Henna bemalt werden. Das Foto wurde in den frühen 1970er Jahre aufgenommen. Foto (Ausschnitt): Hristo Kyuchukov
    Eine junge muslimische Roma-Frau aus Prowadija. Brautkleid für den ersten Tag der Hochzeit, an dem die Braut auf die Zeremonie vorbereitet und ihre Hände mit Henna bemalt werden. Das Foto wurde in den frühen 1970er-Jahre aufgenommen.
  • Das in den frühen 1970er Jahren aufgenommene Bild zeigt, wie die junge Frau für die Hochzeitszeremonie vorbereitet wird. Foto (Ausschnitt): Hristo Kyuchukov
    Ein weiteres Brautkleid für den ersten Tag der Hochzeit bei muslimischen Roma in Prowadija. Das in den frühen 1970er-Jahren aufgenommene Bild zeigt, wie die junge Frau für die Hochzeitszeremonie vorbereitet wird.
  • Der Mann in der Mitte ist der Urgroßvater väterlicherseits des Autors. Das Bild stammt aus den 1950er Jahren. Foto (Ausschnitt): Hristo Kyuchukov
    Gruppe von muslimischen Roma-Männern aus Prowadija, die als Pferdehändler arbeiteten (Dzhambaz Roma). Der Mann in der Mitte ist der Urgroßvater väterlicherseits des Autors. Das Bild stammt aus den 1950er-Jahren.
  • Der Mann links im Bild ist der Großvater des Autors, der Mann rechts sein jüngerer Bruder. Der Mann in der Mitte ist der Cousin des Autors. Die Aufnahme entstand irgendwann zwischen den 1960er und 1970er Jahren in Prowadija. Diese Gruppe bestand im 19. Jahrhundert aus christlichen Romani sprechenden Roma-Nomaden, später konvertierten ihre Mitglieder jedoch zum Islam und sprachen statt Romani Türkisch. Foto (Ausschnitt): Hristo Kyuchukov
    Roma-Männer aus der Gruppe der Laho aus Prowadija. Der Mann links im Bild ist der Großvater des Autors, der Mann rechts sein jüngerer Bruder. Der Mann in der Mitte ist der Cousin des Autors. Die Aufnahme entstand irgendwann zwischen den 1960er- und 1970er-Jahren in Prowadija. Diese Gruppe bestand im 19. Jahrhundert aus christlichen Romani sprechenden Roma-Nomaden, später konvertierten ihre Mitglieder jedoch zum Islam und sprachen statt Romani Türkisch.
  • Das Bild stammt aus den 1940er Jahren. Diese Roma waren Ofensetzer; ein Beruf, der sowohl von Frauen als auch von Männern ausgeübt wurde. Die Frau in der Mitte ist die Schwester des Großvaters väterlicherseits des Autors. Foto (Ausschnitt): Hristo Kyuchukov
    Roma-Muslima aus Prowadija. Das Bild stammt aus den 1940er-Jahren. Diese Roma waren Ofensetzer; ein Beruf, der sowohl von Frauen als auch von Männern ausgeübt wurde. Die Frau in der Mitte ist die Schwester des Großvaters väterlicherseits des Autors.
  • Es handelt sich hierbei um eine Gruppe von ehemaligen Kesselflickern. Der Beruf wurde von Frauen und Männern gleichermaßen ausgeübt, wobei die Frauen die wichtigsten Helfer der Männer waren. Das Bild stammt aus den 1930er Jahren. Foto (Ausschnitt): Hristo Kyuchukov
    Muslimische Roma aus der Stadt Lom, die zur Großfamilie der Kalajdzii gehören. Es handelt sich hierbei um eine Gruppe von ehemaligen Kesselflickern. Der Beruf wurde von Frauen und Männern gleichermaßen ausgeübt. Das Bild stammt aus den 1930er-Jahren.
  • Das Foto wurde in den 1970er Jahren aufgenommen. Foto (Ausschnitt): Hristo Kyuchukov
    Muslimische Roma aus der Stadt Dobritsch. Das Foto wurde in den 1970er-Jahren aufgenommen.
Siebzig bis achtzig Prozent des Romani-Vokabulars stammt von verschiedenen nordindischen Sprachen ab. Durch die lange Phase der Migration von Indian durch Westasien nach Europa kamen die Roma jedoch viel mit anderen Sprachen in Kontakt, was die Entwicklung der Sprache Romani deutlich geprägt hat. Diese Lehnwörter waren hauptsächlich lexikalischer Natur, man findet jedoch auch grammatikalische Kategorien, die die Sprache mit aufgegriffen hat. So entstammt der maskuline und feminine bestimmte Artikel auf Romani (o/i) etwa aus dem Griechischen, genau wie die Kasusendungen (-es) und (-os). Die Formen der grammatikalischen Kategorie Evidentialität kamen aus dem Bulgarischen und Türkischen hinzu, je nach dem, mit welcher Sprache man in Kontakt kam. Außerdem existieren noch sehr viele rumänische Wörter in der Sprache Romani. Viele Begriffe aus der Sprache der Roma haben außerdem Einzug in andere Nationalsprachen gehalten. So stammt etwa das schwedische Wort für „Mädchen“ (čhaj) aus dem Romani, genau wie der umgangssprachliche Begriff für „Freundin/Freund“ im Bulgarischen, der auf der Sprache der Roma gadži heißt.
 
Romani gehört zum indoarischen Zweig der indoeuropäischen Sprachen und weist Einflüsse aus dem Armenischen, Griechischen, Kurdischen und Rumänischen auf. Historisch ist die Sprache auch mit Hindi verwandt. Die Romani-Dialekte in Europa, Nord- und Südamerika und Australien werden in zwei Hauptkategorien eingeteilt: solche, die mit rumänischen Sprachen in Kontakt gekommen sind und andere, bei denen dies nicht der Fall war. In den meisten Balkanländern findet man eine Stadt oder ein Dorf, in denen es Dialekte oder Sub-Dialekte gibt, in denen ein Kontakt mit dem Rumänischen offensichtlich ist, aber auch solche, auf die dies nicht zutrifft. In Mittel- und Westeuropa weisen manche Romani-Dialekte keinen Einfluss aus dem Rumänischen auf. Jene Dialekte, bei denen ein Kontakt mit dem Rumänischen offensichtlich ist, werden als „Vlax-Dialekte“ bezeichnet, die anderen nennt man „nicht-Vlax“. Im gesamten Balkangebiet findet man in jedem Land Vertreter beider Sprachgruppen. Sie leben in Bulgarien, Mazedonien, Griechenland, der Türkei, Serbien, Kroatien, dem Kosovo und Rumänien.
 
Die Religion der Roma umfasst sowohl Muslime (Xoraxane-Roma) als auch Christen (Dasikane-Roma). In jüngster Zeit sind auch viele Roma zu anderen Religionen der Pfingstbewegung konvertiert. Im Allgemeinen hat die Religion keinen Einfluss auf Sprache oder grammatikalische Charakteristika der Dialekte. So entstehen etwa mit Hilfe von Suffixen und Präfixen aus alten Wörtern neue Lexeme, die bis dahin auf Romani nicht existiert haben.
 
Sämtliche grammatikalischen Kategorien sind im modernen Romani noch vorhanden. Die Sprache wird von Eltern an ihre Kinder, von Großeltern an ihre Enkel weitergegeben. Dabei bleibt Romani vor allem ein mündliches Kommunikationsmittel, und die meisten Dialekte sind noch nicht schriftlich festgehalten respektive dokumentiert worden. Romani bleibt eine lebendige Sprache, die im Alltag der Roma täglich gebraucht wird. Bis heute gibt es Roma, die ihre alten Lieder und Märchen bewahren oder sogar Gedichte auf Romani verfassen.

Als einzige indische Sprache, die außerhalb Indiens gesprochen wird, ist Romani ein Teil europäischer Kultur. Die Roma sind ein Teil Europas. Sie sind schon seit vielen Tausend Jahren hier und werden auch hier bleiben.
Kunst, Literatur und Sprache

Ein Beitrag aus Bulgarien

mit Bezug zu Griechenland,
Schweden

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