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Eine Annäherung an die muxeidad
Queer: Nein. Queer-po muxe: Ja

Muxeidad
Foto: Mario Patiño

Von Lukas Avendaño

„Queer-po“ ist ein Wortspiel. „Queer-po“ wird fast genauso ausgesprochen wie das spanische Wort für Körper “cuerpo”. Der Artikel von Lukas Avendaño beschreibt das Körpergefühl, das in der muxeidad ein anderes ist. Muxe fühlen sich demnach nicht queer per se, aber haben durchaus ein queeres Körpergefühl.

Wenn mich jemand zum Stichwort muxe oder zur muxeidad befragt, kommt unweigerlich die Frage, ob diese kulturelle Ausdrucksform, Lebensart oder Tradition der Zapoteken als eigenes Merkmal der Bewohner des Isthmus von Tehuantepec in Mexiko angesehen werden kann. Oft werden diese Leute so anmaβend, mich zu fragen: „Seit wann gibt es denn schon muxe oder die muxeidad?”, worauf ich ohne Zögern mit einem „Ich weiβ es nicht” antworte.

Ich kann dazu nur vage Intuitionen, Hypothesen und sogar Spekulationen anbringen, aber nichts, was man als „Wahrheit” etablieren könnte. Und doch kann ich ein gewisses Urteilsvermögen über diese Wahrheit beanspruchen: durch die unzweifelhafte und echte Erfahrung desjenigen, der sie erlebt – mit der Möglichkeit, „verfälschbar” zu sein, da dieses Kriterium aus dem Leben und der Erfahrung selbst herrührt und entspringt.

Der Auslöser, der mich dazu brachte, mich mit der muxeidad zu beschäftigen, war, dass ich gemerkt habe, dass alles über muxe Geschriebene leicht verfälscht werden kann, und dass muxe-Eigenschaften im Kontext des Isthmus von Tehuantepec im Kontrast zum muxe-Sein auβerhalb der Region stehen.

Am Isthmus ist man muxe, fern des Isthmus und in den Augen des oder der anderen bin ich eine Schwuchtel oder homosexuell oder wie auch immer man es nennen mag.

Daraus und aus der Behauptung, die muxeidad am Isthmus von Tehuantepec sei ein entscheidendes kulturelles Merkmal der jahrtausendealten Zapotekenkultur (zapotekisch: zaa), entstand in mir das Bedürfnis, mich mit der Lebensform der muxe zu beschäftigen.


Warum heiβt es in einigen lokalen Weisheiten, muxe existiere schon seit ewigen Zeiten in der Zapotekenkultur? Auf die Frage, seit wann es muxe gibt, werden einige antworten: „Als Adam und Eva den Apfel aβen und aus dem Paradies vertrieben wurden, verdrehte sich die Welt.”

Andere werden sagen: „Als der heilige Vinzenz Ferrer (1350–1419), der dominikanische Schutzpatron von Juchitán, die Schwuchteln über die Welt verteilte, riss die Tüte, in der er sie hatte, und so haben sie sich vermehrt.” Und wieder andere werden antworten: „Seit wer weiβ wie lange.”

Muxeidad 1 © Mario Patiño

Die ersten beiden Erklärungen des Ursprungs der muxeidad siedeln die Existenz von muxe in einem zeitlichen Rahmen an. In der Version von Adam und Eva gibt es muxe, seit sich die Welt verdrehte, das heißt: muxe gibt es vom Ursprung an. Aber die Formulierung „verdreht” lässt muxe als fehlerhaft erscheinen, als sündig, als von Gott in Folge des Ungehorsams verurteilt.

In der zweiten Erklärung wird die Entstehung im 16. Jahrhundert auf den heiligen Vinzenz Ferrer zurückgeführt. Somit beziehen sich beide Ansätze auf christliche Erzählungen und Bilder, was von vornherein der muxeidad als einem zapotekischen Phänomen widerspricht, denn hier wird westliche Zeitrechnung auferlegt und ein im zapotekischen Weltbild nicht existenter Zusammenhang hergestellt. 

Aber in der dritten Version – „seit wer weiβ wie lange” – könnte dieser „wer” jemand sein, der über die Existenz der muxeidad seit den Zeiten vor dem Kontakt mit den Bewohnern der Halbinsel berichten kann. Und um diesen Unterschied zu verstehen, schlage ich zwei Hypothesen vor.

Grazie

Muxeidad - 2 © Mario Patiño In der Gegend des Isthmus von Tehuantepec, in den Gemeinschaften der Zapoteken oder ihrer Nachfahren, findet man Ausdrücke wie „Nicht einmal Grazie hast du!” als eine Art der Missbilligung. Oder auch „Der hat aber Grazie!” als Form der Anerkennung, der Würdigung ästhetischer Fertigkeiten etwa bei der Herstellung von Blumenschmuck, beim Tanzen, beim Entwerfen von Textilien, beim Sprechen, beim Gehen, sich Schminken, beim humorvoll Witzeerzählen und so weiter.

Und diese Grazie begleitet die muxe, die als Wesen der Grazie selbst Grazie besitzen oder Grazie in sich tragen. Dabei ist wichtig zu wissen, dass zu ihren ästhetischen Ausdrucksformen auch der mündliche Ausdruck gehört: Schon das einfache Sprechen muss mit Grazie geschehen.

Guenda

Muxe Performance Foto: Mario Patiño

Von Grazie zu sprechen, hilft nicht bei der Suche nach Spuren, die auf die Existenz der muxeidad vor dem Kontakt mit den ersten Missionaren hindeuten, seien es Dominikaner-, Franziskaner- oder Augustinermönche – obwohl es die gebräuchlichste Art ist, eine Wesensart mit muxe und seiner Existenz im Spanischen in Verbindung zu bringen.

Die didxazaa (Zapotekisch)-Muttersprachler haben ein Wort, das durch das spanische Wort “gracia” (Grazie) ersetzt wird: Es lautet guenda, das „Wesen”. Alle Dinge und auch die Menschen besitzen ihre guenda, und sogar die Wörter sind mit guenda versehen.

Wenn Kinder erst wenige Tage oder Monate alt sind, ziehen sie oft im Schlaf Grimassen oder machen Gesten, durch die es so aussieht, als ob sie lachen. Wenn das geschieht, bitten die Einwohner des Viertels Santa Cruz Tagolaba in Tehuantepec die Erwachsenen, sie nicht anzusehen, und decken das Baby mit einem Tuch zu, damit sie ihm nicht sein guenda „stehlen” oder sein Engelchen. Handelt es sich um eine Übersetzung des mesoamerikanischen Schutzgeistes Nagual oder eines Totems?

Die Erwachsenen aus diesem Viertel sagen, jeder Mensch kommt mit guenda zur Welt, und darunter verstehen sie eine schöpferische Gabe, dass jemand entweder praktisch oder künstlerisch begabt ist, etwa singen oder ein Instrument spielen kann. Aber wenn ein Erwachsener das Neugeborene Gesten machen sieht, kann er ihm sein „Engelchen” stehlen, denn was das Neugeborene in diesem Moment tut und mit Gesten ausdrückt, ist, dass es sich mit seinem guenda „unterhält”.

Und wenn dem Neugeborenen sein guenda gestohlen wird, kann es als Erwachsener nicht mehr das tun, wozu es bestimmt war.

Wenn also guenda das Wesen ist, dann ist es auch die schöpferische Energie. Und wenn es mit der muxeidad assoziiert wird, dann können wir sagen, dass eine Verbindung zwischen der muxeidad und der Zapotekenkultur seit den Zeiten vor der Eroberung Amerikas gefunden worden ist. Wenn das so ist, haben wir damit im guenda die ersten Spuren der Existenz von muxe in der Zapotekenkultur, wenigstens seit der zapotekischen Postklassik.

Zwar hilft uns guenda zu verstehen, warum das muxe-Sein mit Grazie assoziiert wird, aber bei der Überlegung ist „die lange Dauer“ (Longue Durée) im Sinne von Fernand Braudel zu beachten. Braudel sagt, dass das, was sich in Gesellschaften am langsamsten ändert, „die Mentalitäten” sind, denn sie werden von der Konjunktur durchquert, vom Ereignis und eben von der Longue Durée. Also sage ich, dass sowohl guenda als auch die Grazie in diesem Moment ihre Erklärung in der langen Dauer finden, obwohl zuerst das Ereignis / Konjunktur sein musste.

Mehr als Sexualität_en

Muxeidad - 4 © Mario Patiño Wir alle müssen uns als mit Geschlechtsorganen versehene Wesen anerkennen, bei denen Sexualität und Erotisierung eine Konstante sind, wie bei sich paarenden Vögeln und Insekten. Bei allem, was existiert, wird zwischen Männchen, Weibchen und Verweiblichtem unterschieden. Kinderspiele, bei denen Papa und Mama dargestellt werden sollen, führen zur Simulierung des Koitus zwischen Jungen, oder aber Kinder fassen sich beim Spielen den Hintern, den Penis oder die Brustwarzen an oder urinieren gemeinsam.

Andererseits können Sexualität und Erotik nicht verstanden werden, wenn sie einzeln betrachtet werden – muxes und Männer, sondern das steht der Gemeinschaft zu.

Daher schlage ich vor, hier nicht von muxe im Singular oder Plural zu sprechen, sondern von der muxeidad als einem gesellschaftlichen Gesamtphänomen.

Dazu gehört auch, uns mit baalana auseinanderzusetzen, dem Ritual, das die Entjungferung feiert – oder aber die Jungfräulichkeit der Frauen. Die geraubte oder entführte Frau muss sich als Jungfrau legitimieren und als Beweis die Blutflecken der Entjungferung zeigen. Um diese zu feiern, werden dann rote Blumen, rote Konfetti und roter Wein und Erfrischungsgetränke an die Nachbarn verteilt.

Als Teil des Rituals geht die Delegation aus Angehörigen und Freunden des Bräutigams los, um die wegen des Raubs ihrer Tochter beleidigte Mutter versöhnlich zu stimmen. Dabei ist es üblich, Geschenke zu überreichen und die Farbe Rot zu verwenden. Mit diesen Geschenken kann die Mutter stolz darauf sein, über die Jungfräulichkeit ihrer Tochter gewacht zu haben, und so war die Entjungferung der Tochter für sie und ihre Familie eine Ehre.

Als Ergebnis kann die Mutter ihre Bedingungen für die Hochzeitsfeier stellen, denn ihre Tochter ist wertvoll, und angesichts jedweder Geringschätzung seitens der Angehörigen des Bräutigams kann die Mutter der Entjungferten beleidigt argumentieren: „Was? Ist meine Tochter etwa nicht wertvoll?”

Für Jungen gibt es dahingegen kein Jungfräulichkeitsritual, sondern sie können eine freie Sexualität führen mit anderen Jungen oder auch mit Ziegen, Schafen, Säuen, sogar Hennen! Sie können es auch mit den muxes tun oder mit den Frauen aus der Kneipe an der Ecke.

Ein drittes Geschlecht?

Muxeidad Makeup © Mario Patiño Da es diverse Identitäten gibt, unterscheiden sich muxe von denjenigen, die vorgeben, Frauen sein zu wollen (Transvestiten, Transgender, Transsexuelle). Die muxes retuschieren nur ihre Identität und nehmen einige als unmännlich erachtete Merkmale an, lackieren sich zum Beispiel. die Fingernägel, tragen Zehenstegsandalen oder „Frauenschlappen”, biegen und tuschen sich die Wimpern, ziehen sich einen Lidstrich, stecken sich das Haar mit Plastikhaarnadeln auf oder tragen Ohrringe. Bei all dem tragen sie aber weiterhin Hosen.

Der „traditionelle” muxe behält die Hosen an: Wenn er Frauenkleidung trägt, tut er das im Alltagsleben und zwar sowohl in der Öffentlichkeit als auch daheim. So zum Beispiel Martha Medina in San Blas Atempa, der in einer Kneipe Bier verkauft und immer einen Unterrock, einen kurzen traditionellen Rock und goldene Ohrringe trägt und sich seine wenigen Haare mit Plastikteilen aufsteckt, die nicht seine ganze Glatze bedecken können. So wird die Tradition eingehalten.

Den synkretistischen muxe würde ich beschreiben als den, der die Tradition einhält, sich an ihr beteiligt durch das Tragen traditioneller Frauenkleidung und sich in seinem Verhalten an dem der Frauen orientiert. Aber wenn er einmal aus den Rollen der Tradition ausgebrochen ist, wählt er westliche Frauenkleidung wie Kleider, Röcke, Miniröcke und einen weiten Ausschnitt, schminkt sich übertrieben, trägt hochhackige Schuhe und färbt sich sogar die Haare. 

Muxeidad in der Gesellschaft von Oaxaca

Muxeidad - 6 © Mario Patiño Es erweist sich als schwierig, mit Ja oder Nein auf die Frage antworten zu wollen, ob muxe ein drittes Geschlecht ist. Erinnern wir uns, dass muxe in dem Maβe existiert, in dem es ein gesellschaftliches Gesamtphänomen ist. Daher sollte man nicht von muxe, sondern von der muxeidad sprechen. Man müsste auch viele andere Variablen beachten, die nicht nur muxe betreffen, sondern auch Männlichkeit, Weiblichkeit und den Ritus der Entjungferung, die Erotik und die Sinnlichkeit für das Leben in einem weiteren Sinne.

Zum Beispiel versteht es sich von selbst, dass in der Sexualpraxis eines muxe permanent eine Penetration stattfinden kann. Und derjenige, der eindringt, ist nicht ein anderer muxe, sondern ein Mann im vollen Sinne des Wortes. Und an der geschlechtlichen oder Gattungsidentität dieses Mannes wird nie gerührt – nach seiner Sexualität wird nicht gefragt und sie wird nicht hinterfragt. Das heiβt, er wird nicht als muxe anerkannt und auch nicht als bisexuell oder etwas anderes. Die Art, wie dieser Mann seine Sexualität auslebt, ist einfach eine Praxis von vielen, die ihm zugestanden werden, weil er ein Mann ist.

Auβerhalb der Gemeinschaft ist man kein muxe mehr und wird zur x-beliebigen Schwuchtel, zu einem abartigen Perversen.

Zum Abschluss (ohne dabei aber irgend etwas abzuschlieβen, denn das muss man diskutieren und permanent überdenken) bin ich der Auffassung, dass, wenn es ein drittes muxe-Geschlecht gibt, dieses ins soziokulturelle Netz der Gemeinschaft eingebettet ist, denn auβerhalb der Gemeinschaft ist man kein muxe mehr und wird zur x-beliebigen Schwuchtel, zu einem abartigen Perversen.

Die Gemeinschaft benennt einen und macht einen sichtbar. Sie gibt einem einen Namen und eine echte oder symbolische Existenz und trägt zum sozialen, wirtschaftlichen oder symbolischen Kapital von jedem bei. Dieses wird in dem Maβe rekapitalisiert, in dem man in die kulturellen Praktiken dieser Gemeinschaft eingebettet ist, die Verpflichtungen erfüllt und bei den internen Abläufen mitmacht. Daher ist hervorzuheben, dass dieses dritte Geschlecht sich nur auf die tägliche Beteiligung in allen öffentlichen und privaten Sphären aufbaut, und das bedeutet nun eben Gemeinschaft! Muxeidad - 7 © Mario Patiño Man sollte sich klar machen, dass die interne Logik der zapotekischen Gemeinschaft am Isthmus in den Augen der verwestlichten Moral der restlichen mexikanischen Bevölkerung scheinbar absichtlich als unmoralisch gilt. In den Augen der dxu – der anderen / der Fremden, die es geschafft haben, „in der Haut der Eingeborenen” zu stecken – sind wir muxes eine matriarchalische, zoophile, pädophile und barbarische Gesellschaft, denn: Es werden Stiere, Ziegenböcke, Schweine und Hennen geköpft; das durch das Reiβen des Jungfernhäutchens geflossene Blut wird gefeiert und öffentlich gezeigt und eindeutig ist man Homosexuellen gegenüber nachgiebig und tolerant. 

Muxeidad – wie man Geschlecht anders denken kann

In der Logik des Kapitalismus kann man nur existieren, indem man im Wettbewerb steht, sich mit anderen vergleicht. Und da Traditionen im Kapitalismus kein Tauschwert sind und kein Geld bringen, schaffen sie auch keinen Mehrwert, es sei denn, ein Ort gilt als “pueblo mágico”. Aber kein Dort am Isthmus von Tehuantepec trägt diese Zertifizierung. Daher flieβen unsere Traditionen in keinen Wettbewerb ein, denn kein muxe wird sagen, dass er im Stadtviertel am besten betet oder den Heiligen oder die Jungfrau für ihre Feste am schönsten schmückt. Muxes strengen sich nur als instinktive, als empirische Geste an kraft ihres guenda-/Grazie-Charakters. Es gehört zum muxe-Sein dazu, sich im Dienst seiner Gemeinschaft zu sehen. Muxeidad - 8 © Mario Patiño

Von Erscheinungsformen der muxe auβerhalb von Oaxaca zu sprechen, kann sie auf riskante Art an die Spitze des Eisbergs des Marktes befördern und sie zum virtuellen Kulturgut machen, ohne gesellschaftliche Basis und ohne eine Gemeinschaft, die sie trägt. So werden sie für den Markt zu unverständlichen Zeichen und damit vieldeutig.

Aber schafft diese Äuβerung der muxe-Kultur auβerhalb des Zusammenhangs wirklich eine Gemeinschaft? Stärkt sie das soziale Gewebe, auf dem sie sich schafft und konfiguriert? Oder ist es eine Queer-Strategie, die in die vorherrschenden Subjektivitäten ihrer jeweiligen Kontexte einbrechen will? Oder vielleicht ein virtueller Karneval?

Nach all dem könnte ehrgeizig gestrebt werden. Aber das guenda kommt im Ehrgeiz nicht vor. Das heiβt, wenn Menschen mit Begabung (guenda) diese aus Ehrgeiz heraus nutzen würden, dann könnten sie es verlieren: Das guenda kann einen verlassen, und je gröβer der Wunsch ist, besser zu sein, umso gröβer wird die Entwurzelung der Begabung.

Sich anzubieten, sich zu opfern, um zu helfen, zu dienen, verleiht dem muxe eine gesellschaftliche Anerkennung, verleiht ihm Respekt, seinen Platz in der sozialen Struktur und Ansehen.

Ich würde sogar sagen, dass derjenige, der der Beste ist, nicht alles daran setzt, der Beste zu sein. Ihn leitet sein guenda, als Grazie mit dem Wunsch zu dienen, die Verpflichtung zu erfüllen, das Versprechen zu halten. Und daher kommt der Geist der Abneigung, des Opferns, der Aufteilung zwischen seinen wirklichen oder symbolischen Gütern; der Geist des Anhäufens, um dann zu verschwenden, wie beim potlatch-Fest der Kwakwaka'wakw.

Und diese Äuβerung, sich anzubieten, sich zu opfern, um zu helfen, zu dienen, verleiht dem muxe eine gesellschaftliche Anerkennung, verleiht ihm Respekt, seinen Platz in der sozialen Struktur und Ansehen. Denn all das liegt in seiner Person begründet und in seiner Beschaffenheit, „denn die sind so!” Und zwar weil die muxe Grazie / guenda haben und nicht etwa, weil sie die Besten wären.

Das möge als mein Beitrag zu einem weniger vereinfachten Verständnis von muxe durch die Auβenwelt gelesen werden. Es zeichnet sich die Unmöglichkeit ab, über muxe zu sprechen, ohne die anderen Institutionen wie baalana, die Weiblichkeit, die Männlichkeit zu betrachten. Daher sage ich im Spaβ, dass es mit muxe wie mit König Midas ist – mit dem Unterschied, dass dieser alles, was er berührte, in Gold verwandelte und der muxe sich mit allem (allen), die zu ihm in Kontakt treten, muxeidisiert.

muxeidad ist ...

Muxeidad - 9 © Mario Patiño Muxeidad ist eine auf einen geografischen Raum in der Region des Isthmus von Tehuantepec im Staat Oaxaca beschränkte Lebensweise, die in Gesellschaften mit dem „ethnischen Stil” der Zapoteken latent vorhanden ist. 
Die „Hauptdarsteller” der muxeidad sind Menschen, die mit Penis und Hoden zur Welt kommen und in ihrem Alltag kulturelle Rollen annehmen, die als nichtmännliche Berufe, Aufgaben, Ästhetiken und/oder Vorlieben gelten.
Muxeidad ist eine Lebenspoetik und eine weniger orthodoxe Subjektivität zum Annehmen und Leben der Körper, die auβerdem in Kontrast zur „anständigen“ Heteronormativität steht.
Muxeidad ist eine galoppierende Wirtschaft, die Überschüsse schafft, von denen eine Kernfamilie ernährt werden kann, groβzügig mit den Nichten, Neffen und Eltern, praktiziert in der guelaguetza, guendaliza, der Freiwilligenarbeit im Dort, dem Gemeinsamen und mehr.
Muxeidad ist eine Ästhetik, die sich in der Form und in den Arten wiederspiegelt, wie Räume für Feste geschmückt werden.
Muxeidad ist eine ausgewogene, offene und ehrliche Art, einige patriarchalische Aussagen als Wahrheiten zu hinterfragen und zu entstellen.
Muxeidad ist die Spitze des Eisbergs einer Lebenspraxis mit einer Zeitrechnung der „langen Dauer” im Sinne von Fernand Braudel.
Muxeidad ist eine eifersüchtige Festung der synkretistischen Religiösität und der Nacktheit von Heiligen und Jungfrauen.
Muxeidad ist die Hand, auf die sich Väter und Mütter im hohen Alter stützen.
Muxeidad ist Koitus und Fellatio zwischen „Männern”, während das Wasser im Fluss die Nackten bedeckt.
Muxeidad ist eine Art, den Erhalt der Jungfräulichkeit von Frauen zu schützen.
Muxeidad ist eine Art, ohne Ängste, ohne Schuldgefühle, ohne Gewissensbisse und ohne das Empfinden von Sündhaftigkeit das Ausleben der Sexualität zu beginnen und zu entdecken.
Muxeidad sind Arten, wie Männer mit muxes ein sexuelles Leben beginnen.
Muxeidad ist der Bruch mit dem jüdisch-christlichen Paradigma der Sexualität, des Privatbesitzes des Körpers, der heteronormativen Familie und der Monogamie. 
Muxeidad ist eine Art des Widerspruchs zum 3. Buch Mose Kapitel 20, 13.
Muxeidad ist eine Möglichkeit, sich zu verlieben und glücklich zu sein, auch wenn sie nur ab und zu mal vorbeikommt.
Muxeidad ist die Wunschvorstellung, geliebt zu werden, während man mit Alkoholfahne und Nikotinzunge geküsst wird.
Muxeidad ist finanzielle Unabhängigkeit und ein Bett zu haben, das gelegentlich durch einen zufälligen Liebhaber gewärmt wird.
Muxeidad ist, beim Fest zum fünfzehnten Geburtstag der Frauen aus dem Stadtteil der Choreograf zu sein.
Muxeidad bedeutet, als Leitwolf dressiert zu werden, selbst wenn der Silberrücken Nagellack und die Brustbehaarung Kunsthaar oder Federschmuck auf dem Kopf sind.
Muxeidad ist ein mesoamerikanisches Gefäβ, das nicht zum typischen Tongefäβ tepalcate wurde.
Muxeidad ist ein Kodex, der vor den Flammen des ewigen Höllenfeuers davongekommen ist.
Muxeidad ist ein mehrdeutiger Signifikant.
Muxeidad ist ein Alphabet und muxe ein Phonem.
Muxeidad ist eine Verflechtung aus Zeichen und Symbolen.
Muxeidad ist ein ethnischer Stil.
Muxeidad ist die Art, wie eine Gemeinschaft Werte, Formen und Rhythmen annimmt. 
Muxeidad ist fernab vom Isthmus von Tehuantepec „Polygamie”, „Inzest”, „Verführung Minderjähriger”, irrationale Beschaffenheit, Aberglaube, Glaubensvorstellung, Betrug, Götzendienst, Sodomie und ruchlose Sünde, die mit allem giftigen Groll in einem ekelhaften homosexuellen Körper wohnt.

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