Duncan Lien Preisträger 2020

Gutekunst FoG

Preisträger 2020

Für seine Übersetzung eines Auszugs von Dilek Güngör’s Ich bin Özlem (Verbrecher Verlag, 2019), lautet der Gewinner des jährlich vergebenen Gutekunst Prize of the Friends of Goethe New York Duncan Lien
 
Die Jury, bestehend aus der Buchkritikerin und Übersetzerin Tess Lewis, der Übersetzerin Alta Price und dem Herausgeber bei Farrar, Straus & Giroux, Jeremy Davies, begründet die Entscheidung wie folgt:
"Die Jury des Gutekunst Prize 2020 ist sehr erfreut, Duncan Lien für seine fesselnde und nuancierte Übersetzung von Dilek Güngörs Ich bin Özlem zu würdigen. Der Roman erforscht auf sehr feinfühlige Weise den Identitätsbegriff der Grauzone zwischen der Einwanderungs- und der dominanten Kultur. Dargestellt wird der Aufbruch Özlems, die sich als zwanzigjährige Tochter von türkischen Einwanderern vor Vorurteilen, vorgefassten Meinungen und verwurzelten Verhaltensmustern schützen bzw. diese übergehen konnte. Dabei überzeugt das Buch dadurch, dass die Protagonistin bei ihrer Schilderung mit ihren persönlichen Behauptungen nicht zu kurz kommt.
 
Duncan Liens feinsinnige Übersetzung begrenzt sich nicht darauf, Özlems Stimme wiederzugeben: Auch die sich widersprechenden und einander ergänzenden Emotionen und Töne, die die Erzählung durchziehen, werden zum Ausdruck gebracht. Es herrscht Gefühl der Scham aber auch des Stolzes vor; der Unduldsamkeit gegenüber ihres Erbes wie auch der Nostalgie; liebevolle Zuneigung zu der Familie und der Wunsch, alles, was sie verkörpert abzuwerfen. Diese Gefühle wechseln sich teil ab, teils überschneiden sie sich. In seinen elf Seiten schafft es der Übersetzer mit Register, Wortschatz und Rhythmus diese Gefühle fassbar zu machen. 
 
Die 34 Beiträge dieses Jahres waren allesamt sehr überzeugend, Duncan Lien ragte jedoch für seinen Erfindergeist und sprezzatura heraus."

Lien kommentierte wie folgt seine Übersetzungsarbeit:

"Dilek Güngörs Werk von 2007 Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter zählte zu einer meinen ersten Begegnungen mit der türkisch-deutschen Literatur. Es war mir daher eine Freude, mich als Übersetzer mit ihrem letzten Roman Ich bin Özlem auseinanderzusetzen. Ich weiß nicht, ob ich aufgrund dessen einen Vorsprung genoss, zumal mehr als zehn Jahre seit der ersten Begegnung vergangen sind. Während dessen habe ich in der Türkei gelebt und konnte mich mit der türkischen Kultur als enger Außenseiter vertraut werden. Auch wenn ich nicht den gleichen Hintergrund wie Özlem – eine in Deutschland geborene Tochter türkischer Einwanderer – habe, kam ich dennoch in der privilegierten Position, ihre ambivalente Beziehung zur türkischen Kultur nachvollziehen zu können. Außerdem konnte dadurch klargestellt werden, dass weder die Protagonistin noch ihre Geschichte lediglich im Rahmen des kulturellen Konflikts aufgefasst werden können.
 
Der Text enthält eine unglaubliche Anzahl an Referenzen an die türkische Kultur und türkischer Begriffe, doch dies ist nur eine der vielen Hürden für den Übersetzer: Die große Herausforderung besteht nämlich darin, das weite Spektrum an Emotionen und Sprachregistern zu erfassen, insbesondere Özlems Flashbacks in ihre Kindheit. Ein Beispiel ist die Darstellung der Verwunderung seitens der Erzählerin gegenüber des schwäbischen Vespers mit dem entsprechenden Gedeck und der strengen Tischmanieren.  In der Schule artet eine Begegnung mit Rüpeln in ethnische Beleidigungen aus, die kein englisches Äquivalent haben, wobei hier Özlem ihre Besessenheit mit ihrem eigenen Körpergeruch entwickelt. Übersetzungsprobleme konnte ich glücklicherweise dadurch bewältigen, indem ich die Rolle dieser Passagen in der Erzählung nachvollziehen konnte."          

Sie können Duncan Liens preisgekrönte Übersetzung eines Auszugs von Dilek Güngörs Ich bin Özlem hier lesen:

Über Duncan Lien

Duncan Lien
© Özge Şat-Lien
Duncan Lien ist Doktorand im dritten Jahr in Komparatistik und spezialisiert sich auf transnationale deutsche Literatur mit Fokus auf die deutsch-türkischen Beziehungen in der Literatur. Sein Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit der Überschneidung zwischen Arbeitsmigration und politischer Migration zu Zeiten des Kalten Krieges in der Gründung der türkisch-deutschen Literatur. Im Rahmen dieses Projekts wird das Engagement der AutorInnen in transnationalen Debatten über den Realismus und die multilingualen Strategien dieser erkundet und analysiert, inwiefern diese Themen den Begriff einer politischen und kulturellen Kollektivität im deutsch-türkischen Spektrum beeinflussen. Darüber hinaus hat Duncan in seinem Artikel “Rehearsing Better Worlds: Poetry as A Way of Happening in the Works of Tomlinson and MacDiarmid” im Magazin Philosophy and Literature über literarische Begegnungen zwischen Türkei und Albanien geschrieben. Weitere Forschungs- und Lehrthemen umfassen Translation, visuelle Erzählungen und die Beziehung zwischen Geschichte und Literatur.

Über den Gutekunst Prize of the Friends of Goethe New York

2010 erhielt das Goethe-Institut New York eine Spende zum Gedenken an Frederick und Grace Gutekunst. Ein Förderpreis wurde ins Leben gerufen, um talentierte Nachwuchsübersetzerinnen und-übersetzer von deutscher Literatur zu entdecken und sie zu unterstützen, Kontakte in der Übersetzungs- und Verlagswelt zu knüpfen. Ab 2017 wird der Preis von den Friends of Goethe New York gefördert.

Der Gutekunst Preis of the Friends of Goethe New York richtet sich an alle College Studentinnen und Studenten sowie an alle Übersetzerinnen und Übersetzer unter 35, die bisher weder publiziert haben noch unter Vertrag für eine Buch-Übersetzung stehen. Zur Teilnahme ist ein literarischer Text von ca. 15 Seiten zu übersetzen. Die Übersetzungen werden von einer Jury beurteilt, die aus drei Übersetzern bzw. Literaturexperten besteht. Der Preis ist mit $2.500 Dollar dotiert.
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