Mirela Kimbrough

© Mirela Kimbrough Frau Kimbrough, erzählen Sie uns etwas über Ihren Hintergrund: Wo, wann und weshalb haben Sie Deutsch gelernt?

Ich stamme ursprünglich aus Bosnien. Vor meiner Geburt hatte meine Mutter 20 Jahre lang in Deutschland gelebt. Als 1992 der Krieg in Bosnien-Herzegowina ausbrach, beschloss meine Familie, nach Deutschland zu ziehen, weil meine Mutter bereits die Sprache sprach. Ich habe in Deutschland die Mittelschule besucht und dann zogen wir 1999 in die USA um. Meine Mutter meinte, es wäre eine tolle Idee, mich auf der High School zum Deutschunterricht anzumelden. Ich habe vier Jahre lang Deutsch belegt, und obwohl ich Deutsch sprach, war es um meine Grammatikkenntnisse weniger gut bestellt. Ich habe mich dank eines Lehrers an meiner High School in die Sprache verliebt, der mir viel geholfen hat – am Ende beschloss ich, dass ich Deutsch unterrichten wollte.

Was gefällt Ihnen besonders an der deutschen Sprache?

Mir gefällt, dass die Sprache so direkt ist. Was man sagt, ist, was man meint. Natürlich ist Deutsch eine alte Sprache mit einer Menge verschiedener Fälle und grammatikalischer Konventionen, die mir aber absolut sinnvoll erscheinen. Außerdem ist es viel leichter zu schreiben als Englisch. Für mich funktioniert Deutsch einfach.

Erzählen Sie mir von dem Punkt, an dem Sie beschlossen haben, auf Ihren Deutschkenntnissen aufzubauen und Deutschlehrerin zu werden.

In meinem vorletzten Jahr an der High School sagte meine Mutter, ich müsse mich für ein Hauptfach entscheiden und dabei bleiben. Also beschloss ich, Deutsch zu unterrichten. Mir gefiel die Idee – so konnte ich tun, was mir Spaß macht, und täglich im Unterricht Deutsch sprechen. Außerdem haben Deutschlehrer in den USA mehr als vier Monate im Jahr frei, und das fand ich auch sehr verlockend!

Wann haben Sie Ihre ersten echten Unterrichtserfahrungen gesammelt?

Das war 2009 an der Georgia State University. Ich war Teaching Assistant und unterrichtete einen Kurs [für das zweite Semester] – ich fand es einfach toll. Später unterrichtete ich andere Kurse [für das erste und zweite Semester], sodass ich einige Erfahrungen sammeln konnte, bevor es ernst wurde.

War die Unterrichtserfahrung bei realen Schulklassen statt an der Uni anders als Sie erwartet hatten?

Ja, auf jeden Fall. Beim Unterricht stützt man seinen Ansatz immer auf das eigene Verständnis [des Materials] und darauf, was einem logisch erscheint. Aber dann erkennt man, dass man oft zwanzig, dreißig oder noch mehr Schüler hat, die Dinge nicht auf dieselbe Weise verstehen. Man muss also unterschiedliche Möglichkeiten finden, diese Schüler zu unterrichten, von denen einige vielleicht sogar Dinge ganz anders verstehen als die meisten ihrer Mitschüler. Sie haben im weiterführenden Studium beschlossen, Deutschlehrerin im öffentlichen Schulsystem zu werden.

Wieso haben Sie beschlossen, an einer Schule zu unterrichten und nicht beispielsweise an der Uni zu bleiben?

Ehrlich gesagt ist es viel schwieriger, eine Vollzeitstelle im Hochschulbereich zu bekommen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich, dass ich in nächster Zeit nicht promovieren würde, und dass die Möglichkeiten mit einem Master äußerst eingeschränkt waren. Und da ich in einem Vorort wohnte, dachte ich mir, ich könnte es doch mit dem Unterrichten an der High School probieren. Ich habe es ausprobiert und war Feuer und Flamme.

Wie haben Sie Ihr Lehrerdiplom bekommen?

Nach dem Master-Abschluss 2011 sprach ich für eine Stelle als Deutschlehrerin in einer High School vor Ort vor. Sie fragten mich, ob ich schon meine Lehrerausbildung absolviert hatte, und ich sagte nein. Sie gaben mir dennoch eine Chance, stellten mich ein, und gaben mir drei Jahre Zeit, um die Ausbildung nachzuholen. Ich habe mich sofort für das einjährige Programm „Teach Gwinnett“ angemeldet, den Großteil der Kosten übernahm der Bezirk. Der Kurs fand einmal pro Woche statt und man konnte ihn fast vollständig online absolvieren. Ich war in zehn Monaten fertig und habe mein Lehrerdiplom über diese „alternative Schiene“ bekommen. Außerdem war das erheblich billiger, als noch ein Studium anzuschließen.

Sie sind nun bereits seit einigen Jahren Lehrerin. Was hat sich als schwierigster Aspekt des Unterrichtens entpuppt – allgemein und speziell in Bezug auf Deutsch?

Ganz allgemein gesehen ist es eine Herausforderung, bis zu 30 Schüler in einer Klasse zu haben und Möglichkeiten zu finden, allen im Unterricht gerecht zu werden. Außerdem kann man nicht einfach ein Konzept lehren und dann sofort zur nächsten Sache übergehen. Wenn man das Wissen bei Tests abfragt, stellt man fest, dass 30 bis 40 Prozent der Schüler den Inhalt nicht wirklich begriffen haben. Ich muss mir dann einen neuen Ansatz ausdenken und etwas anderes tun, damit sie es behalten können, z. B. ihnen ein Video zeigen. Die größte Herausforderung war wohl, die nötige Zeit zu finden, die verschiedenen Unterrichtsmethoden anzuwenden und all die verschiedenen Lernstile zu berücksichtigen. In Bezug auf den Deutschunterricht liegt die Herausforderung darin, dass viele Schüler in den USA ihre eigene Sprache nicht verstehen. Allzu oft muss ich also erst äquivalente Strukturen in Englisch durchgehen, bevor ich ihnen ein bestimmtes Konzept in Bezug auf die deutsche Sprache beibringen kann. Schüler müssen begreifen, dass Deutsch kein Englisch ist – sondern eine andere Sprache mit anderer Grammatik und anderer Satzstruktur, für die man Deutsch denken muss.

Das ist ein interessanter Gedanke. Wie schafft man es, „Deutsch zu denken“?

Ehrlich gesagt arbeite ich noch daran. Ich erinnere sie die ganze Zeit daran, dass sie Englisch denken und sie einen Schritt zurück gehen und die Dinge neu, aus deutscher Perspektive angehen müssen. Gemeistert habe ich das natürlich noch nicht!

Was hat bei Ihnen im Hinblick auf die Unterrichtsmethoden funktioniert und was nicht? Gibt es Dinge, die Sie geplant hatten und die im Klassenzimmer nicht funktioniert haben?

Mir wurde immer beigebracht, dass Gruppenarbeit ein hervorragendes Lehrmittel sei. Die Schüler sollten dabei zusammenarbeiten und voneinander lernen. Leider hat das in meiner Klasse nicht funktioniert. Schüler wollen über verschiedene Dinge reden und nicht unbedingt über das aktuelle Thema, sodass Gruppenarbeit sich so gut wie nie als erfolgreich erwiesen hat. Ich habe es noch nicht geschafft, sie beim Arbeiten in der Gruppe zu bewegen, so viel Deutsch zu sprechen, wie ich mir das vorstelle. Das Sprachlabor dagegen funktioniert. In meinem Namen wurde ein Brief an die County aufgesetzt, in dem wir um ein Sprachlabor gebeten haben, und erst letzten Monat wurde es in meinem Klassenzimmer aufgebaut. Jetzt kann ich die ganze Klasse paarweise anleiten, sich auf Deutsch zu unterhalten. Gleichzeitig kann ich ihrer Unterhaltung zuhören und sie aufzeichnen. Vorher konnte ich in einer Standardklasse mit mehr als 30 Schülern immer nur bei einem Teil der Schüler überprüfen, ob sie sie wirklich Deutsch sprachen, während der Rest oft Sachen gemacht hat, die nichts mit Deutsch zu tun hatten.

Wenn Sie sich die Schüler ansehen, erkennen Sie dann einen bestimmten „Typus“, der hier in den USA Deutsch belegt? Oder anders ausgedrückt: Haben diese Schüler etwas gemeinsam?

Am ersten Unterrichtstag fordere ich meine Schüler immer auf, mir ehrlich zu sagen, wieso sie Deutsch belegt haben. Einige sind nur da, weil sie irgendein Verwaltungsmensch in meine Klasse gesteckt hat. Die Mehrzahl der Schüler hat jedoch entweder deutsche Vorfahren oder Angehörige, die Deutsche sind, Deutsch sprechen oder in Deutschland leben. Außerdem stelle ich fest, dass die meisten meiner Schüler ein gemeinsames Interesse haben: Sie mögen deutsche Musik, deutsche Kultur, und viele meiner Schüler der Stufe 3 oder 4 möchten entweder BWL oder Ingenieurwesen studieren.

Angenommen Sie haben Fragen zu Methoden oder müssen sich neue Ideen, Materialien usw. beschaffen. Woher bekommen Sie Unterstützung? Welche Quellen gibt es?

Es gibt etwa 20 Deutschlehrer in meinem Bezirk, viele davon unterrichten seit 20 oder sogar 30 Jahren. Sie treffen sich jeden Monat zwei bis drei Stunden lang an einer Schule vor Ort. Dort tauschen wir uns über Ideen, verschiedene Unterrichtsmethoden, Arbeitsblätter, Übungen und Spiele aus – im Prinzip alles, was den Schülern das Lernen erleichtert. An dieser Gruppe bin ich aktiv beteiligt. Außerdem verlangt die County, dass wir [Lehrer] eine bestimmte Anzahl von Weiterbildungsstunden für Technologie absolvieren und mehr Technologie [im Klassenzimmer] einsetzen, um den Schülern von heute zu besseren Lernerfolgen zu verhelfen. Diese wöchentlichen Schulungen helfen mir, bessere Möglichkeiten zu finden, meine Schüler zu unterrichten und alle in der Klasse anzusprechen. Natürlich hatte ich im Laufe der Jahre außerdem viele tolle Kollegen und Kolleginnen, die mir viel geholfen und mich während des Prozesses unterstützt haben.

Gibt es weitere Unterstützung, die Sie sich wünschen würden oder die Sie benötigen?

Eine Sache, die ich gerne tun würde, wäre, meine Schüler mehr deutsche Kultur erleben zu lassen. Im Augenblick gibt es nicht allzu viele Möglichkeiten für die Kinder, sich außerhalb des Klassenzimmers über deutsche Kultur zu informieren. Ich habe erst vor kurzem festgestellt, dass das Goethe-Zentrum Atlanta alle möglichen verschiedenen Veranstaltungen und Möglichkeiten für Schüler bietet, deutsche Kultur zu erleben. Das ist etwas, was ich in Zukunft auf jeden Fall besser nutzen möchte. Ich betreibe einen riesigen Deutschklub, an dem mehr als 100 Schüler teilnehmen. Dank des Goethe-Zentrums habe ich nun viele neue Möglichkeiten, meinen Schülern die deutsche Kultur hautnah zu vermitteln.

Welche Aussichten haben die Schüler mit ihren erworbenen Deutschkenntnissen nach dem Schulabschluss?

Als ich mir die Statistiken zuletzt angeschaut habe, wollte ein Viertel aller Schüler in die Wirtschaft gehen oder am College BWL studieren. Ich habe kürzlich einen Artikel gelesen, in dem stand, dass Deutschland eines der fünf führenden Länder für Exporte in die USA ist. Wenn Schüler also in die Wirtschaft wollen, werden sie meiner Meinung nach enorm von ihren Deutschkenntnissen profitieren, besonders, wenn sie ihre Kenntnisse nach dem Abschluss ausbauen.

Die Fragen stellte Tim Jansa.