Zweisprachige Erziehung

So erziehen Sie Ihr Kind zweisprachig

Von Dr. Fabrice Jaumont

Was Eltern zuhause tun können, um ihrem Kind den Erwerb mehrerer Sprachen und das Beibehalten der Muttersprache zu erleichtern

Eine zweisprachige Erziehung gewährt Ihrem Kind Zutritt zu Kulturen und Gruppen, die einsprachigen Menschen verschlossen bleiben. Zwei- und Mehrsprachler führen nachweislich ein besonders interessantes, vielfältiges Leben und können unzählige Chancen nutzen. Mit zunehmender Globalisierung stehen geografische Grenzen der weltweiten Ausbreitung von Ideen und Kulturen immer weniger im Wege. Darüber hinaus ist die komplexe Identität zweisprachiger Menschen heute relevanter denn je zuvor, ein Trend, der in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen wird. Einsprachige Eltern und Eltern, die ­– ob durch ihre Herkunft oder ihre Bildung bedingt – bereits eine zweite Sprache sprechen und diese an ihr Kind weitergeben möchten, fragen sich häufig, wie sie ihr Kind am besten zweisprachig erziehen und was sie zuhause neben der schulischen Bildung in der Zweitsprache dafür tun können. Hier beantworten wir einige der besonders häufig gestellten Fragen.
 
Wie erziehe ich mein Kind zweisprachig?
Die zweisprachige Erziehung muss früh ansetzen, möglichst noch bevor das Kind in die Schule kommt. Bildungsexperten sind sich einig, dass der frühzeitige Beginn entscheidend wichtig ist. Daher setzen die meisten Programme im Kindergarten- oder spätestens im Grundschulalter an. Um ein gutes Niveau zu erreichen, ist die Unterstützung in der Familie jedoch unverzichtbar, was nicht verwunderlich ist: schließlich ist Sprache stets mit Tradition und Kultur verwoben. Der Lernende muss motiviert sein, was eine Affinität zur mit der Sprache verknüpften Kultur voraussetzt. Je mehr die Sprache in der kulturellen Erfahrung verankert werden kann, z. B. durch Kontakt mit Muttersprachlern oder indem Tradition und Wortschatz miteinander in Verbindung gebracht werden, desto besser wird die Sprache gemeistert. Eltern können ihren Kindern vorlesen, der Altersgruppe entsprechende Bücher und Zeitschriften kaufen, Lieder anhören, Cartoons schauen, Brettspiele spielen oder Apps herunterladen, die das Interesse an der Zielsprache und -kultur fördern.
 
Welche Sprache sollte ich mit meinem Kind sprechen?
Im Zuge des Spracherwerbs ist es ganz natürlich, dass Kinder die Menschen sprachlich nachahmen, die sie am häufigsten hören – vor allem also ihre Eltern. Das kann ein Problem darstellen, wenn Eltern in einer Sprache mit ihren Kindern kommunizieren, die sie nicht fließend sprechen oder die ihnen Probleme bereitet. Forscher haben nachgewiesen, dass es sinnvoller ist, wenn Eltern in ihrer Muttersprache mit ihren Kindern kommunizieren, statt gebrochenes oder grammatikalisch fehlerhaftes Englisch zu sprechen (auf die USA bezogen). Jede Sprache, die das Kind sprechen soll, muss fest verankert werden – ob Englisch oder eine zweite Sprache – und ein solides Fundament haben, das in jungen Jahren durch die Kommunikation mit Eltern und in der Familie gelegt wird.
 
Verzögert die zweisprachige Erziehung die Sprachentwicklung?
Manche Eltern sind überzeugt, dass Kinder später sprechen lernen, wenn sie zweisprachig aufwachsen. Diese Annahme wird jedoch nicht durch die zunehmend umfangreichen Forschungsarbeiten zu diesem Thema gestützt. Bei einigen zweisprachigen Kindern kann es zu einer Verzögerung kommen, dies ist jedoch nur eine vorübergehende Erscheinung. Da zweisprachige Kinder ihre Sprachen in unterschiedlichen Situationen, Bereichen und Umfeldern nutzen, kann es sein, dass sie ein unterschiedliches Vokabular in den jeweiligen Sprachen entwickeln. Wenn alles in der Familie, zuhause und beim Spielen in einer Sprache abläuft und der gesamte schulische Bereich in einer anderen Sprache, überrascht es nicht, wenn Kinder ein nicht deckungsgleiches Vokabular in den beiden Sprachen entwickeln. Die Forschung lässt darauf schließen, dass zweisprachige Kinder angesichts des kompletten Vokabulars in beiden Sprachen einen weit umfassenderen, facettenreicheren Wortschatz und eine deutlich bessere sprachliche Ausdrucksfähigkeit besitzen als einsprachige Kinder in ihrem Alter.
 
Was mache ich, wenn mein Kind sich weigert, unsere Muttersprache zu sprechen?
Es kommt vor, dass Kinder irgendwann die Sprache ihrer Eltern ablehnen. Das kann entweder mit jugendlicher Rebellion und der Pubertät zusammenhängen oder durch sozialen Druck und den Wunsch auftreten, dazuzugehören. In solchen Situationen ist es sinnvoll, eine Möglichkeit zu suchen, das Kind zu motivieren, die der Identität und Persönlichkeit des Kindes Rechnung trägt. Dabei gilt es, gut zuzuhören und die Gründe zu berücksichtigen, die das Kind dafür angibt, eine bestimmte Sprache nicht mehr sprechen zu wollen. Nur so kann das Kind das eigene Lernen in die Hand nehmen und eigenständig ein neues Interesse an der Sprache entwickeln. Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Einfluss des Umfelds und die Frage nach dem Status der jeweiligen Sprache. Wenn die zuhause gesprochene Sprache in der Wahrnehmung des Kindes einen geringeren Status als die in seinem Umfeld vorherrschende Sprache hat, kann es sein, dass das Kind davon Abstand nehmen möchte und jede Kommunikation oder Interaktion in dieser Sprache meidet.
 
Wie lässt sich Zweisprachigkeit in der Familie unterstützen?
Die Motivation und der Wunsch, eine andere Sprache zu sprechen, kann von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst werden, von denen einige in der Familie begründet liegen. Zwar gibt es durchaus Familien, die ganz problemlos zweisprachige Kinder in einem anregenden, kindgerechten Sprachumfeld zuhause erziehen, das gelingt jedoch nicht immer. Beispielsweise kommt es sehr häufig vor, dass zweisprachige Eltern starken Druck auf ihre Kinder ausüben, die eigene Muttersprache zu lernen, und sogar das Sprechen einer bestimmten Sprache bei Interaktionen innerhalb der Familie erzwingen. Dieser Wunsch entspricht nicht unbedingt dem des Kindes. Daher führt dieser Ansatz oftmals weder für die Eltern noch für das Kind zum Erfolg. Damit eine Immersion zuhause funktioniert, sollten Kinder vor allem positive Bestätigung erfahren, damit ihnen das Lernen der Sprache und das Verbessern ihrer Fähigkeiten Freude bereitet. Lassen Sie vor allem nicht locker: Behalten Sie die langfristigen Vorteile der Zweisprachigkeit im Blick, stellen Sie zweisprachige Regeln und Gewohnheiten zuhause auf, feiern Sie zweisprachige Feste mit Ihrem Kind, und tun Sie sich mit anderen Familien zusammen, die ihre Kinder ebenfalls zweisprachig erziehen möchten.
 
Was, wenn ich der Sprache nicht mächtig bin, die mein Kind in einem bilingualen Programm in der Schule lernt?
Auch wenn Sie die Sprache, nicht selbst beherrschen, gibt es viele Möglichkeiten, Ihr Kind zu unterstützen. Besonders wichtig sind Vorlesen und Lesen mit dem Kind – am besten in Ihrer Muttersprache. Fundierte Lesekompetenz in einer Sprache überträgt sich stark auf den Erwerb einer weiteren Sprache. Wenn das Kind begreift, wie eine Sprache „funktioniert“ und wie sie uns bei der Kommunikation mit unseren Mitmenschen hilft, entsteht sozusagen ein mentales Gerüst, das sich auf alle Sprachen übertragen lässt. Fördern Sie außerdem eine positive Einstellung zur Schule und zu den Sprachlehrern: Wenn Kinder sehen, dass die Eltern an Schulaktivitäten interessiert sind und sich engagieren, steigt die schulische Leistung in der Regel. Zeigen Sie Interesse an den Hausaufgaben in der Zweitsprache, bitten Sie Ihr Kind, Ihnen neu gelernte Wörter und Konzepte zu erklären oder neue Wörter, Lieder oder Gedichte aus dem Unterricht beizubringen, lesen Sie in der Zweitsprache zusammen, und schauen Sie, bei wie vielen Wörtern Sie die Bedeutung erraten können!
 
Was können Schulen tun, um die Zweisprachigkeit meines Kindes zu fördern?
In den letzten 20 Jahren hat sich der Ansatz im amerikanischen Bildungswesen von der reinen Einsprachigkeit weg und hin zum Ziel der Zweisprachigkeit, der sprachlichen Bereicherung und der Bewahrung der Tradition und Kultur des Herkunftslands entwickelt. Im Zuge dessen bieten immer mehr Schulen bilinguales Lernen an. Landesweit erfreuen sich diese Programme steigender Beliebtheit. Wenn das örtliche Schulsystem kein derartiges Programm anbietet, können Eltern dem Vortrieb leisten, indem sie sich mit anderen Eltern zusammenschließen, sich für die Einrichtung eines Immersionsprogramms engagieren und die Schulverwaltung und die Lehrkräfte von den Vorteilen der Zweisprachigkeit überzeugen. Viele Kinder besuchen am Wochenende kulturelle Bereicherungsprogramme in der Herkunftssprache, während ihre Familien nach weiteren Möglichkeiten suchen, sie in der Literatur, Kultur und Geschichte des Herkunftslandes zu unterrichten, um ein Gefühl von Zugehörigkeit und Selbstbewusstsein im Rahmen der Herkunftskultur zu fördern.
 
Fabrice Jaumont FJ


Fabrice Jaumont, Ph.D. ist Forscher im Bereich internationaler Bildung und Autor von The Bilingual Revolution: The Future of Education is in Two Languages (TBR Books, 2017).