Guilherme de Alencar Pinto c/o pop Convention 2017 – Köln, Deutschland

FÖrderer: InternationaleS Besucherprogramm des NRW KULTURsekretariats

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Neuigkeiten aus Köln (c/o Pop Convention)

Der erste Eindruck von einem Land, das man nicht kennt, wird immer von den „kleinen Unterschieden“ geprägt, wie der Charakter von John Travolta am Anfang von Pulp-Fiction sagt.

Im Vergleich zu Uruguay ist ein ganz offensichtlicher Unterschied in der Bauweise der Häuser zu sehen: die Architektur der Häuser wird meistens von ihren Giebeldächern bestimmt, die Fassaden münden nach oben hin in ein symmetrisches Dreieck.

Abgesehen von den Häusern in den Gemeinden einiger europäischer Einwanderer, handelt es sich hierbei um eine Architektur, die für einen Lateinamerikaner etwas Magisches hat, weil sie mehr an die Illustrationen aus Grimms Märchen als an die „Realität“ erinnert.

Schon bald stellt man fest, dass diese architektonische Bauweise von vielen modernen Wohnblöcken im funktionalen Stil durchsetzt ist (kastenförmige Konstruktionen mit Fenstern). Diese Mischung des Neuen und des Alten ist, so nehme ich an, eine Folge der Zerstörungen durch die Bombardierungen während des Zweiten Weltkriegs.

Und etwas, dass im Stadtbild im Gegensatz zu Uruguay noch mehr auffällt, als die Architektur, ist das Aufeinandertreffen Menschen unterschiedlichster Kulturen.

Eine weitere bemerkenswerte und auffällige Sache ist die hochwertige Qualität der Gegenstände. „Made in Germany“ scheint nicht nur ein Mythos zu sein, sondern tatsächlich der Realität zu entsprechen.

Das Wunderbarste ist aber die Stille: Die Leute sprechen in mäßiger Lautstärke, die Fahrzeuge sind nicht laut, die Fenster sind perfekt isoliert und es gibt keine so unangenehme Gewohnheit wie in Uruguay, Musik überall im öffentlichen Raum oder in Fahrzeugen laut aufzudrehen. Ich habe fast keine Klingeltöne von Mobiltelefonen gehört (Sie sehen, dass die Leute es vorziehen, den Vibrationsmodus einzustellen). Die Geräuschkulisse ist plötzlich voller Feinheiten und man kann die Schönheit der Klänge und der Sehenswürdigkeiten schätzen. Als ich mit vielen anderen nach dem Konzert auf einer Brücke über den Rhein spazierte und mich mit Kollegen unterhielt, kam ein Zug vorbei und der Klang des Zuges dehnte sich in der Unermesslichkeit der Nacht aus, die verschiedenen Metallgeräusche zeichneten sich mit Klangfarbenreichtum aus und die Resonanz in relativ weit entfernten Gebäuden und vielleicht in den Metallen der Brücke selbst.

Natürlich gibt es noch schönere Dinge: Köln ist eine wunderschöne Stadt, der Dom und seine Umgebung sind beeindruckend. Und als ich den Rhein sah und an dessen Ufern spazieren ging, konnte ich nicht anders, als eine tiefe innere Ergriffenheit zu fühlen. Natürlich ist ein so mächtiger Fluss ein starkes Symbol. In meinem Kopf erklang das erste Arpeggio vom Rheingold und die Rheinische Symphonie von Schumann, und ich erinnerte mich auch an »Die Wacht am Rhein« (die mich immer an die Szene in Casablanca erinnert, in der die Nazioffiziere durch die Marseillaise zum Schweigen gebracht werden).

Gestern Nachmittag hat der Kongress begonnen. Die Organisatorinnen Anna-Lisa und Linn sind außerordentlich freundlich und die Delegierten bilden eine wunderbare Gemeinschaft von Menschen aus China, der Türkei, der Slowakei und anderen Teilen Europas und Amerikas, die ihre Erfahrungen teilen und sich austauschen. Nach der Eröffnungsfeier gingen wir zum Moderat-Konzert, einem Trio elektronischer Musik, das mir unbekannt, aber sehr berühmt war, und das Furore verursachte. Deren erste Lieder beeindruckten mich nicht allzu sehr. Jemand, der wie ich in der Klassischen Musik verwurzelt ist, kann nicht verstehen, warum so viele deutsche Sänger die Tradition und die Schule der Harmonie-Arbeit ignorieren um sich mit solchen simplen Harmonien zu beschäftigen. Und auch wenn ich verstehe, dass es praktische Vorteile hat, sich in einer Lingua Franka, also auf Englisch auszudrücken, so frage ich mich doch, ob die Bandmitglieder nicht in der Lage wären, weniger kindische Texte zu verfassen, wenn sie in ihrer Muttersprache singen würden.

Alles in allem kann man sagen, dass es für einen Ausländer keinen großen Unterschied macht, ihre Texte zu verstehen oder sie nicht zu verstehen.

Aber ihre Instrumentalarbeit ist wirklich bemerkenswert: die Rhythmen, die an afrikanische, brasilianische und arabische Musik erinnern und ihre Art, von einer Tonfolge zur anderen zu wechseln. Vor allem ihre Klangideen, die nicht von Akkorden abhängen und ihre starke und unterhaltsame Bühnenshow haben mir sehr gefallen und ich bin gespannt, welche weiteren musikalischen Entdeckungen mir die c/o Pop Convention noch bringen wird.

Übersetzung: Marie-Kathrin Elbel