PACT Zollverein - Essen Martín Inthamoussu

GLÜCK AUF!

Die Tanzplattform Deutschland besteht bereits seit 1990 als Forum für Zeitgenössischen Tanz.

Alle zwei Jahre ist eine andere deutsche Stadt Gastgeberin der Tanzplattform und je nach Austragungsort wird auch das Profil der jeweiligen Ausgabe beeinflusst. Im Jahr 2018 empfängt uns die Stadt Essen. Ausrichter dieser 14. Tanzplattform Deutschland  ist dort der PACT Zollverein, eines der wichtigsten Zentren für Choreographie und zeitgenössischen Tanz in Deutschland, wenn nicht sogar in ganz Europa. PACT zeichnet sich dadurch aus, Ideen und Freiräume zu entwickeln, die eine kritische Reflexion über die Künste der Bewegung ermöglichen. Auf dem Gelände des ehemaligen Bergwerks und der Zeche Zollverein mit seinen Industriegebäuden, die Teil des UNESCO- Kulturerbes sind, bietet PACT Raum zum Austausch zwischen Künstlern, ermöglicht Debatten und erzeugt Schnittstellen zwischen Kunst, Politik, Gesellschaft und Wissenschaft.   

In Deutschland ist der zeitgenössische Tanz nicht nur auf lokaler Ebene exponentiell gewachsen, sondern hat sich dank der öffentlichen Unterstützung auch international gut entwickelt. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Bundesregierung und die Kulturstiftung des Bundes, die die Internationalisierung von Kulturgütern und Dienstleistungen fördern.

Das Bundesland Nordrhein- Westfalen (NRW), in dem sich auch die Stadt Essen befindet, ist eines der deutschlandweit leistungsstärksten Produktionszentren für zeitgenössischen Tanz, da dort seit Jahren viele freie Tanzkompanien ansässig sind. Und es war in Essen, wo Kurt Jooss (1901- 1979) den Grundstein des modernen Tanzes und der interdisziplinären Arbeit an der Folkwang- Hochschule legte.

Glück Auf ist der Satz, den die Bergarbeiter sich sagten bevor sie nach der Arbeit wieder zurück ans Tageslicht kehrten. Im Jahr 2018 werden die lokalen Bergleute zum letzten Mal hinabsteigen und diesen Satz zum letzten Mal sagen. Damit wird der Bergbau in der einst wichtigsten Industrieregion Deutschlands endgültig Geschichte sein. Dies ist ein Paradigmenwechsel, der in gewisser Weise als Metapher dient, um über die Veränderungen zu sprechen, die in diesen Tagen auch auf der Tanzplattform stattfinden.

Der künstlerische Leiter von Pakt Zollverein, Stefan Hilterhaus spricht über das Erbe des Industriezeitalters: Wir verbrauchen unsere Energieressourcen und hinterlassen Emissionen, die neue Generationen vor existenzielle Herausforderungen stellen. Unter diesem Gesichtspunkt fordert uns die Metapher des Bergbaus in einem Moment paradigmatischer Flexion im zeitgenössischen Tanz heraus, der auf der Plattform präsentiert wird.

Mit welchen ökonomischen, sozialen, politischen und ökonomischen Herausforderungen werden die Künstler konfrontiert? Wie kann diese Realität auf der Bühne gezeigt werden ohne die spektakuläre Natur der Ereignisse zu vernachlässigen, an denen ein Zuschauer teilnimmt und denen er Sinn verleiht? Wie kann man diesen tiefgreifenden Veränderungen der Technologiegesellschaft im Alltag entgegentreten? Der empfindsame Körper, der politische Körper, der ökonomische Körper, der soziale Körper, der ökologische Körper – kurzum alle möglichen Zuschreibungen des Körpers – sind die Inhalte der Tanzplattform Deutschland.

Wie das Licht am Ende des Weges, das die Bergleute sahen, wenn sie ihre Arbeit beendeten, können wir nun 13 Arbeiten der vergangenen zwei Jahre aus ganz Deutschland sehen. Darunter auch „Momentum“ von der CocoonDance Company, das im Rahmen des Internationalen Festivals der szenischen Künste von Uruguay (Festival Internacional de Artes Escénicas del Uruguay) bereits in Montevideo zu sehen war. Alle diese Arbeiten führen auf sehr solide Art und Weise einen Diskurs aus, der den Zuschauer damit konfrontiert aus dieser Perspektive neue Horizonte der Kunst zu suchen. Einer Kunst, die sich zwischen Überschwang, Feindseligkeit, dem Wort und–warum auch nicht– dem Gefühl bewegt.­ Ich betone diesen Punkt, weil der deutsche Tanz lange Zeit als emotionslos, kalt, distanziert, konzeptuell und hermetisch empfunden wurde. Diese Plattform möchte aussagen, dass am Ausgang des Minenschachts den Choreographien eine Sinnhaftigkeit verliehen wird, sie haben einen Besitzer und wir alle tragen die Verantwortung dafür, dass diese Sinne in einer von Derrida inspirierten Ketten von Signifikanten und Bedeutungen wiederum andere Sinne generieren. Gemäß der Theorie des Semiotikers Charles Sanders Pierces wird hier deutlich, dass die Bedeutung nicht in dem Zeichen liegt, das uns auf der Bühne präsentiert wird. Die Bedeutung des Zeichens ergibt sich immer in einem Zusammenhang mit den unterschiedlichen und heterogenen Erfahrungen der Zuschauer. Pierce zufolge ist ein Zeichen etwas, das für jemanden in gewisser Hinsicht anstelle einer anderen Sache steht.

So, wie die Bergleute darauf hoffen, den Schacht zu verlassen und ihren Lohn zu erhalten, so hoffen auch die Künstler dieser Tanzplattform darauf, das Licht zu erreichen- ein Licht, das aus ihnen geboren wird und das sich Ihnen nähert. Die Beziehung zwischen den Zeichen, die auf die Bühne gebracht werden, hilft dabei, die Beziehung zwischen dem Mensch und seiner Welt zu ergründen. Das ist die heterogene Suche der Künstler um die Verbindung und den Prozess der Semiose zu ergründen.

Eine herrliche Aufgabe für all jene, die sich auf diesen Prozess des zeitgenössischen Bergbaus einlassen. Glück Auf!