Susana Souto Ruhrtriennale 2019 „Internationale Künste und europäische Selbstkritik“

FÖRDERER: INTERNATIONALES BESUCHERPROGRAMM DES NRW KULTURSEKRETARIATS

Das internationale Besucherprogramm -vom NRW Kultursekretariat- hat zum Hauptziel, dass die Teilnehmer das kulturelle Leben im Rhein-, Ruhr- und Lippegebiet kennenlernen, insbesondere die Aktivitäten im Rahmen der Ruhrtriennale, die jährlich in dieser deutschen Region stattfindet. 

Die Besucher aus verschiedenen Ländern  -diesmal waren es Griechenland, die Philippinen, Ägypten, Kenia, Venezuela und Uruguay- haben durch die Teilnahme an verschiedenen Aktivitäten, wie zum Beispiel Performances, Ausstellungen, Installationen, Konzerte, Diskussionsrunden und Führungen, eine Woche Zeit für eine Annäherung an das kulturelle Leben der Region.

Internationale Besucherprogramm vom NRW Kultursekretariat - 2019 © Susana Souto Das Programm zielt außerdem darauf hin, den Austausch zwischen den teilnehmenden Künstlern und den Kulturmanagern zu fördern, um Kooperationsnetzwerke für zukünftige Projekte aufzubauen.
Meines Erachtens bietet das Programm unzählige Möglichkeiten des Austauschs zwischen Künstlern aus verschiedenen soziokulturellen Kontexten, die zur beruflichen und menschlichen Entwicklung beitragen.

Das Programm wurde mit dem Ziel entwickelt, den Teilnehmern aus aller Welt die verschiedenen Arbeitsbereiche des Festivals zu zeigen: die historischen Spielorte mit ihrer Geschichte, das Ruhrgebiet und seine kulturellen Ressourcen sowie die Künstler und den möglichen Austausch über Aufenthalte, Fördergeld usw.

Das Ruhrgebiet war schon immer das wichtigste Industriegebiet Deutschlands. Kohlengruben, Eisenindustrien und eine starke Arbeiterklasse prägten das regionale Bild. Noch heute kann dieses Bild durch die geschichtliche Aufarbeitung der einzelnen Betriebe wahrgenommen werden.
Als der internationale Handel diese Art der Produktion in der Region einstellte, begann man, die Industrieruinen als nachhaltige Räume für die Kulturförderung zu nutzen.
Diese Entwicklung, die damals Widerstand verursachte, erlangte mit der Zeit große Anerkennung. Die Europäische Union bezeichnete sogar das Ruhrgebiet als einen der kulturellen Hauptsitze Europas.

Ablauf des internationalen Besucherprogramms

Unser täglicher Rundgang beim internationalen Besucherprogramm begann immer mit einer Annäherung an die Spielorte des Festivals durch begleitete Führungen. Die riesigen alten Industriebetriebe wurden zu Räumen für künstlerische Arbeit.

Wir besuchten ebenso Kulturzentren in der Umgebung, die mit dem Festival in Verbindung stehen, wie zum Beispiel Museen und Universitäten.

Auf diese Weise machten wir täglich einen kulturellen Rundgang, durch den wir immer stärker in das Leben der Orte und die bestehenden künstlerischen-kulturellen Netzwerke im Ruhrgebiet involviert wurden.

Duisburg und sein Landschaftspark -ein Park, der die industrielle Vergangenheit der ehemaligen Kohle- und Stahlproduktion in der Region näherbringt- ist unsere erste Reisestation. In der Kraftzentrale des Landschaftsparks sahen wir „Dido and Aeneas“, eine Oper von Henry Purcell aus dem Jahr 1689 unter der Regie von David Marton, der das Stück aus einer aktuellen Perspektive inszeniert. Dabei koexistieren Handys, ein geschlossener Kreis, Tastaturen und Fernbedienungen mit mythischen Figuren, alte Gemälde und Titelseiten der Zeitschrift Time.

Internationales Besucherprogramm vom NRW Kultursekretariat - 2019 in Bochum © Susana Souto Bochum war Gastgeber unseres zweiten Tages.
Diese Stadt, die durch Bombenangriffe zerstört und dann aus den Ruinen des Krieges wieder aufgebaut wurde, eröffnete 1965 die erste Universität in der Region, als die ersten Minen geschlossen wurden.
Die Universität Bochum war am zweiten Tag der Veranstaltungsort für „Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend“ von Christoph Marthaler.
Der große, kreisförmige Hörsaal, der Anfang der 1970er Jahre mit einer nicht hierarchischen Vorstellung von künftiger Bildung erbaut wurde, bildete einen hervorragenden Raum für die Inszenierung dieses Stückes.
Dort wurde das Stück geschaffen, das den Hörsaal der Universität in ein zukünftiges Weltparlament verwandelt, in dem die Zukunft eines zerstörten Europas präsentiert wird.
Das Stück nimmt Diskurse aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg auf und wird mit musikalischen Fragmenten von Komponisten aufgeführt, die während des Zweiten Weltkriegs aus Prag und Wien vertrieben wurden. Es integriert ebenso Texte, die diese Komponisten in nationalsozialistischen Konzentrationslagern verfassten. Das Stück konfrontiert uns mit rassistischen, diskriminierenden und fremdenfeindlichen Diskursen, ihrer Irrationalität und der Gefahr des Wiederauflebens von Totalitarismus.

Internationales Besucherprogramm vom NRW Kultursekretariat - 2019 im Zollverein © Susana Souto Der dritte Tag des Besucherprogramms fand im Industriekomplex Zeche Zollverein statt, der zum UNESCO-Welterbe ernannt wurde. Diese historische Stätte war der größte Kohlebergwerkskomplex der Welt und die längste Kokerei Europas.
Seit seiner Schließung als Industriestandort im Jahr 1986 entwickelte sich dieser Raum zu einem großen Zentrum für Kunst, Kultur und Kreativität, das jährlich mehr als zwei Millionen Besucher anzieht.
An dieser Stelle interessierte mich besonders die Arbeit von PACT Zollverein, einem Zentrum für künstlerische Residenzen, das Tanz, Theater, Medien, Technologie und Gesellschaft mit Blick auf Forschungsprozesse verbindet.

Internationales Besucherprogramm vom NRW Kultursekretariat - 2019 in Zeche Zollverein © Susana Souto PACT ist von großer Bedeutung für die zeitgenössische Kunst, da er ein Raum für „Bewegung und Austausch zwischen Aktion, Erfahrungen und theoretischer Auseinandersetzung ist, der eine Vernetzung zwischen den Arbeitsbereichen darstellt und damit zukünftige und langfristige Kooperationen bedingt und ermöglicht“.

Ausgangspunkt für die Tanzshow „Bacchae – Prelude to a Purge“ von Marlene Monteiro Freitas ist  Euripides Tragödie „Die Bakchen”. Sie schafft eine Reihe von üppigen, explosiven Bildern, die von Karneval, Mythologie, Pop und Volkskultur inspiriert sind.
Diese Tanzshow, die alle Sinne weckt, wurde von dem Besucherprogramm ausgewählt, um das Potenzial des PACT Zollvereins zu zeigen.

Am vierten Tag unserer Tour fuhren wir zurück nach Bochum. Diesmal besichtigten wir die Stadt anhand der Videoinstallation „Solidarität“ von der griechischen Künstlerin Barbara Enhes.
Diese besteht aus Interviews, die Enhes zwischen 2017 und 2019 in Griechenland und dem Ruhrgebiet führte.
Dabei geht es um einen Spaziergang durch verschiedene zivilgesellschaftliche Organisationen und Bochumer Institutionen, die mit dem Begriff Solidarität verbunden sind. Jeder Besucher sieht auf eigens dafür vorgesehenen Bildschirmen die geführten Interviews und kommt somit Institutionen in der Stadt näher, die mit diesem Konzept eng verbunden sind. Laut Enhes „scheint Solidarität angesichts aktueller Krisen längst nicht mehr nur eine moralische Option, sondern eine Notwendigkeit zu sein”.
Die Videoinstallation bietet zudem einen Rundgang durch den Third Space, eine Baustelle und Bar, informeller Treffpunkt und Platz für öffentliche Diskussion, Wohnzimmer und Akademie.

Die Künstlergruppe Raumlaborberlin gestaltet den Vorplatz der Jahrhunderthalle Bochums als Baustelle und gibt ihm den Namen Third Space. Es geht um Fragmente eines Flugzeugs, die in einen Raum für Kunst verwandelt werden.
“Bruchlandung oder Neukonstruktion eines Flugzeugs? Ein Herstellungs- oder Reparaturbetrieb für öffentlichen Raum? Für alle sichtbar wird der leere, unwirtliche Raum vor der ehemaligen Gaskraftzentrale, der heutigen Jahrhunderthalle, für die Dauer des Festivals umgestaltet.
(…) Wir bestellen Tomatensaft, legen die Gurte an und stellen den Sitz gerade. Was für eine Gemeinschaft kommt in einem Flugzeug zusammen? Was verbindet sie, was trennt sie?
Die Passagiere sind eingeladen in ein gestrandetes Flugzeug, um bei einem Snack über Gesehenes zu sprechen und in Flugzeugsitzen Kurzfilme zu schauen.”

Die Konzeption dieses Raumes, der zutiefst demokratisch, offen und spielerisch ist, war für mich von großem Interesse, da ich mich als Künstlerin für die Prozesse interessiere, die Kunst und Gemeinschaft verbinden. Zwei sehr grundlegende Fragen fassen die Erfahrung zusammen: „Was bedeutet Beteiligung in der Öffentlichkeit? Und wie wird sie sichtbar?
Diese beiden Fragen ziehen sich durch die Konzeption dieses Third Space.

Internationales Besucherprogramm vom NRW Kultursekretariat - 2019 © Susana Souto Der nächste Halt unserer Tour war die alte Turbinenhalle der Gutehoffnungshütte (GHH) in Oberhausen, welche derzeit hauptsächlich als Konzert- und Veranstaltungshalle genutzt wird.
Die Halle wurde seit dem Rückzug der Oberhausener Stahlindustrie in den 1980er Jahren nicht mehr genutzt. Seit 1993 funktioniert sie als Nachtclub und wurde seitdem mehrfach umgebaut.
Dort besuchten wir die Architektur- und Klanginstallation „Bergama Stereo“ von Cevdet Erek. Dabei  thematisiert der Künstler die Form, den Inhalt und die historische Rezeption des Pergamonaltars, der sich heute in Berlin befindet und als Ausgangspunkt und Referenz für eine neue architektonische Interpretation des monumentalen hellenistischen Aufbaus dient.

Wir erreichten die letzte Station des Besucherprogramms mit der Teilnahme an der Tanz- und Theatershow „Congo“ unter der Regie des kongolesischen Faustin Linyekula mit Anpassung des Wortlauts von Éric Vuillard. Das Stück wurde im Landschaftspark Duisburg-Nord aufgeführt.
Wir lernten die koloniale Geschichte Kongos durch die Worte von Künstlern, die Tänze, Texte und Lieder miteinander verbanden, näher kennen.
“Den Kongo, den gibt es nicht. Er musste erfunden werden (1884: Berliner Konferenz). Die Idee von König Leopold ist fast so groß wie seine Statur, er will eine Kolonie für sich allein”. Faustin Linyekula betrat das Herz einer alten Kautschukplantage in der Nähe von Ubundu, um „in diesen Kongo zu tauchen, in dem das Summen von Wäldern und Flüssen durch das Knallen der Peitsche unterbrochen wird, wie eine große Standarte." 

Zusammenfassend ist das Internationale Besucherprogramm eine einzigartige Erfahrung, die eine bedeutende Lerninstanz darstellt. Das Networking zwischen Künstlern auf der ganzen Welt hat eine positive Auswirkung auf unsere Praxis und ermöglicht das Entstehen von Kooperationsprojekten.
 
Susana Souto
Übersetzung: Julia Picatto