Valentín Trujillo Münsterland Festival 2017 – Münster, Alemania

FÖRDERER: InternationaleS Besucherprogramm des NRW Kultursekretariats

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Spaziergang durch Düsseldorf

Die Stadt am Rhein, Heimat des deutschen jüdischen Dichters Heinrich Heine, verfügt über einige Kopfsteinpflasterstraßen, in denen man sich eine andere Zeit vorstellen kann.
Ich kam zufällig nach Düsseldorf, wo ich darauf wartete in eine andere Stadt in Deutschland weiterreisen zu können, gestrandet inmitten eines Sturms, den sie in Europa Javier nannten. Mitten im winterlichen Herbst, wolkenverhangen, feucht und windig- ein Wetter, bei dem man sich am liebsten in sich selbst zurückziehen möchte und draußen sehen kann, was in seinem innersten Selbst vorgeht.
Die Stadt liegt am Rhein, der heute von Tankschiffen befahren wird, die von seiner Strömung wie kleine schwimmende Tankstellen hinweggetragen werden.
Ein Fluss, der schon Horden kreischender Barbaren gesehen hat und römische Legionen, die siegreich aus den nahe gelegenen Wäldern zurückkehrten.
Und noch viel mehr hat dieser Fluss gesehen: Brücken, die seine Ufer bewahrten, infernalische Bombadierungen, absolute Zerstörung und wundersame Wiedergeburt- wie in ganz Deutschland.
 
Demnach stammt die älteste Architektur Düsseldorfs aus den 1950er- Jahren und das Zeitgefühl wird beim Spaziergang durch die Stadt gestört. Nur wenige Elemente im Stadtbild geben uns eine Ahnung von Spuren vergangener Jahrhunderte:  Eine wiederaufgebaute Kirche aus Stein simuliert das einstige Original, eine Treppe zum Fluss, die Pflastersteine einer Gasse, die den Krieg fast unbeschadet überstanden hat. Und plötzlich versetzt uns im Dämmerlicht eines regnerischen Tages das Krächzen einer Krähe mit blauschwarzem Gefieder in längst vergangene Zeiten. Sie könnte einer Erzählung Hans Christian Andersens, einem Märchen der Gebrüder Grimm oder einer der späteren Bearbeitungen dieser Geschichten durch Walt Disney entsprungen sein. Die Krähen kreisen über der Stadt wie schattenlose, in der Erinnerung verborgene Geister.

Düsseldorf ist die Geburtstadt des jüdischen Dichters Heinrich Heine, Autor berühmter Texte, die später von den bekanntesten Komponisten ihrer Zeit wie Johannes Brahms, Franz List oder Franz Schubert vertont wurden.

Heine schrieb an den Fluss und an die Berge; er pries die Landschaft wie alle guten Romantiker es taten, fügte jedoch stets einen Hauch von Sarkasmus und Ironie hinzu. Dieser Sarkasmus bezog sich ebenso auf seine Nation und seine Kultur, als auch auf den historischen Kontext, den ihm das Schicksal zugewiesen hatte.

Er sagte sich von seiner Herkunft los und bekannte sich zum Protestantismus, weil er glaubte, dies sei als direktes Erbe Luthers, den Heine als großen Reformator vergötterte, die wahre Religion der Deutschen. Aber seine Weltanschauung und seine Herkunft waren der preußischen Regierung ein Dorn im Auge. Heine floh nach Frankreich und kehrte nie wieder in seine Heimat zurück.

Jahrzehnte später nahmen die Nationalsozialisten Heine in ihre Liste der verbotenen Autoren auf und verbrannten seine Bücher öffentlich.

Doch wie immer gibt es eine Zeit der Vergebung, und das Deutschland der Nachkriegszeit würdigt Heine entsprechend seiner Größe. Die Büsten des Düsseldorfer Dichters sind in den Brauereien der Stadt zu finden, in denen man stolz ist auf die Gerstenmalze, die Geheimrezepte und wo man die Rivalität mit dem rheinabwärts gelegenen Köln pflegt. Im Karneval fließt das Bier durch die Straßen in generalisierter Trunkenheit und vom Bürgermeister bis zu den Studenten der berühmten Kunstakademie sind alle beteiligt. Sowohl die Gemeindemitglieder als auch die Touristen erheben ihre schäumenden Biergläser und stoßen gemeinsam auf Heine an.

Die weniger offensichtliche Seite der Stadt liegt im japanischen Viertel, einer großen Gemeinde, die sich entlang der Immermann Straße erstreckt. Was würde der ins Exil geflohene Heine heute zu seiner Heimatstadt sagen? Würden er dem Besitzer einer Sushi-Bar ein Gedicht schreiben? Ja, mit Sicherheit. Die Menschen überlagern ihre Geschichten und heute liegen neben einem Glas Bier mit schlankem Hals, das wie eine Glasgans aussieht, eine Lachsrolle und ein grünes Wasabi- Quadrat, danebe- wie stumme Ruder aus Bambus- die Essstäbchen.

Kolumne / VALENTÍN TRUJILLO – El Observador ( 21. Oktober 2017)
Übersetzung: Marie-Kathrin Elbel