Die Kinder des Kalifats
Streaming

Im Rahmen von DocMontevideo 2020 zeigt das Goethe-Institut den mehrfach prämierten Film "Die Kinder des Kalifats" Online für 48 Stunden. 

Altersempfehlung: ab 16 Jahre

Samstag, 25.07., 00:01 Uhr bis Sonntag, 25.07., 23:59 Uhr


Die Kinder des Kalifats
Regie: Talal Derki, Dokumentarfilm, Deutschland 2017, 99 Min., arab. OmU


Für Of Fathers and Sons kehrte der syrische Regisseur Talal Derki aus Berlin in sein Heimatland zurück, gewann das Vertrauen des Islamistenführers Abu Osama und dokumentierte über einen Zeitraum von zwei Jahren den Alltag von dessen Familie, vor allem den der beiden Brüder Ayman (12) und Osama (13): Ein Kinderleben zwischen Kriegsspiel, Kampftraining und Indoktrinierung, aber auch nicht ohne zärtliche Momente der Vaterliebe; ein Film über die Weitergabe von Extremismus jeglicher Art. 
 

Talal Derki im Gespräch mit Kathrin Heinrich, Süddeutsche Zeitung

Warum haben Sie sich selbst so lange der Gefahr ausgesetzt, entdeckt zu werden?  
Ich musste dieses Phänomen verstehen. Was mit Syrien passiert ist. Wie eine syrische Stadt zur Hauptstadt des IS werden konnte. All diese Menschen, die plötzlich religiös sind und ihre Kinder im Kampf einsetzen - diese ganze Gehirnwäsche.

Und verstehen Sie nun, wie die Gewalt von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird? 
Ich weiß jetzt, dass man das vermeiden kann - egal in welchem Land. Wenn wir die Kinder schützen und ihnen eine friedliche Kindheit geben, werden sie als Erwachsene nicht zu Kämpfern. 

Ist es wichtig, dass der Film in Syrien spielt?  
Nein, es war von Anfang an klar, dass es nicht um Syrien geht, oder um den Bürgerkrieg. Es geht mir um die Philosophie und das Erbe der Gewalt. Darum, die Kinder zu schützen und die Extremisten zu verstehen. Das könnte überall passieren. Es gibt überall Menschen, die an Gewalt und Hass glauben, die kämpfen und streiten wollen. Deshalb zeige ich in meinem Film auch keine direkte Gewalt, sondern das tiefe psychologische Trauma, das durch die Gespräche deutlich wird. 

Am Anfang des Films erzählen Sie, dass Ihr Vater Sie als Kind dazu anhielt, Ihre Albträume aufzuschreiben, damit sie nicht zurückkämen. Haben Sie mit Of Fathers and Sons einen Albtraum festgehalten? 
Ja, das ist mein größter Albtraum: der Hass und das Erstarken der Extremisten.

Können Sie jemals nach Syrien zurückkehren?
Nein, das wäre Selbstmord. Für mich wird es für immer beim Exil bleiben. Ich habe mich an das Wort Exil gewöhnt. Meine Philosophie ist, dass Zuhause überall dort ist, wo man Frieden spürt. Für mich ist dieses Zuhause Berlin. Ein Ort, der verschiedene Kulturen akzeptiert und sie zusammenfügt, sodass Neues entstehen kann - das ist die Kraft von Berlin.
 

Pressestimmen: 

„Man kann sicher über die filmische Methode streiten, die ja diese Kinder der Öffentlichkeit preisgibt. Doch nur so gelangen seltene Einblicke in eine abgeschlossene Welt, in eine Erziehung zum Hass und Terrorismus, in eine Zurichtung zum Töten, die ebenso erschütternd wie aufschlussreich sind. Der Blick ist dabei durchaus differenziert, denn auch dieser Vater hat zärtliche Momente und die Kinder, denen man die Kindheit raubt, werden mit großer Empathie gesehen.“ (Knut Elstermann, radio eins

„Manche Auswüchse dieses Extremismus sind so bizarr, dass sie fast komisch wirken. Etwa wenn Abu Osama, der als Minensucher arbeitet und bei einem Unfall einen Fuß verliert, sich bei Allah bedankt: Der hätte ihm, wie erbeten, den linken Fuß genommen, nicht den rechten, so könne er immer noch Auto fahren. Das alles beobachtet Talal Derki scheinbar nüchtern im Stil des Direct Cinema. Die Kamera versucht, möglichst unsichtbar zu wirken – wird von den Protagonisten des Films aber sehr wohl bemerkt. Abu Osama nutzt sie als Gegenüber, um zu schwadronieren, anzugeben und sein obskures Weltbild und seine eigene Wichtigkeit als Kämpfer im Heiligen Krieg darzulegen. Auch vor seinen Kindern produziert er sich. Ob er wirklich einen Mann enthauptet hat, wie er seinen Söhnen erzählt hat?“ (Martina Knoben, Süddeutsche Zeitung)

„Frauen kommen in dem Film nicht vor. Nur einmal, als Abu Osama schwerverletzt ins Haus gebracht wird, hört man seine Frau weinen. Aber barsch befiehlt er ihr zu schweigen. Für Talal Derki sind die Frauen neben den Kindern die größten Opfer des dschihadistischen Systems: 'In dieser Gesellschaft darf die Frau nicht reden, sie darf nicht einmal erscheinen. Fremde dürfen ihre Stimme nicht hören. In dieser Szene ist der Raum voller Fremder und Abu Osama brüllt sie an, sie solle schweigen. Denn sie hat kein Recht, ihre Trauer mitzuteilen, niemandem. Diese Gesellschaft ist ein großes Gefängnis für die Frauen. Und selbst wenn diese Männer friedlich und nicht gewalttätig wären, könnte ich ihre Gesellschaft trotzdem niemals akzeptieren, einfach deswegen, wie sie ihre Frauen behandeln, diese Art, wie sie sie ausschließlich als ihr Eigentum betrachten.'“ (Wolfgang Martin Hamdorf, Deutschlandfunk

Frederik Lang